Gemeinderat

Neuer Reinacher FDP-Gemeinderat will sich für die Schwächsten einsetzen: «Mein Rollstuhl hat sicher nicht geschadet»

Durch das Gleitschirmfliegen kann Ferdinand Pulver auch nach seinem Unfall die Berge geniessen.

Durch das Gleitschirmfliegen kann Ferdinand Pulver auch nach seinem Unfall die Berge geniessen.

Ferdinand Pulver ist für die FDP in den Reinacher Gemeinderat gewählt worden – und will sich nun für die Schwächsten einsetzen.

«Überrascht», antwortet Ferdinand Pulver, wenn man ihn fragt, wie er sich am vorletzten Sonntag gefühlt habe. Als neuer Kandidat wurde er für die FDP in den Reinacher Gemeinderat gewählt. Ein politisches Amt hatte er zuvor nie ausgeführt. Er dachte, dass es zu einem zweiten Wahlgang kommen würde - doch mit 2101 Stimmen hat er es im ersten Anlauf geschafft.

Einige Tage nach der Wahl betrachtet er das Ergebnis mit etwas Abstand. Und versucht, es zu erklären: «Einerseits habe ich sehr aktiv Wahlkampf betrieben», erzählt Pulver. «Ausserdem kennt man mich in der Gemeinde gut – auch wenn ich in der Politik neu bin, habe ich seit fast 20 Jahren viel mit den Einwohnern zu tun.» Und es gab einen weiteren Faktor, den er unverblümt anspricht: «Es hat im Wahlkampf sicher nicht geschadet, dass ich im Rollstuhl sitze.»

Vorher der Fussball, nachher der Gleitschirm

Ferdinand Pulver ist 54-jährig, Wahl-Reinacher und Paraplegiker. «Wenn man eine Broschüre mit neun Kandidaten vor sich hat und einer davon im Rollstuhl sitzt, erinnert man sich eher an diesen», erklärt er seine Aussage. An den Rollstuhl ist er seit einem Motorradunfall vor zwölf Jahren gebunden. Als er damals aus dem künstlichen Koma aufwachte, dachte Pulver, er würde sterben. Doch er hat überlebt. «Seither habe ich keine Angst mehr vor dem Tod», sagt er.

Der Neo-Gemeinderat spricht offen über sein Schicksal, hat keine Berührungsängste, wenn es um seine Lebensgeschichte geht. «Ich kann mittlerweile gut damit leben, der Rollstuhl ist ein Teil von mir», meint er. Das sei nicht immer so gewesen. «Besonders das erste Jahr war hart», erzählt Pulver. Es sei eine Zäsur in seinem Leben gewesen, sagt er heute. Da gab es den früheren Ferdinand Pulver, der Motorrad fuhr, Fussball spielte und gerne in den Bergen unterwegs war – und plötzlich denjenigen, der lernen musste, sich auf Rädern durch den Alltag zu navigieren. Mehr als einmal sei er während seiner Rehabilitation am Nullpunkt angekommen, habe jedoch immer wieder Zuversicht gewonnen.

«Es half, dass ich ein frohes Gemüt bin», sagt er und lacht. Er habe zurück ins Leben gefunden. Pulver fährt heute kein Motorrad mehr, sondern ein Handbike, wandert nicht mehr in den Bergen, sondern fliegt mit dem Gleitschirm über die Gipfel. Das Hobby hat er erst nach seinem Unfall aufgegriffen. Interessiert habe es ihn schon immer, nur die Zeit dazu fehlte ihm als Fussgänger. «Das Gefühl, wenn man in der Luft schwebt und die Welt in Ruhe von oben betrachten kann» sei das, was ihm daran gefalle. Für ihn als Rollstuhlfahrer müssten die Wetterbedingungen sowie die Bodenbeschaffenheit beim Gleitschirmfliegen aber noch exakter stimmen als bei Fussgängern – während diese mit beim Abheben durch Seitwärtsbewegungen den Schirm stabilisieren können, kann er nur geradeaus rollen.

Hindernisse wie diese kennt er aus dem Alltag viele. «Aber wenn man mal nicht über eine Türschwelle kommt oder ein Trottoir-Rand zu hoch ist, lernt man halt, nach Hilfe zu fragen», meint er schulterzuckend. Und ergänzt: «Es ist übrigens erstaunlich, wie Menschen aus anderen Kulturkreisen in solchen Situationen extrem hilfsbereit sind. Schweizer sind da eher zurückhaltend.»

