Ortsunkunde
Konterband mit Karte

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend Basler Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Konterbandwegli, Ziefen. Zweiter Anlauf.

Konterbandwegli, Ziefen. Zweiter Anlauf.

Simon Morgenthaler

An welche Grenze ich stossen werde, ahne ich nicht, als ich in Ziefen aus dem Bus steige und bei Hofmatt den Wald betrete, gegen das Solothurnische zu. Ich suche das Konterbandwegli, irgendwo am Holzenberg solle es sein, mit einem Schild versehen. Dem Strässchen entlang in diese Richtung, die Landeskarte in der Hand, 1:25 000, Blatt 1087, Passwang.

Schlendere, sinniere. Des Nachts müssen hier früher obskure Gestalten umhergeschlichen sein, Hasardeure, die Kopf und Kragen riskierten, um das billigere, lothringische Salz von Seewen her ins Baslerische zu schmuggeln. Bald bleibe ich stehen, zupfe arglos grausam an einem Zweiglein: Hätte ich nicht abbiegen müssen? Ein unerhebliches Geräusch fällt mir auf. Bei der nächsten Weggabelung werde ich mich auf der Karte orientieren.

Die zwei Wege allerdings, die sich dort unter den eigenen Füssen x-förmig überkreuzen, finde ich auf der Karte zwar weiter oben, aber durchaus nicht hier unten, wo ich jetzt stehe. Hochsteigen, überprüfen: Wenn ich beim nächsten Fahrweg rechts abzweige und dann linkerhand ein Gebäude kommt, bin ich wieder richtig. Es kommt nicht. Überhaupt scheint es mehr Wege zu geben, als auf der Karte verzeichnet. Gehe einen weiteren hinauf. Ein Hochsitz, ausgerichtet auf eine Suhle. Dead end. Zurück.

An einer prägnanten Kurve schaue ich wieder auf die Karte, wo ich nur noch prägnantere sehe. Fühle leichten Ärger in der Brust, auch am Himmel zieht es zu. Der Begriff der gestrichelten Linie scheint mir plötzlich ein Hohn, gleichen sich die Wege doch wie ein Huhn dem anderen: Der Brünneliweg dem Chüeweg, der Flüeliweg dem Laachweg und der Itinweg wiederum dem Brünneliweg, der aber auch dem Chöpfliweg gleicht – Chöpfli? Der höchste Punkt des Waldstücks, 757 Meter über Meer? Übersicht gewinnen. Steige den Vorderen Chöpfliweg hoch.

Oben kein Belvedere, sondern lediglich eine Wand von Bäumen: Ein Antennenturm ragt aus der Lichtung, nur unter Lebensgefahr zu besteigen. Wie ich hochschaue, platzen mir die ersten Tropfen eines heftigen Regens mitten ins Gesicht. Einfach auf der anderen Seite schnell gegen Seewen runter. Nach drei Abzweigungen stehe ich wieder vor dem Schild zum Vorderen Chöpfliweg, durchnässt. Spätestens jetzt hirnen oben mehrere Sinnfragen. 25 000:1, müsste es heissen, nicht umgekehrt. Dass man das Konterbandwegli nicht findet, liegt allerdings in der Natur der Sache. Oder an ihr: trotzig halte ich die Karte als Regenschutz über meinen Kopf.

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