Ortsunkunde
Heimatlosen-Phantasmagorie

Simon Morgenthaler besucht für die «Schweiz am Wochenende» frei assoziierend und fabulierend regionale Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege.

Simon Morgenthaler
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Nähe Heimetlosespitz, Anwil

Nähe Heimetlosespitz, Anwil

Simon Morgenthaler / bz Zeitung für die Region

Ich trete bei Ammel über eine Weide gegen die Kantons­grenze daher. Die Landschaft glüht bald im Abendrot. Auch der Himmel gebärdet sich ansprechend: Die pastös-zerfetzten Wolken scheinen in den am Boden verteilten und verspritzen Kuhfladen ein eigenartiges Spiegelbild zu finden. Die Umgebung ist weder hehr noch herrlich, sie ist hügelig. Hochstromleitungen ziehen wie die Fluchtlinien gescheiterter Perspektiven zum Horizont.

Nordseitig im steilen Tobel habe es früher ein staatenloses Stück Land gegeben, ein spitzes Dreieck, eingeklemmt zwischen drei Kantonsgrenzen: «In der Freiheit» habe es geheissen, später umbenannt in «Heimetlosespitz» – der Legende nach Platz der Kesselflicker und Vaganten. Erst 1931 wurde dieses Gebiet unter Basel-Landschaft, Solothurn und Aargau aufgeteilt, ein früherer Versuch scheiterte 1823, wollten doch die Wittnauer nicht «füren», die Kienberger nicht «hindern» und die Anwiler nicht «aben».

Strauchle zwischen jungen Buchen. Ein Grenzstein, beiläufig überwachsen mit Moos. Einen Baselstab erkenne ich, auf der anderen Seite solothurnisches Rot, das ergänzende Weiss allerdings halb überdeckt von schwarzer Flechte. Unvermittelt blutundbödelet es unter meinen Füssen, der Kantönligeist saust in meine Ohren. Von hinten höre ich «das Ländli isch so fründli», von vorne ganz fern «es Stedtli wunderhübsch», von links «wärisch du deheime blibe» und unten aus dem Gedärm verschämt, aber deutlich «träm, träm, trämdiridi». Ich weiss weder vor noch zurück, auch hinab will ich nicht, versteinere.

Aus dem Tobel hinten sind Geräusche zu vernehmen, ein Klopfen, leises Hämmern, bald übertönt ein unsteter Rhythmus die diffuse Nationalhypnose. Ich folge den Klängen. Am Waldrand, der das Bord gegenüber abschliesst, reges Treiben: Gesellen drücken die Blattspitzen junger Haselzweige in eine Schüssel mit Teig, dann in siedende Butter. Man bietet mir diese Küchlein an, ein Festmahl wie ein arbeitsamer Tanz, setze mich ans Feuer.

Zufrieden sei der Herrgott gewesen, erzählt eine alte Frau, als er nach der Schöpfung sein Werk betrachtet habe. Er habe die vom Lehm ­schmutzigen Hände geschüttelt und erschöpft gesagt: «do bisch ämmel» – dort, wo der letzte Klumpen hingefallen sei, liege jetzt Ammel. Und es sei eben schon ein Glück, fügt die alte Frau an, dass dieser Dreck von oben nicht bis hierher gespritzt sei, geradezu ein Segen sei’s. Ich bleibe im nassen Laub sitzen, heimelet es mir?

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