Biodiversität
Der Wald wird sich selber überlassen

Basel-Stadt erweitert in Riehen und Bettingen den Anteil an Wald, der nicht mehr bewirtschaftet wird und unter Schutz steht.

Tobias Gfeller
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26 Hektaren Waldfläche in Basel-Stadt werden zu sogenannten Totalreservaten, bei denen gar nicht mehr eingegriffen wird.

26 Hektaren Waldfläche in Basel-Stadt werden zu sogenannten Totalreservaten, bei denen gar nicht mehr eingegriffen wird.

Sandra Ardizzone / MAN (Symbolbild)

Andreas Wyss misst mit einer Kluppe den Durchmesser einer über 200 Jahre alten Eiche. «Ein Meter und 20 Zentimeter», gibt er bekannt, nachdem der Revierförster das Messgerät aufgrund der Dimension des Baumes mehrfach hat ansetzen müssen. Rund 500 Bäume mit einem Durchmesser von 1.30 Meter und mehr stehen im Gebiet «Am Ausserberg» in Riehen. Diese Dichte an alten Bäumen ist selten und ökologisch sehr wertvoll, sagt Wyss auf einem Spaziergang durchs Gebiet.

Das Waldstück gehört neu zu 86 Hektaren speziell ausgeschiedener Fläche, auf der wärme- und lichtbedürftige Baumarten wie Eichen, Linden, Elsbeeren, Wildobst und Speierlinge gefördert werden. Alte, mächtige Bäume werden möglichst lange erhalten und Jungbäume der entsprechenden Arten gezielt begünstigt.

Finanzielle Entschädigung für Waldbesitzer

Die Voraussetzungen dafür seien in Riehen und Bettingen ideal, da hier schon seit Jahrzehnten dem Naturschutz und der Artenvielfalt im Wald grosses Gewicht eingeräumt wird, sagt Wyss. Nun werden diese Bemühungen offiziell deklariert und vom Kanton und Bund finanziell entschädigt.

Die Waldfläche, auf der gar keine Eingriffe mehr getätigt werden – sogenannte Totalreservate wie dem Nationalpark in Graubünden, wird in Basel-Stadt auf 26 Hektaren vergrössert. Bis anhin war dies nur beim Hornfelsen der Fall. Der Wald wird in Totalreservaten sich selber überlassen. Die stärkeren und robusteren Bäume werden sich durchsetzen. Das sind vor allem jene, die mit wenig Licht auskommen. Buche, Esche und Ahorn werden dominieren. Die Artenvielfalt wird abnehmen.

Das sei aber keinesfalls schlecht für die Biodiversität, im Gegenteil, sagt Revierförster Andreas Wyss. «Mit den unterschiedlichen Eingriffen oder eben dem totalen Verzicht sorgen wir für einen vielfältigen Wald, was für die Biodiversität optimal ist.» Auch Waldstücke, die für die Holzwirtschaft genutzt werden, die es in Riehen und Bettingen noch immer gibt, seien für den Mix und die Biodiversität wertvoll.

Vom letzten auf den ersten Platz

Der Kanton Basel-Stadt hat mit den Waldbesitzern vor Ort – der grösste ist die Bürgergemeinde Riehen – Verträge für die kommenden 50 Jahre abgeschlossen. Für den Verzicht auf eine Nutzung des Holzes werden sie finanziell entschädigt. Mit diesen Verträgen sind neu mehr als 26 Prozent der kantonalen Waldfläche unter Schutz gestellt. Mit den neuen Waldschutzgebieten Ausser- und Mittelberg in Riehen und Bettingen katapultiert sich Basel-Stadt anteilsmässig an der Kantonsfläche im Kantonsvergleich vom letzten auf den ersten Platz.

Gerade weil Basel-Stadt anteilsmässig wenig Wald hat, sei es wichtig, dass mit dem Wald vorsichtig umgegangen wird, sagt Regierungsrat und Waldminister Kaspar Sutter (SP). Die grosse Artenvielfalt in den Wäldern helfe, die Klimakrise zu bekämpfen. Sutter machte aber klar, dass die Unterschutzstellung grosser Waldflächen nicht heisst, dass diese für den Menschen nicht mehr begehbar seien.

Die Totalreservate, in denen das Holz gemäss natürlicher Entwicklung abstirbt und auch mal ungeplant Bäume umkippen, sind so gewählt, dass dort schon heute wenig oder gar keine Menschen unterwegs sind. Aber ein Nullrisiko im Wald gibt es nie, sagt Riehens EVP-Gemeinderätin Christine Kaufmann. Im Wald brauche es immer auch Eigenverantwortung.

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