Herzstück
Das Leben in Fotoschachteln

Martin Dürr ist evangelischer Pfarrer und Co-Leiter des Pfarramts für Industrie und Wirtschaft beider Basel.

Martin Dürr
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Was werden meine Nachfahren in 140 Jahren sehen, falls einige Bilder überleben? Wer waren diese Menschen? Waren sie glücklich? (Symbolbild)

Was werden meine Nachfahren in 140 Jahren sehen, falls einige Bilder überleben? Wer waren diese Menschen? Waren sie glücklich? (Symbolbild)

Im Herbst starben innert kurzer Zeit meine Mutter und mein langjähriger Klassenlehrer. Beide haben mein Leben geprägt. Mir kommen in diesen Tagen viele Geschichten in den Sinn. Ich öffne Schubladen, die ich vor Kurzem nicht einmal für die Suche nach einem Bleistift aufgemacht hätte, ohne zu fragen. Meine Mutter mochte das «Neuslen», das neugierige Herumsuchen, überhaupt nicht. Auch das habe ich geerbt. In den Schubladen habe ich noch gar nichts gefunden, das nur im Entferntesten geheimnisvoll wäre. Es hat mehr Bastelwaren und Zeitungsartikel als im Universum Platz haben. Wenn Sie sagen, das sei physikalisch unmöglich, kennen Sie meine Mutter und ihre Schubladen nicht.

Interessanter sind Fotos und Briefe. Die ältesten Fotos sind über 140 Jahre alt. Die wenigsten sind beschriftet. Fremde Menschen an unbekannten Orten – sind sie meine Vorfahren? Schwarz-weisse Familienbilder, alle sitzen oder stehen steif da und sehen nicht besonders glücklich aus. Wann wurde eigentlich das Lächeln erfunden? Spätestens 1951, da ist meine Mutter eine junge Frau. Sie arbeitet als Sekretärin in London und besucht an den Wochenenden die Sehenswürdigkeiten der grossen Stadt.

Dabei sind zwei mir unbekannte Frauen. Sie lächeln um die Wette und sehen jung und unbesiegbar aus. Ab den 60er-Jahren gibt es dann fast nur noch Bilder von mir und meinem Bruder – unser Grossvater war Fotograf in der CIBA und hielt auch privat flächendeckend alle Ereignisse fest. Wenige kenne ich aus Alben, die enthalten die editierte Familiengeschichte.

Jung und unbesiegbar

In einem Couvert entdecke ich zwei Fotos von einem Autounfall. Ein schwarzer VW-Käfer, auf der Fahrerseite schwer eingedrückt nach einem Zusammenstoss mit einem Lieferwagen bei Glatteis auf dem Belchen. Die Geschichte kenne ich, aber die Bilder sehe ich zum ersten Mal. Ich war etwas mehr als ein Jahr alt, meine Mutter war schwanger und alleine unterwegs. Sie hat unglaubliches Glück gehabt, dass sie überlebt hat. Um den VW stehen Männer in langen Mänteln mit Hüten. Sind es Polizeifotos? Warum war sie dort unterwegs? Ich fand die Unfallgeschichte so dramatisch, dass ich nie gefragt habe. Ich kam dann für 3 Monate zu den Grosseltern, was mit Hunderten Bildern belegt ist. Das Kind sieht nicht wirklich glücklich aus.

Aus der Zeit meiner Pubertät fand ich kaum mehr Bilder. Letzte Woche war ich eingeladen an eine Ausstellung mit Bildern meines Klassenlehrers. Dazu lief eine Präsentation mit Fotos aus seinem Leben. Unsere Klasse spielt eine prominente Rolle. Ich sehe uns im Theaterlager. Wir sehen jung und unbesiegbar aus. Die Welt steht offen und sie dreht sich um uns. Wir lächeln und lachen viel. Was werden meine Nachfahren in 140 Jahren sehen, falls einige Bilder überleben? Wer waren diese Menschen? Waren sie glücklich? Liebe Nachfahren, ich hatte ein insgesamt sehr glückliches Leben. Ich hoffe ihr auch. Bleibt im Herzen jung. Erobert die Bühnen der Welt. Das braucht grad viel Fantasie und Kreativität. Drum jetzt erst recht.