Glosse
Das Paradies der seienden Ferien

Schätzen Sie sich glücklich, wenn bei Ihnen nun Ferien sind. Die grosse Mehrheit nämlich muss Ferien machen – harte Arbeit.

Stefan Strittmatter
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Für die meisten von uns sind Ferien vor allem eines: harte Arbeit. Touristen auf halbem Weg zwischen kleiner Scheidegg und Jungfraujoch.

Für die meisten von uns sind Ferien vor allem eines: harte Arbeit. Touristen auf halbem Weg zwischen kleiner Scheidegg und Jungfraujoch.

Bild: Severin Bigler/
MAN

Nun sind also Ferien.

Diese Beobachtung kommt weder überraschend noch pünktlich. Zu meiner Verteidigung möchte ich vorbringen: Bei mir sind keine Ferien.

Ich bin kein Einzelfall. Wie mir ergeht es aktuell Millionen Menschen in unserem Land. Nämlich allen, die keinen Nachwuchs im schulfähigen Alter ihr Eigen nennen oder selber im Schulwesen tätig sind.

Wir alle haben Ferien nur dann, wenn wir auch welche machen. Dass Ferien von sich aus sind, nehmen wir aus der Distanz der Betrachter zur Kenntnis.

«Es sind Ferien» – dieses Gefühl kennen wir nur noch aus unserer Schul- und Studienzeit, als Ferien mit der Zuverlässigkeit der Jahreszeiten, nach denen sie benannt sind, einfach irgendwie passierten.

Ferien machen, das bedeutet auch selber entscheiden, wann und wozu. Meine Ferien finden nur statt, wenn ich mich aktiv dafür einsetze. Und sie kommen ohne vorbestimmten Verwendungszweck im Namen.

Vor allem aber beginnen sie ohne den erlösenden Klang einer letzten Pausenglocke oder dem Gefühl einer imaginären überquerten Ziellinie.

Wer für sich den Zeitpunkt seiner Ferien selber entscheiden muss, der fühlt sich bei ihrem Einsetzen so unbefriedigt wie ein Langstrecken­läufer, der die Distanz bis ins Ziel selber bestimmen darf.