Bildungspolitik
Stress und Zukunftsängste bei Basler Kindern nehmen zu: Fast ein Drittel braucht Hilfe in der Schule

Nur drei Kinder pro Schulstandort erhalten in Basel-Stadt künftig verstärkte Massnahmen. Die Nachfrage steigt aber laufend. Gemäss Erziehungsdirektor Conradin Cramer trägt auch Corona dazu bei.

Nora Bader
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Immer mehr Schülerinnen und Schüler benötigen zusätzliche Hilfe.

Immer mehr Schülerinnen und Schüler benötigen zusätzliche Hilfe.

Symbolbild: Ennio Leanza/KEYSTONE

Die integrative Schule stösst an ihre Grenzen, weil immer mehr Schülerinnen und Schüler zusätzliche Förderung und verstärkte Massnahmen benötigen. Brisant: Weil es bei Letzteren neu Priorisierungen gibt von drei Schülern pro Standort, kommen Lehrpersonen an den Anschlag, da sie die fehlenden Massnahmen abfedern müssen.

In der gestrigen Sitzung des Grossen Rates beantwortete der Erziehungsdirektor Conradin Cramer (LDP) die entsprechende Interpellation von Beatrice Messerli (GAB). Wer dringend Förderung benötige, bekomme diese, betonte Cramer. Er hält aber fest, dass der schulpsychologische Dienst in den letzten Jahren eine Zunahme bei Verhaltensauffälligkeiten, Autismus-Spektrums-Störungen, Stresssymptomen und Zukunftsängsten sowie Suchtverhalten insbesondere beim Medienkonsum von Schülerinnen und Schülern feststelle. Ebenfalls nehme die Anzahl der Schülerinnen und Schüler zu, welche in instabilen und belasteten Familiensituationen leben würden.

Schulpsychologischer Dienst musste für Abklärungen Projekte stoppen

Das führt zu einem massiven Anstieg bei nötigen Abklärungsverfahren. Im Vergleich zum Jahr 2019 seien im 2020 im Zeitraum Herbstferien bis Dezember 35 Prozent mehr Anträge für Abklärungsverfahren eingegangen, bestätigt Cramer. Die Schülerzahlen stiegen hingegen nur um 2,55 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Und bereits 2019 war mit 716 Abklärungen ein Rekordjahr. Fünf Jahre zuvor wurde gerade mal rund die Hälfte verzeichnet. Und die Zahlen steigen weiter rasant an. Bereits im ersten Semester des jetzt laufenden Schuljahres seien 638 Anträge eingegangen. Hinzu kommt, dass auch die Anzahl der ausserterminlich gestellten Anträge auf Abklärungsverfahren laufend zunimmt.

«Soll der notwendige Qualitätsstandard beibehalten werden, lässt sich die gestiegene Anzahl nicht in der gleichen Zeit bearbeiten», sieht auch Cramer ein. Eine zusätzliche Schwierigkeit habe die Coronasituation dargestellt: Die Durchführung von Abklärungen und Gesprächen sei durch Quarantänesituationen, welche Klienten wie auch Mitarbeitende betrafen, erschwert. «Zudem mussten parallel zu den Abklärungsverfahren viele dringende Fälle bearbeitet werden, die sich aufgrund der grossen pandemiebedingten Belastungen ergaben», so Cramer weiter.

Die beteiligten Dienste überprüften und optimierten deshalb ihre Arbeitsabläufe: Der Schulpsychologische Dienst stoppte vorübergehend Projekte und Weiterbildungen und setzte die dadurch gewonnene Zeit für Abklärungsverfahren ein. Trotz des enormen Mehraufwandes werde der Schulpsychologische Dienst über 90 Prozent der Anträge bis zum
15. Februar dieses Jahres bearbeiten können, so Cramer. Somit sei nur ein kleiner Teil der Anträge von zeitlichen Verzögerungen betroffen. Das Erziehungsdepartement schätze, dass zusätzliche 80 bis 100 Stellenprozente vom Schulpsychologischen Dienst den Mehraufwand über das gesamte Jahr abdecken würden.

Lehrpersonen fühlen sich nicht ernst genommen

Beatrice Messerli, welche der Regierung Fragen zur Problematik der integrativen Schule gestellt hatte, war mit den Antworten nur teilweise zufrieden. Die aktuelle Situation fordere alle Beteiligten heraus und die Integrative Schule sei nicht so einfach umzusetzen, wie man sich das vorgestellt oder gewünscht habe oder es geplant war. «Dennoch sind Lehrpersonen bereit, Mehrarbeit zu leisten. Aber die Situation in den einzelnen Schulklassen kann sehr schwierig sein», so Messerli. Lehrpersonen fühlten sich durch die Priorisierung auf die drei dringlichsten Fällen nicht ernst genommen. Die Schule werde für vieles verantwortlich gemacht und sie sei auch verantwortlich, nehme die Verantwortung wahr. Verstärkte Massnahmen würden allerdings nur dann beantragt, wenn die schuleigenen Ressourcen bereits aufgebraucht seien und Schüler mehr benötigten.

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