Bildung
Werden Lernlandschaften zum Totengräber der Sek-Niveaus?

Bei einer Einladung zu einem Treffen fügte der LVB eine vertrauliche Liste mit Themen an, die den Verein beschäftigen - und sparte dabei nicht mit Kritik an der Bildungsdirektion von Urs Wütrich. Bei mehreren Vorwürfen fehlten aber Beweise.

Michael Nittnaus
Drucken
Teilen
Lernlandschaften – hier etwa im thurgauischen Bürglen – ermöglichen Schülern, im selben Raum verschiedenen Aufgaben nachzugehen.

Lernlandschaften – hier etwa im thurgauischen Bürglen – ermöglichen Schülern, im selben Raum verschiedenen Aufgaben nachzugehen.

Ein etwas gar blauäugig handelnder Lehrerverein Baselland (LVB) geriet gestern in Erklärungsnöte. Einer Einladung zu einem Treffen Ende Januar, die er einer Handvoll Bildungspolitikern aus dem Landrat zukommen liess, fügte der LVB eine vertrauliche Liste mit Themen an, die den Verein zurzeit beschäftigen – und sparte dabei nicht mit deutlicher Kritik an der Bildungsdirektion von Regierungsrat Urs Wüthrich, aber auch an einzelnen Schulleitungen. Prompt wurde der Brief der «Basler Zeitung» zugespielt. Das Problem: Bei mehreren Vorwürfen fehlten eindeutige Beweise. «Was wir nach Aussen kommunizieren, muss niet- und nagelfest sein, aber bei internen Schreiben äussern wir teils auch einfach so Kritik, von der wir natürlich überzeugt sind, dass sie stimmt», sagt LVB-Geschäftsführer Michael Weiss zur bz.

Umbau in Prattler Sekschule

Das sieht Wüthrich freilich anders: Er spricht auf Anfrage von «tatsachenwidrigen Behauptungen». Damit meint er vor allem ein heisses Eisen, das die Baselbieter Lehrerschaft zurzeit umtreibt: die Einführung von Lernlandschaften (siehe Kasten). Der LVB schreibt – auch in einem öffentlichen Newsletter – von der «geplanten flächendeckenden Umstellung an verschiedenen Schulstandorten». Konkret geht es dabei vor allem um die Sekundarschule Pratteln. Dort läuft seit Sommer 2013 ein Pilotversuch mit zwei Lernlandschaften von jeweils drei Klassen. Wüthrich hält fest: «In Pratteln werden auch in Zukunft nicht alle Klassen in Lernlandschaften unterrichtet.»

Das kann Jürg Wiedemann nicht glauben: «Urs Wüthrich sagt hier A und andernorts B», so der Grünen-Landrat und Allschwiler Sekundarlehrer. Von der bz kontaktiert, wird er in seiner Kritik konkreter als der LVB: «In Pratteln wurde im Sommer 2014 die Sek Fröschmatt für sehr viel Geld umgebaut und aus 12 Klassenzimmern vier Grossraumzimmer für je 60 Schüler gebaut. Finanziert wurde das über das reguläre Budget Sanierungen, ohne Wissen des Parlamentes. Wüthrich baut so Hürden auf, damit man gar nicht mehr anders kann, als Lernlandschaften zu schaffen.» Wüthrich bestätigt, dass Wände herausgerissen wurden, um Lernlandschaften zu ermöglichen.

Die für Bildung zuständige Prattler Gemeinderätin Elisabeth Schiltknecht bestreitet aber, dass alle Massnahmen nur deswegen erfolgt seien: «Das Fröschmatt ist steinalt und eine Sanierung dringend notwendig. Und die Wände kann man auch wieder einbauen, sollte man wieder kleinere Räume brauchen.» Und beim zweiten Sekschulhaus Erlimatt seien es sogar mobile Wände gewesen.

Initiative für Niveautrennung bereit

Doch weshalb diese Angst von LVB und Wiedemann vor den Lernlandschaften? «Die Bildungsdirektion plant schleichend die Auflösung der drei Leistungszüge der Sekundarstufe I», sagt Wiedemann. Dem widerspricht Wüthrich: «Das Baselbieter Modell mit den drei Leistungszügen A, E und P kann ohne Einschränkung weitergeführt werden.» Zumindest die Prattler Praxis gibt ihm recht. «Unsere beiden Lernlandschaften sind strikt niveaugetrennt. Je eine für Niveau A und E», sagt Schiltknecht. Das Niveau P werde zudem noch ganz klassisch unterrichtet. Auch eine andere Befürchtung sei unbegründet: Nie würden alle 60 Schüler der drei Klassen zusammen im Grossraum sein. Stutzig macht allerdings eine Passage des regierungsrätlichen Geschäftsberichts 2013: «Auf lange Sicht wird ein Schulmodell angestrebt, das Lerngemeinschaften mit Schülerinnen und Schülern unterschiedlicher Niveaus beinhaltet.»

Verhindern könnte dies die lange hängige Volksinitiative, die die Niveautrennung in Promotionsfächern fordert. Hier geht es nun vorwärts, wie Wüthrich bestätigt: «Die Vorlage ist fertiggestellt und kann an einer der nächsten Regierungssitzungen zuhanden des Landrates verabschiedet werden.»

Aktuelle Nachrichten