Windkraft
Verein Wind-Still will Windkraftwerk auf dem Chall verhindern

Die IWB plant neun Windräder auf dem Chall zu errichten. Doch das Unternehmen erhält kräftig Gegenwind. Der Verein Wind-Still probiert alles, um die Windkraftwerk zu verhindern – und probt den Widerstand am Beispiel Möthlitz.

Christian Menschund Michael Heim
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Zehn Jahre lang haben sich die Möthlitzer im deutschen Bundesland Brandenburg gegen die fünf 100 Meter hohen Windkraftwerke vor ihrem Ort gewehrt. BZ

Zehn Jahre lang haben sich die Möthlitzer im deutschen Bundesland Brandenburg gegen die fünf 100 Meter hohen Windkraftwerke vor ihrem Ort gewehrt. BZ

Die Tombola des Parkfests in Möthlitz, das am vergangenen Wochenende stattfand, war mit ausserordentlich attraktiven Preisen bestückt. Dies dank der Elektra Baselland (EBL), die an diesem Wochenende am gleichen Ort fünf Windräder offiziell in Betrieb nahm. Zehn Jahre hatte sich die Gemeinde im deutschen Bundesland Brandenburg gegen die Turbinen gewehrt, bis sie sich mit dem obrigkeitlich verordneten Kraftwerk abfand. Die EBL, die erst Anfang Jahr die Anlage kaufte, sucht nun den Goodwill der Bevölkerung, speist die Tombola und sponsert die örtlichen Volleyballer.

Die Möthlitzer haben sich mit ihrer Niederlage abgefunden; Landeigentümer und die Gemeinde werden jährlich mit über 100000 Franken abgegolten. Doch nun folgt die Kritik aus der eigenen Region: «Die EBL übertreibt masslos und beschönigt Tatsachen», schrieb Ingenieur Martin Sortmann in einem Leserbrief der «bz». Sortmann ist Mitglied des Vereins Wind-Still, der sich gegen den geplanten Windpark der IWB auf dem Solothurner Chall gebildet hatte. Er sagt: Das Versprechen der EBL, in Möthlitz Strom für 5000 Haushaltungen zu produzieren, sei sehr unglaubwürdig. Ein Bruchteil davon sei realistisch.

Sortmann stellt die Prognose der EBL in zweierlei Hinsicht infrage: Erstens sei die versprochene Leistung von 21 Millionen Kilowattstunden (kWh) pro Jahr technisch nicht plausibel und zweitens würde selbst diese Strommenge lediglich 560 Einwohner versorgen – würde man mit dem effektiven gesamtwirtschaftlichen Stromverbrauch rechnen und nicht mit dem direkten Haushaltsverbrauch.

Tobias Andrist, Leiter Unternehmensentwicklung bei der EBL, reagiert mit Unverständnis auf den Verdacht einer schöngerechneten Prognose. Doch Sortmann kann seine Skepsis durchaus begründen: Die zugänglichen Statistiken über die mittlere Windstärke zeigen, dass diese in Möthlitz in 80 Meter über Boden etwa bei 4,5 Meter pro Sekunde liege. Nach Angaben des Produzenten der Windturbinen ist damit kaum Strom zu erzeugen. Nur gerade fünf Prozent der maximalen Leistung von 10 Megawatt (MW) sei damit generierbar, rechnet Sortmann vor. Die EBL rechnen dagegen mit einer Ausnutzung des Potenzials von 24 Prozent.

Andrist sagt, Messungen während des vergangenen Jahres durch die renommierten Spezialisten der deutschen Dewi GmbH hätten auf 99 Metern eine Windstärke von 6,4 Metern pro Sekunde ergeben, was rechnerisch eben eine ganz andere Energieleistung hervorbringe.

Sortmann kontert, dass nur langfristige Messungen valide Daten über die stark schwankenden Windverhältnisse lieferten. Vergleichsberechnungen, die er etwa zur Windkraft-Anlage auf dem Mont-Crosin angestellt habe, zeigten etwa die Zuverlässigkeit der Angaben im sogenannten Windatlas, der auf einer Reihenuntersuchung von zwanzig Jahren basiere. Sortmann verweist auch auf Informationen anderer Windparks in Brandenburg, die auf eine Effizienz zwischen 15 und 20 Prozent schliessen lasse. Die von der EBL erwartete Effizienz von 24 Prozent seien deshalb sehr hoch.

Andrist versucht mit konkreten Resultaten zu überzeugen: In den ersten zwei Monaten seien in Möthlitz bereits 2,2 Millionen kWh Strom produziert worden. Dies, obwohl technische Anfangsschwierigkeiten zu überwinden gewesen seien und die Monate Mai und Juni als eher windschwach gälten.

Der Schlagabtausch zwischen Andrist und Sortmann ist ein Vorgeschmack auf die Dispute, die wohl folgen, sollte sich das Projekt von neun Windrädern der IWB auf dem Chall einer Realisierung nähern. Am 18. Oktober plant Wind-Still eine öffentliche Veranstaltung in Röschenz, um mit Referaten und Diskussionen «die Bevölkerung offen über das geplante Projekt, den zu erwartenden Stromertrag sowie die ökologische Problematik und den Einfluss auf die Natur und Landschaft rund um den Chall zu informieren», wie es in der Ankündigung heisst. Den IWB soll ein strammer Wind entgegenblasen, sollten sie ihr Projekt weiter vorantreiben.

Die IWB konzentrieren sich jedoch nicht auf den Chall. An neun Standorten in fünf Windregionen und mit 75 Turbinen wollen die IWB insgesamt 500 Millionen kWh Windstrom produzieren. Vor zwei Wochen erwarben sie sieben Windräder in Calau, einem Ort in der brandenburgischen Lausitz. Diese erbringen eine Nennwertleistung, die doppelt so hoch liegt wie die EBL-Anlage in Möthlitz. Dort sollen 60 Millionen kWh produziert werden, das Dreifache der EBL-Anlage. Doch auch in Calau ist die Bevölkerung nicht begeistert. Bauamtsleiterin Margitta Görs erklärt gegenüber dem «Sonntag», die Gemeinde habe den Bau zwar akzeptieren müssen. Stossend sei jedoch, dass für die Anlage, an der seit Januar gebaut und die in diesem Monat fertiggestellt wird, noch keine rechtskräftige Planungsgrundlage vorliege.

Wie sich zumindest in Deutschlands Norden Goodwill schaffen lässt, können die IWB von der EBL lernen: mit einer Tombola und Trikotwerbung.

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