Geistschreiber
Zeitenwechsel

Mit spitzer Feder kommentiert der Geistschreiber das Geschehen in der Region, im Land, ja auf der ganzen Welt.

Willi Näf
Willi Näf
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Nicht vergessen: Uhren umstellen.

Nicht vergessen: Uhren umstellen.

Christian Beutler / KEYSTONE

Die EU schafft die Sommerzeit ab. Wenn die Mitgliedsländer sich einig werden. Also in etwa hundert Jahren. Die Schweiz wird wohl nachziehen. Diesmal werden die Sünnelis von der SVP aber nicht «keine fremden Zeitmesser!» rufen. Sie finden die Sommerzeit ja selber einen Schmarren. Eigentlich sollten sie fordern, sie grad sofort abzuschaffen. Dann würde die EU nachziehen, nicht umgekehrt.

Ätsch.

Es wäre hübsch, wieder mal Zeitinsel zu sein. So wie Anfang der 80er, als die Sünnelis die europäische Sommerzeit nicht übernehmen wollten. Das Puff an Bahnhöfen, Flughäfen und Zoll hätten wir locker bewältigt, aber das Parlament hat die Sommerzeit dann doch eingeführt, weil Derrick auf ARD gleichzeitig lief wie die Tagesschau auf SF DRS. Der junge Christoph Blocher fuchtelte zwar noch, das sei eine Missachtung des Volkswillens, brachte die nötigen Referendumsstimmen aber nicht zusammen. Eins null für Derrick. Diesmal werden die Sünnelis nichts unternehmen. Sie sind mit Wichtigerem beschäftigt. Das Land gegen die Stadt aufhetzen und so. Ein schmucker Aufreger wäre der Zeitenwechsel aber für die Freiheitstrychler. Die Standardzeit ist ein schwerer Eingriff in die Grundrechte.

Jeder Bürger hat das Recht, seine Uhr zu stellen wie er will. Die gewählten Diktatoren in Bern oben wollen das Volk ja sogar im Schlafzimmer gleichschalten mit den Funkuhren auf den Nachttischli. Angstmacherei ist das. Vor dem Verschlafen. Seit Generationen haben sie uns mit Pünktlichkeit geimpft, haben die Rechtzeitigen bevorzugt und die Verspäteten diskriminiert und so eine Zweiklassengesellschaft errichtet. Die Weckerskeptiker sollten auf facebook Alain Berset als Hitler posten, so wie Massnahmengegner diese Woche, und dann zur Demo rufen. Eine Million werden die Abschaffung der Zeitdiktatur fordern, mindestens, und die Lügenmedien werden behaupten, es seien nur 10'000 gewesen.

Mir ist das egal. Ich bleibe daheim, lausche der alten Pendule in der Stube, die so liebenswürdig falsch tickt wie ihre letzte Besitzerin, meine Grossmutter Annetta selig, und sinniere, dass ich die Zeitdiktatur ja auch hasse. Und dann nehme ich mir vor, zwar weiterhin jeder Stunde sechzig Minuten zu gewähren, diese aber souveräner zu nutzen.

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