Konzertreihe

«Musikalisch bin ich intolerant» – Leiter der Blues-Reihe «Groove Now» vertraut voll auf seinen Geschmack

Patrick Kaiser (r.) mit den von ihm formierten Blues Giants im Atlantis.

Patrick Kaiser (r.) mit den von ihm formierten Blues Giants im Atlantis.

Der Basler Patrick Kaiser leitet seit zehn Jahren die Konzertreihe «Groove Now». Dabei geht er keine Kompromisse ein.

Man merkt Patrick Kaiser an, dass er im Umgang mit den Medien geübt ist. Hauptberuflich leitet er bei Bayer die Abteilung Kommunikation & Public Affairs. So kommt der 50-jährige Basler auch schnell auf den Punkt, wenn es darum geht, sein nunmehr zehnjähriges Engagement bei «Groove Now» in Worte zu fassen. Der Slogan der Konzertreihe lautet «simply the best in blues and soul».

Ihr Motto zeugt von einem hohen Anspruch. Wie definieren Sie das Beste?

Patrick Kaiser: Ich habe da eine klare Haltung: Musikalisch bin ich intolerant. Ich mag da keine Kompromisse eingehen. Und im Bereich des Blues und Soul-Blues gibt es in meinen Ohren nicht unzählige tolle Musiker.

Sondern?

Weltweit könnte ich vielleicht 20 Künstler in diesen Genres aufzählen, die ich wirklich grossartig finde. Und ich glaube nicht, dass ich damit eine extreme Haltung vertrete. Die Musiker, mit denen ich rede, würden das vielleicht von einem knappen Dutzend Bands sagen. Ich denke, der Laie überschätzt das komplett und hat das Gefühl, es gäbe endlos viele Spitzen-Acts in diesem Bereich.

Dürfen Sie als Veranstalter denn so konsequent sein wie als Fan?

Da wir dank unserer Sponsoren wie BLKB, Merian Iselin oder dem Hyperion sowie vieler Gönner die Möglichkeit haben, dass wir nicht primär auf Verkaufszahlen schielen müssen, darf ich mit «Groove Now» ein Programm machen, bei dem ich keine Kompromisse eingehen muss. Wenn ich jedoch zugkräftige Namen wie Walter Trout oder Joe Bonamassa booken müsste, dann würde ich morgen aufhören. Deren Musik interessiert mich einfach nicht.

Die Auswahl an Acts ist also begrenzt. Was sich auch daran zeigt, dass einige Musiker mehrfach bei «Groove Now» auftreten.

Ja, auch das ist eine bewusste Entscheidung. Wir holen lieber einen tollen Künstler nach zwei Jahren wieder zu uns, statt krampfhaft etwas Neues zu suchen. Wir veranstalten acht Konzerte pro Jahr, davon kann es schon sein, dass wir für deren vier Musiker buchen, die wir schon einmal bei uns hatten. Auch hier gilt: Ich hole nur Musiker, denen ich ein Konzert lang gebannt zuhören will.

In zehn Jahren haben Sie Ihre 20 Favorites aber langsam durch, oder?

Neben den 20, die ich toll finde, gibt es immer wieder junge Talente, die nachrücken. Beispielsweise Lindsay Beaver, die wir nächstes Jahr nach Basel holen. Das ist eine total verrückte 35-jährige Kanadierin, die bei Alligator unter Vertrag ist. Bei solchen Entdeckungen, etwa auch bei Chris O’Leary seinerzeit, greife ich zu, auch wenn der Künstler vielleicht erst ein einziges Album abgeliefert hat.

Sie vertrauen also sehr Ihrer subjektiven Einschätzung.

Ja und nein. Ich folge meinem Geschmack, aber viele dieser Acts haben ja auch schon einen Blues Music Award (BMA) bekommen oder waren dafür nominiert.

BMA und Alligator – also zählen Auszeichnungen oder das Renommee der Plattenfirma?

