Costa Concordia Unglück
«Von Eindrücken überschwemmt»: So kommt es zu einem Trauma

Die Überlebenden einer Katastrophe wie etwa dem Unglück der Costa Concordia haben oft mit einem Trauma zu kämpfen. Der Psychiater und Chefarzt Joachim Küchenhoff erklärt die Besonderheiten des Krankheitsbilds «posttraumatische Belastungsstörung».

Simon Tschopp
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Die Costa Concordia nach dem Unfall vor der Insel Giglio 2012. Bei Überlebenden eines solchen Unglücks kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. (Archiv)

Die Costa Concordia nach dem Unfall vor der Insel Giglio 2012. Bei Überlebenden eines solchen Unglücks kann es zu einer posttraumatischen Belastungsstörung kommen. (Archiv)

Keystone

Wie kommt es zu posttraumatischen Belastungsstörungen, die bei betroffenen Menschen erst eine gewisse Zeit nach einem Ereignis auftauchen?

Joachim Küchenhoff: Die Menschen, welche die Katastrophe der «Costa Concordia» als Passagiere hautnah miterlebt hatten, waren gravierenden psychischen Belastungen ausgesetzt. Man muss sich vorstellen, was alles auf dem Spiel steht. Das ist eine grosse Lebensbedrohung. Dazu kommt das Schicksal anderer Leute, die dabei sind. Man wird von Eindrücken regelrecht überschwemmt. Das kann ein riesiges Trauma darstellen, das heisst – definitionsgemäss: die eigenen Verarbeitungsmöglichkeiten überfordern.

Wie lange kann es dauern, bis eine solche Krankheit auftritt?

Psychiater und Chefarzt Joachim Küchenhoff

Psychiater und Chefarzt Joachim Küchenhoff

Das kann man nicht normieren, aber man sollte den Zusammenhang zum Ereignis herstellen können. Ich gehe – wie es üblich ist – von einem Zeitrahmen innerhalb der ersten sechs Monate aus.

Beim Mann aus Muttenz machten sich die Symptome erst zwei Jahre nach dem Schiffsunglück bemerkbar.

Diese lange Zeit ist ungewöhnlich. Man müsste herausfinden, ob zwischenzeitlich Belastungen hinzugekommen sind oder Erlebnisse, die das erste Ereignis nochmals wachrufen. So können Re-Traumatisierungen entstehen.

13. Januar 2012: Die Costa Concordia rammt einen Felsen vor der Insel Giglio und kentert. 32 Personen sterben.
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20. Januar 2012: Die Regierung ruft für die Umgebung den Notstand aus, das havarierte Schiff sei eine Gefahr für die Umwelt.
18. Juni 2012: Die Bergung des Wracks beginnt.
2. November 2012: Das Wrack ist gesichert. Die Bergungsarbeiten kosteten rund 1,5 Milliarden Euro.
10. April 2013: Die Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere erzielt einen Vergleich und muss eine Million Euro Strafe zahlen.
20. Juli 2013: Vier geständige Crewmitglieder und ein Manager erhalten Haftstrafen bis zu knapp drei Jahren – ohne Prozess.
16./17. September 2013: In einer 19-stündigen Bergungsaktion wird die Costa Concordia aufgerichtet.
23. Juli 2014: Die Costa Concordia verlässt Giglio. Aufgrund der Wetterlage musste die Überführung mehrfach verschoben werden
27. Juli 2014: Das Schiff trifft in Genua ein, wo es verschrottet werden soll.
3. November 2014: Der letzte Vermisste, ein indischer Kellner, wird gefunden.
11. Februar 2015: Der Kapitän der «Costa Concordia» Francesco Schettino wird zu 16 Jahren Haft verurteilt.
21. September 2015: Die Staatsanwaltschaft legt Berufung gegen die ihrer Ansicht nach zu milde Strafe ein.
3. Januar 2016: Das Luxusschiff ist so weit abgewrackt, dass die ersten zwei Schwimmkästen entfernt werden können.
1. September 2016: Die Costa Concordia wird ein letztes Mal im Hafen von Genua verschoben. Es folgt die Verschrottung – 80 Prozent wird recycelt.

13. Januar 2012: Die Costa Concordia rammt einen Felsen vor der Insel Giglio und kentert. 32 Personen sterben.

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Welche Gründe spielen mit bei der Verzögerung?

Was wir alle kennen, sind plötzliche Todesfälle, die sehr belastend sind. Zunächst befindet man sich in einer Notfallsituation, ist erst mal ganz stark beschäftigt damit, alles zu regeln. Man versucht nur, sich über Wasser zu halten. Das führt zu einer Verzögerung der seelischen Reaktion. Erst wenn man zur Ruhe kommt, empfindet man dann den vollen Verlust. Ähnlich ist es auch bei verzögerten Trauma-Reaktionen.

Hat Verdrängen auch einen Einfluss?

Das ist so. Es gibt eine ganz starke Form von Verdrängung, in der man erst einmal nichts an sich herankommen lässt, um überhaupt noch funktionsfähig zu sein. Das Ganze kann später mit enormer Macht auf einen zurückfallen.

Flüchtlinge und Kriegsopfer leiden auch häufig unter Traumata.

Absolut. Nehmen wir die aktuelle Flüchtlingskrise. In Deutschland gibt es einen erheblichen Prozentsatz von Flüchtlingen, die traumatisiert sind. Diese werden einerseits schon in ihren Herkunftsländern traumatisiert, wie in Syrien durch furchtbare Verlusterfahrungen im Krieg. Zusätzlich kommt es zu Traumatisierungen auf der Flucht, was die Situation noch schwieriger macht.

Wie werden posttraumatische Belastungsstörungen therapiert?

Eine Therapie muss darauf ausgerichtet sein, traumatische Erfahrungen ins eigene Leben zu integrieren und zu schauen, dass man irgendwann mit ihnen leben kann. Das geschieht auf unterschiedliche Art und Weise. Entscheidend in der Trauma-Therapie ist, dass der erste Schritt ein sicherer Ort ist, wo man wenigstens punktuell entspannen kann. Es braucht Vertrauen, damit man das Erlebte emotional verarbeiten kann. Heute geht man nicht mehr sofort direkt auf die Erlebnisse ein, davon ist man abgekommen.

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