Soziologie

Gefangen im Hamsterrad – Amina Trevisan untersucht Krankheitserfahrungen migrierter Frauen

Naima Cuica ist eine der im Buch «Depression und Biographie» porträtierten Frauen.

Naima Cuica ist eine der im Buch «Depression und Biographie» porträtierten Frauen.

Das neu erschienenen Buch «Depression und Biographie» der Basler Soziologin Amina Trevisan untersucht die Krankheitserfahrungen migrierter Frauen. Naima Cuica ist der Name einer der im Buch porträtierten Frauen.

«Seit 2018 wohne ich in einer Wohnung ohne Heizung. Und meine Nachbarin ist ein Messie. Es wäre mir peinlich gewesen, wenn du dieses Durcheinander gesehen hättest.» So erklärt Naima Cuica, weshalb man sich nicht bei ihr zu Hause treffen sollte. Stattdessen findet das Gespräch im Soziologischen Seminar der Universität Basel statt.

Naima Cuica ist in der venezolanischen Hauptstadt Caracas geboren und aufgewachsen. In Venezuela hat sie auch ihren Schweizer Ex-Mann kennen gelernt. Nachdem die beiden einige Jahre gemeinsam in Venezuela gelebt hatten, zogen sie nach Basel.

Die Ehe zerbrach nach wenigen Jahren. Cuicas Mann zog ins Ausland und sie war plötzlich mit zwei kleinen Kindern auf sich alleine gestellt. Mit bescheidenen Deutschkenntnissen, mit einer Ausbildung, die in der Schweiz nicht anerkannt war, und ohne ein soziales Netz, das sie unterstützt hätte. So rutschte die heute 45-jährige Frau schnell in die Armut ab.

Verbunden durch Migrationserfahrung und Depression

Die Venezolanerin, die seit fast zwanzig Jahren in Basel lebt, ist eine von 17 Migrantinnen, deren Biografie die Soziologin Amina Trevisan in ihrer im Januar erschienen Dissertation untersucht hat. Im Buch sind alle Personen anonymisiert, Naima Cuica hat sich aber dazu entschlossen, mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten. Die Frauen, die Trevisan interviewte, haben unterschiedliche Geschichten, sind aber durch ihre Migrationserfahrung sowie durch die gleiche Erkrankung verbunden: Depression. «Migrantinnen erkranken häufiger an Depressionen als Schweizerinnen und häufiger als männliche Migrierte», sagt Amina Trevisan. Sie wolle mit ihrer Forschung einen Beitrag zur Frage leisten, warum das so sei.

«Jetzt muss ich wieder fast weinen», sagt Naima Cuica. Einige Sekunden später laufen ihr tatsächlich die Tränen über das Gesicht. Sie erzählt, wie es ihr immer schlechter ging, bis sie beschloss, ihrem Leben ein Ende zu setzen. «Ich dachte, wenn ich sterbe, dann habe ich keine Probleme mehr. Ich war fast ein bisschen froh, als ich diesen Plan gefasst hatte.»

Der Gedanke an Suizid war nur der Kulminationspunkt in einem Leben, das von vielfältigen Problemen und negativen Erfahrungen geprägt war: Die jahrelange, vergebliche Suche nach einer Anstellung, die ihr ein Leben in Würde ermöglichen würde. Die Art und Weise, wie ihre Ehe zerbrochen ist. Die Angst, nicht für ihre Kinder da sein zu können. Und schliesslich das Gefühl, in der Schweiz nicht dazuzugehören – gepaart mit dem Rassismus, den sie erfahren hat.

Gesellschaftliche Faktoren als Ursache von Depression

Noch immer ist wenig bekannt, dass Depressionen nicht nur biologische und psychologische, sondern auch gesellschaftliche Ursachen haben können. Auf diese, insbesondere auf die im Zusammenhang mit Migration stehenden Faktoren, fokussiert Amina Trevisan in ihrem Buch. Sie sagt aber auch: «Migration macht nicht per se krank. Eine Depression ist immer multifaktoriell.» Viele ihrer negativen Erfahrungen hat Naima Cuica aufgrund ihres Status als Frau und Migrantin gemacht. Und sie haben gemeinsam zur Entwicklung einer psychischen Erkrankung geführt.

Heute geht es der aus Venezuela stammenden Frau besser. Nach einem mehrtägigen Aufenthalt auf der Kriseninterventionsstation bekam Cuica endlich Hilfe und psychologische Betreuung. Die Frage nach ihrem aktuellen Befinden beantwortet Cuica trotzdem erst nach mehrmaliger Nachfrage: «Es geht mir gut.» Sie lacht und fügt hinzu: «Ich bin wie ein Bakterium, du kannst mich nicht so schnell töten.»

Obwohl Naima Cuica heute stabiler ist, hat sie doch immer noch mit vielen Problemen zu kämpfen. Am bestimmendsten ist ihre verzweifelte Suche nach einer sicheren Stelle. «Ich finde immer nur temporäre Anstellungen und Jobs auf Stundenlohnbasis.» Sie fühle sich wie in einem Hamsterrad, aus dem sie nicht ausbrechen könne.

Mehr Verständnis für Migrantinnen

Trevisan hofft, mit ihrem Buch einen Beitrag dazu zu leisten, dass mehr Verständnis für die Lebenssituationen und Schwierigkeiten migrierter Frauen aufgebracht wird. «Ich möchte, dass man versteht, was es bedeutet, eine Migrantin in der Schweiz zu sein», sagt die Forscherin, die selbst italienische Wurzeln hat. Und Naima Cuica wünscht sich nichts mehr, als einen Ausbildungsplatz und damit eine Stelle zu finden, die ihr Sicherheit gibt und ein würdevolles Leben ermöglicht. Sie sagt mit fester Stimme: «Ich bin sicher, dass ich es schaffen werde. Ich werde eine Stelle finden!» Es klingt wie ein Mantra, das sie sich selber sagt.

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