Natürlich muss man bei Preisen und Awards vorsichtig sein, es gibt schlicht zu viele davon. Gleiches gilt für Labels, wobei es viele sehr gute Bands ohne Vertrag gibt. Die US-amerikanischen BMA sind in meinen Augen eine glaubhafte und wichtige Auszeichnung, weil sie nicht über Verkaufszahlen oder von Gremien ermittelt werden, sondern von den Fans. Aber wichtiger, und das klingt hoffentlich nicht überheblich, ist meine eigene Einschätzung.

Wie lange brauchen Sie, um Ihr Urteil zu fällen?

Wenn man schon so viel Musik gehört hat, reichen in der Regel fünf Minuten, damit ich weiss, ob mich jemand packt oder nicht. Dabei achte ich ausschliesslich die auf Qualität der Musiker, Originalität, Relevanz und Innovation.

Innovation im Blues? Das klingt wie ein Widerspruch.

Vordergründig ja. Man kann das Rad nicht neu erfinden. Aber man kann das Klischee vermeiden. Mir sind Alter, Hautfarbe und Geschlecht egal. Aber mir ist es wichtig, dass sich ein Musiker auf seine Vorväter bezieht, also tief in der Bluesgeschichte verwurzelt ist. Nur wer als Gitarrist die drei Könige – B.B. King, Albert King und Freddie King – verinnerlicht hat, kann seine eigene Stimme auf dem Instrument finden. Ich bin mit Jahrgang 60 mit britischen Hardrockbands wie Led Zeppelin oder den Rolling Stones aufgewachsen und habe dort schon gemerkt, dass mich jene Musiker mehr ansprachen, die sich auf die grossen Blueser bezogen und daraus ihr eigenes Ding machten. Das hat einfach mehr Seele.

Gleichzeitig haben Sie etwa mit den von Ihnen ins Leben gerufenen Blues Giants die Musiker neu zusammengewürfelt.

Ich würde mich nicht als Kurator bezeichnen, aber es macht mir Spass, die Musiker, die ich seit Jahren kenne, in neuen Formen zusammenzubringen. Das mache ich natürlich nicht ohne Konzept und oft entstehen solche Projekte in langen Gesprächen mit den Musikern, wenn sie hier sind. Mike Zito, den wir schon über fünf Mal in Basel hatten, fand meinen Vorschlag einer klassischen Bluesbesetzung mit Horns super und kam sofort mit Vorschlägen. Aber um das deutlich zu machen: Ich will keine unstrukturierten Jam-sessions und Jekamis.

Kompromisslos sind Sie auch bei Ihren Verträgen: Sie dulden nur die Originalbesetzungen der Bands. Wieso?

Es ist im Jazz oder Blues nicht unüblich, dass sich die Bandleader je nach Tour oder Kontinent eine andere Begleittruppe zusammenbasteln. Das möchte ich nicht. Ich will, selbst wenn ich wegen eines Gitarristen oder Sängers ans Konzert gehe, die richtige Rhythmsection hören. Da wir ohnehin selten Musiker auf Tour abfangen, sondern extra für uns einfliegen, ist uns das ein Anliegen. Der Erfolg gibt uns recht.

Seit kurzem hat das Atlantis mit «Blues and Beyond» eine vergleichbare Reihe mit modernem Blues. Spüren Sie die Konkurrenz?

Nein. Wir haben einen hervorragenden Dialog mit dem -tis. In diesen Club gehören nicht Hip-Hop oder Rap, also finde ich es nur befruchtend, wenn wieder vermehrt Konzerte mit Blues, Funk und Soul stattfinden. Es ist ja auch nicht die gleiche Qualität Bluesmusiker, die dort auftreten. Das einzige, mit dem ich mich grundsätzlich schwertue, ist, wenn für Konzerte kein Eintritt verlangt wird.

Gratiskonzerte sind ein Weg, um mehr Publikum zu generieren.

Vielleicht, aber es wertet die Kunstform ab. Ich wünschte mir, dass die Besucher etwas mehr unterscheiden, was sie wo zu hören bekommen. Qualität hat immer ihren Preis. Auch im Blues.

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