Moralische Verpflichtung, Optimist zu sein

Trotz der Schwierigkeiten versucht der 54-Jährige, überall Vorteile zu finden. Er erzählt beispielsweise von seinem Sohn, der bei seinem Unfall zweijährig war. «Das hat nicht nur unsere Beziehung, sondern auch seine Sozialkompetenz gestärkt», sagt Pulver.

Er sei, das könne er mit gutem Gewissen sagen, ein optimistischer Mensch. «Ich denke, als Rollstuhlfahrer hat man aber auch die moralische Verpflichtung, Optimist zu sein», sagt er. Denn er könne dadurch etwas bewegen. «Wenn mir im Alltag jemand hilft und ich mich freundlich bedanke, hat diese Person das Gefühl, etwas Gutes getan zu haben und fühlt sich besser», so Pulver. Würde er sich jedoch dauernd selber bemitleiden, würde das abfärben. «Ich glaube deshalb, dass ich mit meinem Optimismus mehr bewirken kann als ein optimistischer Fussgänger.»

Etwas bewirken – das will Ferdinand Pulver nun auch in seiner neuen Rolle als Reinacher Gemeinderat, die er im Juli antreten wird. Der Entscheid, politisch aktiv zu werden, sei schleichend gekommen. Er spricht von «Wutbürgern», die sich auf Social Media zu aktuellen politischen Themen äussern, aber nichts unternehmen. «Ich merkte, dass ich mich zum Beispiel beim Thema Europa und Klimawandel immer mehr an den Debatten beteiligen wollte, statt in den sozialen Medien zu schimpfen», sagt er. «Deshalb musste ich mir meinen eigenen Rat zu Herzen nehmen: Mitmachen statt klagen.»

Einige Monate später ist Pulver der FDP beigetreten. «Ich bin seit 20 Jahren Unternehmer und habe gespürt, dass die Partei zu mir passt», sagt er. Pulver führt seine eigene Firma für visuelle Kommunikation. Doch noch wichtiger sei gewesen, dass die FDP sich um ihn bemüht habe. Bald sei die Entscheidung gefallen, für den Gemeinderat zu kandidieren. «Ich arbeite am besten, wenn ich Verantwortung übernehmen kann», sagt er. Daher sei er der Überzeugung gewesen, dass ein Exekutivamt für ihn am besten passt.

Respekt vor dem, was auf ihn zukommt

Nun, nachdem er die erste Überraschung verdaut hat, ist Pulver hauptsächlich dankbar, gewählt worden zu sein. «Und, das muss ich zugeben, fast ein bisschen gerührt», fügt er an. Er habe zwar von vielen Bekannten gehört, dass sie ihn wählen würden, «aber man weiss ja nie, wer das tut und wer es einfach sagt.» Während er sich auf das Amt freut, hat er auch Respekt davor: So beispielsweise vor den Herausforderungen im finanziellen Bereich, die auf die Gemeinde zukommen. «Das wird ein Knochenjob», sagt er. Eines seiner Anliegen sei es ausserdem, Reinach als Wirtschaftsstandort zu fördern – mit seinem Beruf liege das auf der Hand. Worauf er sich besonders freut: «Menschen kennen zu lernen.» Am liebsten, so Pulver lachend, würde er jeden Reinacher persönlich kennen lernen.

Wenn Pulver erzählt, scheint es, als würde einem nicht ein klassischer Freisinniger gegenübersitzen – es ist auch eine starke, soziale Ader zu spüren. «Ich bin nicht der Typ gnadenloser Unternehmer», stimmt er zu. Er habe zwar keinen politischen Rucksack, den er mitbringen könne, dafür umso mehr Lebenserfahrung und Sozialkompetenz.

Gerade deshalb seien ihm neben den wirtschaftlichen auch die sozialen Anliegen wichtig. «Ich kann es nicht ertragen, wenn sich eine Gesellschaft nicht um ihre Schwächsten sorgt», sagt Pulver. «Und für mich ist das nicht nur eine Floskel. Ich weiss, was das bedeutet – ich gehöre selber dazu.»

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