Ausgebucht

Nicht erst seit Köln: Selbstverteidigung für Mädchen boomt

«Wir üben schreien, schlagen, treten, sich befreien und Hilfe holen.» Aus dem Beschrieb des Selbstverteidigungskurses für Prattler Primarschülerinnen.

«Wir üben schreien, schlagen, treten, sich befreien und Hilfe holen.» Aus dem Beschrieb des Selbstverteidigungskurses für Prattler Primarschülerinnen.

Anbieter berichten von riesiger Nachfrage nach Kursen für Jugendliche – aber nicht erst seit Köln. Es sei ein längerfristiger Trend, dass Jugendliche lernen wollten, wie man sich zur Wehr setzt.

Immer mehr Mädchen wollen sich wehren können. Dies zeigt das Beispiel Pratteln. Dort hat die Primarschule zusammen mit der Schulsozialarbeit einen Selbstverteidigungskurs für Schülerinnen der 4. und 5. Klasse angeboten. Die Zahl der Anmeldungen war dermassen hoch, dass die Kapazität des Kurses gleich verdoppelt werden musste.

«Waren ursprünglich zwei Kurse geplant, sind es jetzt deren vier», sagt Sandra Meier von der Gemeinde Pratteln. 48 Mädchen hätten sich bisher angemeldet, das entspreche rund 50 Prozent der angeschriebenen Primarschülerinnen.

Die Nachfrage war aber schon vor Köln gross. Denn ausgeschrieben war das kostenlose Angebot noch im alten Jahr – also schon vor den massenhaften Übergriffen auf Mädchen und Frauen in der Silvesternacht im und vor dem Hauptbahnhof Köln.

Auch das Budo-Sport-Center mit Standorten in Liestal und Basel beobachtet das gestiegene Interesse an derartigen Angeboten seit längerem und nicht «erst» seit Köln. Das beträfe nicht nur Kurse für Mädchen, sondern für Jugendliche beiderlei Geschlechts, sagt Inhaber Giuseppe Puglisi.

Auch mental sollen die Kursteilnehmer(innen) gestärkt werden.

Auch mental sollen die Kursteilnehmer(innen) gestärkt werden.

Das Center bietet speziell für Jugendliche konzipierte Lehrgänge an. Die Lektionen für 12- bis 16-Jährige seien ausgebucht, seit er sie eingeführt habe, sagt Puglisi, und das sei schon rund zwei Jahre her. «Da kann man also von einem langfristigen Trend sprechen.»

«Wehr Dich!»

Leicht mehr Anfragen habe er seit der Silvesternacht registriert, sagt Damian Mohler, Inhaber der Kampfkunst-Schule Tian Long Guan in Reinach. Viele würden sich einfach einmal darüber informieren wollen, was die Schule anbiete. «Die seit Köln stark thematisierten sexuellen Übergriffe sind nichts Neues, leider», sagt Mohler, dessen Schule unter anderem einen Kurs namens «Wehr Dich!» anbietet. «Seither ist die Unsicherheit in der Bevölkerung aber nochmals gestiegen, gerade unter Frauen und Mädchen.»

Kristin Stalder vom Unternehmen Holla in Basel sagt, die Nachfrage nach Selbstverteidigungskursen gleiche einer Wellenbewegung. Ihr Team führt die erwähnten Selbstverteidigungskurse für Prattler Primarschülerinnen durch.

«Nach Ereignissen wie nun kürzlich in Köln, die auch medial starken Niederschlag fanden, erhalten wir mehr Anfragen und Anmeldungen. Das ist schon so.» Holla gibt es seit zwanzig Jahren, es hat sich auf Bildungsangebote für Frauen und Mädchen spezialisiert.

Worauf sämtliche befragten Anbieter Wert legen: Sie würden in ihren Selbstverteidigungskursen nicht «nur» lehren, wie man sich körperlich zur Wehr setzen kann. Viel Raum würden auch mentale Aspekte einnehmen, also Körper- und Selbstbewusstsein, allgemeine Fitness, Auftreten – und Worte.

Das sei gerade bei Übergriffen auf Mädchen ein entscheidender Punkt, sagt Kristin Stalder von Holla: «Vorfälle wie jüngst in Köln überdecken, dass eine grosse Zahl der sexualisierten Gewalt an Mädchen nicht von unbekannten Erwachsenen ausgeht, sondern von Menschen aus dem sozialen Umfeld und vermehrt von gleichaltrigen Jungen.» Diese Tendenz würde von Studien untermauert und auch von Triangel bestätigt, der Opferhilfe-Beratungsstelle für Kinder und Jugendliche.

«Das sollte uns vielmehr beunruhigen und wachrütteln», findet die erfahrene Wen-Do-Trainerin. «Es kann nicht allein darum gehen, Mädchen fit zu machen, dass sie sich gegen Übergriffe wehren können. Es geht ganz allgemein um mehr Respekt unter den Geschlechtern und vor allem um eine klare, offene Sexualaufklärung, damit sexualisierte Gewalt nicht mit Sexualität verwechselt wird.»

Auch Worte nützen

Sandra Meier von der Gemeinde Pratteln pflichtet Stalders Einschätzungen bei: «Es ist wissenschaftlich belegt, dass sexuelle Übergriffe zu einem grossen Teil im erweiterten familiären Umfeld erfolgen.» Die Teilnehmerinnen des Kurses der Prattler Primarschulen würden lernen, gegenüber Menschen mutiger zu werden, welche emotional mit ihnen verbunden sind. «In allen Situation geht es darum, sagen zu können: ‹Nein. Stopp. Ich will nicht mehr!›.»

Ob die Zahl der jugendbezogenen Delikte in jüngerer Zeit auch tatsächlich zugenommen habe, darüber könne man derzeit keine statistisch gesicherte Aussage machen, sagt Kurt Frei, Leiter Jugenddienst der Polizei Basel-Landschaft. Dies, weil die Zahlen des Jahres 2015 erst Ende März an der offiziellen Statistik-Medienkonferenz präsentiert werden.

Der Jugenddienst ist ein Fachdienst der Baselbieter Polizei, er wurde in seiner heutigen Form im Jahr 2007 eingerichtet und befasst sich mit der Aufklärung jugendspezifischer Straftaten.

Sandra Meier betont jedenfalls, das Prattler Angebot sei «aus konzeptionellen Überlegungen» etabliert worden. «Es gab also keine auslösenden Situationen an der Schule, welche diesen Kurs erfordert hätten.»

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