Kunstprojekt
Künstlerkollektiv macht Quarantäne in der Basler Markthalle

Die Compagnie Trottvoir befindet sich in freiwilliger Quarantäne. Über eine Telefon-Hotline möchten die Künstler die Stimmungen der Menschen einfangen.

Elodie Kolb
Drucken
Teilen
Fünf Künstlerinnen und Künstler machen freiwillige Quarantäne in der Markthalle und telefonieren mit den unterschiedlichsten Menschen.

Fünf Künstlerinnen und Künstler machen freiwillige Quarantäne in der Markthalle und telefonieren mit den unterschiedlichsten Menschen.

Kenneth Nars / BLZ

Hinter den grossen Glastüren des «Mono» in der Markthalle wurde mit weissen Vorhängen eine Art Schaufenster eingerichtet. Darin steht ein roter Plastikstuhl, auf einem Tisch liegen Fragenkataloge. Während vier Stunden am Tag sitzt dort jemand von der Compagnie Trottvoir und telefoniert. Auf den wenigen Quadratmetern dahinter haben sich fünf Künstlerinnen und Künstler des Kollektivs für eine zehntägige «Recherche-Quarantäne» eingerichtet.

«Wir wollen wissen, wie es dir geht» steht auf den Plakaten des Projekts. Seit Sonntag und noch bis am Samstag nehmen die Künstler Anrufe über ihre Telefon-Hotline entgegen, um mit ganz unterschiedlichen Menschen über das globale Phänomen der Quarantäne zu sprechen. Das Kollektiv, das normalerweise Performances im öffentlichen Raum macht, möchte über diese Gespräche der Gesellschaft während der Coronazeit auf den Zahn fühlen.

«Es ist schön, in dieser Zeit auf diese Art einen Austausch mit ganz verschiedenen Menschen zu pflegen»,

erzählt Laurence Felber von Trottvoir. Die Telefonate werden mit Erlaubnis der Gesprächspartner aufgezeichnet und künstlerisch in einen Podcast gesammelt. «Wir teilen damit unseren Rechercheprozess und so können auch Menschen am Projekt teilhaben, ohne dass sie selbst angerufen haben», so Felber.

Idee entstand aus der Notwendigkeit

Da drei Künstler des Kollektivs nicht in der Schweiz wohnen, wurde klar, dass sie, um gemeinsam ein Projekt umsetzen zu können, gemeinsam in Quarantäne müssten. «Und aus dieser Notwendigkeit ist die Idee für das Projekt entstanden», so Felber.

«Ich hätte vor diesem Projekt nicht gedacht, dass Telefonieren eine solche Nähe schaffen kann», so Felber. Sie habe zwei Gespräche geführt, mit Menschen, die sie gar nicht kannte:

«Und das war sehr berührend. Nachdem ich eine Stunde mit diesen mir fremden Menschen telefoniert hatte, hatte ich das Gefühl, man kennt sich langsam.»

Laut Felber entstehe auch dadurch eine Nähe, dass die Anrufer teilweise von sehr persönlichen Erfahrungen erzählen.

Wie das Kollektiv auf ihrer Website schreibt, möchten sie ein «Porträt der Gesellschaft» während der Coronazeit schaffen. Die Stimmung der Anrufer ist, wie Felber erzählt, sehr unterschiedlich. Es gebe immer wieder Leute, die hoffnungsvoll seien, weil sich ständig alles verändert, andererseits bemerkt Felber auch, dass bei vielen Menschen langsam die Energie nachlässt. In den ersten vier Tagen haben sie Fragen und verschiedene Kategorien für die Gespräche ausgearbeitet. Darunter: «Worüber darf man keine Witze machen?» «Hast du Hoffnung?» Oder «Magst du Blumen?» Deshalb kommt es zu sehr vielfältigen Antworten: Während beispielsweise ein kleiner Junge von seiner Erkrankung mit dem Coronavirus erzählt, schildert eine Pianistin dagegen ihre Ansichten bezüglich der direkten Demokratie.

«Wichtig und bereichernd, dass wir neue Sachen ausprobieren können»

Diese Recherche-Quarantäne in der Markthalle unterscheide sich deutlich von der sonstigen Arbeitsweise des Kollektivs: «Ich finde es aber gerade jetzt, während einer Pandemie als Künstlerin sehr wichtig und bereichernd zu merken, dass wir auch ganz andere Sachen ausprobieren können», findet Felber. Trotzdem sei es eine Extremerfahrung, zehn Tage mit vier anderen auf engstem Raum zu leben, ohne nach draussen zu gehen.

Die Recherche-Quarantäne ist der erste Teil für ein grösseres Projekt der Gruppe. Im Frühling 2022 soll mit dem Material, das sie jetzt sammeln, eine Performance im öffentlichen Raum stattfinden.

Aktuelle Nachrichten