Ausstellung
Ein Planet in Not im Naturhistorischen Museum in Basel

Ist es das Ende oder bleibt noch Zeit? Die aktuelle Ausstellung «Erde am Limit» zeigt anschaulich, wie es um unser Zuhause steht.

Christoph Dieffenbacher
Merken
Drucken
Teilen
Die Ausstellung selber setzt statt auf Computer und Bildschirme auf rezykliertes Material.

Die Ausstellung selber setzt statt auf Computer und Bildschirme auf rezykliertes Material.

bz

Wissenschaftler haben ein neues Zeitalter der Erdgeschichte entdeckt: das Anthropozän. Sie meinen damit jene Epoche nach dem Holozän, in welcher der Mensch erstmals umfassend, ­radikal und nachhaltig in die ­natürliche Umwelt eingegriffen hat und es noch immer tut.

Als Beginn gelten die verbreiteten Atomwaffentests Mitte des 20. Jahrhunderts – der radioaktive Staub wird im Boden und in der Atmosphäre für alle Zeiten nachweisbar sein. Doch schon vorher, spätestens seit der stark kohlelastigen Industrialisierung im 19. Jahrhundert, hatte der Mensch begonnen, das Leben auf dem Planeten grundlegend zu verändern.

Aussterbendes Leben und gestörte Kreisläufe

Die Fakten liegen auf dem Tisch, die Probleme sind bekannt. Extreme Wetterlagen häufen sich, Tausende Arten von Lebewesen sterben aus, ganze Landstriche versteppen und veröden, immense Waldflächen werden gerodet. Und dann die Klima­erwärmung durch Kohlendioxid: In den letzten 200 Jahren ist die weltweite Durchschnittstemperatur um ein Grad gestiegen, in der Schweiz bereits um zwei Grad – und das wird, wenn nichts geschieht, gemäss den Szenarien so weitergehen.

Welche Zukunft hat das Ökosystem Erde, wenn der Mensch derart stark in die natürlichen Prozesse eingreift? «Es sind nicht Tausende von Einzelproblemen, die unabhängig voneinander entstanden sind», sagt Mathias Kölliker, Kurator der Sonderausstellung im Naturhistorischen Museum Basel. Der schlechte Zustand des blauen Planten gehe direkt oder indirekt auf eine einzige Ursache zurück: auf unseren schädigenden Umgang mit der Umwelt.

Turm aus 2726 Plastikflaschen

«Wir Menschen sind ein eng vernetzter Teil der Ökosysteme», sagt der Zoologe und Evolutionsforscher. Wie, das versucht die Ausstellung zu zeigen. Bereits im Treppenhaus sind Geräusche und Töne von Lebewesen aus natürlichen Umgebungen wie Wald und Meer zu hören. Damit wird klar: «Die Natur braucht uns Mnschen nicht», stellt Kölliker fest. An den ersten Stationen wird gezeigt, wie das Thema viele Menschen bewegt, von der Studentin bis zum Politiker. Darauf geht es Raum für Raum durch die Ökosysteme Land, Wasser und Luft, und gegen Ende werden die Themen Chemikalien und Klimaerwärmung erklärt.

Eindrücklich etwa der raumhohe Turm aus 2726 Eineinhalbliter-Petflaschen mit der Wassermenge, welche die Bevölkerung der Schweiz pro Kopf wöchentlich verbraucht. Oder der aufgeschichtete Berg von Plastikabfall, wie er vor Norwegen von Aktivisten aus dem Meer gefischt wurde – und wie er in riesigen Mengen in den Weltmeeren herumtreibt. Opfer davon sind unter anderem die Wasservögel, die sich an Fischernetzen aus Plastik verfangen, aber noch viele Lebewesen mehr.

Zusammenhänge werden verständlich erklärt

Ausgestellt ist ausserdem ein Luftmessgerät, wie es im Kleinbasel noch im Einsatz steht. Und ein moderner Sensor erfasst während der Ausstellungstage laufend den Feinstaub in der Luft über dem Museumsdach.

Der Ausstellung gelingt es, die nicht ganz einfachen Zusammenhänge verständlich zu erklären – sie tut dies sachlich, anschaulich und sowohl auf ernsthafte wie auch spielerische Art. Da gibt es nicht nur Darstellungen von natürlichen und gestörten Kreisläufen zu betrachten, Schautafeln, Fotos, Objekte, Tabellen und Karten. Das Publikum wird auch zum Experimentieren eingeladen, indem es etwa den Einfluss verschiedener Faktoren auf die Umwelt regulieren kann. Wer will, kann sogar das zukünftige Weltklima selbst simulieren, fast so, wie es die Forscher und Forscherinnen in ihren Labors tun.

Mechanische Apparaturen statt Bildschirme

Nicht wenige der interaktiven Stationen kommen zudem ohne die üblichen Computerbildschirme aus – an ihre Stelle treten vermehrt mechanische ­Apparaturen mit Hebeln, Drehscheiben und von Hand verschiebbare Abdeckungen. Spektakuläre und aufwendige Technologie sucht man hier vergebens. Denn die Ausstellung nimmt sich in Sachen Nachhaltigkeit selbst beim Wort: Man wollte mit den Ressourcen möglichst schonend umgehen, sagt der Kurator. Einiges an Material wurde schon früher eingesetzt, lagerte im Depot oder kam recycelt aus anderen Museen.

Am Schluss gibt die Ausstellung dem Publikum einige Hinweise und Tipps, was es gegen die negativen Entwicklungen unternehmen kann, etwa indem es sein Verhalten verändert. Umweltsünden dürfen in einem Ökobeichtstuhl von der Seele geredet werden.

«Hat auch mit unserer rastlosen Lebensweise zu tun»

Bleibt die Frage: Ist es das Ende oder bleibt noch Zeit? Im Rahmenprogramm wird die ­Frage aufgeworfen, ob und wie technologische Fortschritte zur Rettung des Planeten beitragen können. Oder hat die aktuelle Pandemiekrise das ökologische Denken in den Köpfen bereits verdrängt? Kölliker sieht das nicht so. Beide Phänomene ­seien auf die Aktivitäten des Menschen zurückzuführen, und zwar in erster Linie auf seine Mobilität und auf die seiner Konsumgüter: «Dass sich das Coronavirus weltweit so rasch verbreitet hat, hat auch mit unserer rastlosen Lebensweise zu tun.»

«Erde am Limit»
Naturhistorisches Museum Basel,
Bis 30. Mai 2021. www.erdeamlimit.ch