Buch Basel
«Autorinnen werden nicht vergessen, sie werden verdrängt»

Drei Expertinnen diskutieren im Rahmen des Festivals über die Geschlechterverhältnisse im Literaturbetrieb: Es geht um Geld und Macht.

Elodie Kolb
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Tabea Steiner, Andrea Zimmermann und Nicole Seifert diskutieren angeleitet von Martina Läubli (v. l.) über Frauen im Literaturbetrieb.

Tabea Steiner, Andrea Zimmermann und Nicole Seifert diskutieren angeleitet von Martina Läubli (v. l.) über Frauen im Literaturbetrieb.

Elodie Kolb

«Das Geschlechterverhältnis in der Literatur ist ausgeglichen», sagt Andrea Zimmermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für Gender Studies der Universität Basel am Samstag im Volkshaus. Hat sich damit die Frage nach der Stellung der Autorinnen im Literaturbetrieb erledigt? Nein, sind sich die Sprecherinnen am Podium im Rahmen der Buch Basel einig. Aber es geht vorwärts.

Es haben sich vor allem Frauen eingefunden. Das männliche Publikum scheint sich weniger für das Thema Frauen im Literaturbetrieb zu interessieren. Zimmermann relativiert ihre anfängliche Aussage direkt: In der Vorstudie seien nur Festivals und Literaturhäuser betrachtet worden, die Verlage habe man nicht angeschaut. «Dort sehen die Zahlen anders aus.» Und die Ungleichheit zwischen Frauen und Männern im Literaturbetrieb lasse sich nicht nur auf Zahlen zurückführen.

Tabelle gegen fehlende Transparenz bei den Honoraren

Moderatorin Martina Läubli führt die Debatte zielstrebig von Thema zu Thema. Es geht um Geld, Machtverhältnisse, Familienplanung und Repräsentation in den Medien. Autorin und Literaturwissenschaftlerin Nicole Seifert hat zum Thema ein Buch geschrieben: «Frauenliteratur» – das Wort Frauen auf dem Buchdeckel ist durchgestrichen. Denn: Das Gegenstück sei einfach Literatur. «Heisst das, was Frauen schreiben, fällt automatisch aus dem Bereich Literatur heraus?», fragt sie im Vorwort und findet: «Der Begriff kann weg.»

Ein wichtiges Thema der Gleichstellung im Literaturbetrieb seien die Honorare und Vorschüsse. Aber genau da fehlt es an Transparenz, hält Geschlechterforscherin Zimmermann fest. Autorin, Jurorin und Veranstalterin Tabea Steiner weiss: «Über Geld und Zahlen zu sprechen, ist enorm wichtig. Sich wagen, als Frau zu sagen: Ich will gleich viel Honorar wie die anderen». Nicole Seifert habe gar mit anderen Autorinnen eine Tabelle angelegt, um Honorare festzuhalten und zu vergleichen.

Buchbesprechungen über das Aussehen von Frauen

Auch die Kritiken über Bücher von Frauen unterscheiden sich von solchen über die männlichen Kollegen: «Viele Autorinnen werden in Buchbesprechungen mit Ausserliterarischem konfrontiert», sagt Seifert und meint damit Bewertungen ihres Aussehens oder die Frage, ob sie Kinder haben. Und: «Ich habe den Eindruck, Verrisse von Autorinnen werden häufig nach einem Schema verfasst. Erfolgreichen Autorinnen wird oft der Wert abgesprochen und literarische Mittel werden deutlich schneller als bei Männern zum Kitsch abgewertet.» Die eigentliche ästhetische Innovation werde so gar nicht erkannt. Seifert findet: «Das ist keine Literaturkritik, sondern das ist Misogynie!»

Die Autorin hat auch gleich eine Erklärung parat: «Es ist offensichtlich. Die Literaturkritik kennt häufig die Literaturgeschichte der Frauen nicht und kann die Texte deshalb nicht einordnen.» Das beginne bereits in der Schule, wo noch immer ein stark männlich geprägter Kanon rezipiert wird. Es gäbe zwar Literatur von Frauen, Seifert hält deren Ausschluss aber für eine aktive Entscheidung: «Frauen werden nicht vergessen, sondern sie werden verdrängt.» Andrea Zimmermann führt dies auf die Machtfrage, wer Sichtbarkeit in Anspruch nehmen darf, zurück.

Wichtig sei es nun, die an den Rand gedrängten Personen aktiv wieder in den Kanon aufzunehmen, meint Seifert. Das Podium schliesst mit Möglichkeiten, gegen das Verdrängen vorzugehen: Tabea Steiner betont das Hinschauen und Hinterfragen der eigenen Position, und Andrea Zimmermann sagt: «Wir brauchen Zahlen, denn wir müssen mehr wissen.»

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