Digitalisierung
So viele Heimatkunden wie sonst nirgends: Das Baselbiet und sein Kantonsverlag

Es ist kein Zufall, dass nur das Baselbiet einen Kantonsverlag hat. Er spielte eine entscheidende Rolle bei der Identitätsfindung des Kantons. Ab 2021 soll der Verlag nun gar ins digitale Zeitalter geführt werden.

Boris Burkhardt
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Heimatkunde Kanton Baselland: Matthias Manz mit zwei Ausgaben.

Heimatkunde Kanton Baselland: Matthias Manz mit zwei Ausgaben.

Boris Burkhardt

Baselland ist der einzige Kanton in der Schweiz, der sich einen eigenen Verlag leistet, der mehr veröffentlicht als Lehrmittel für die Schulen. Für den Historiker Matthias Manz, bis 2000 Staatsarchivar in Liestal, ist das ein grosser Glücksfall für die Geschichtsforschung im Baselbiet und die Baselbieter selbst – aber auch kein Zufall.

Das lasse sich an den Heimatkunden besonders gut darlegen. Eine Heimatkunde hält Gesellschaft, Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Politik einer Gemeinde in Wort und Bild fest. Seit den 1960er-Jahren haben 60 Gemeinden des Baselbiets eine eigene Heimatkunde herausgegeben, das sind rund zwei Drittel der 86 Gemeinden. Aesch, Anwil, Gelterkinden, Liestal, Münchenstein, Pratteln, Reinach, Rünenberg und Sissach haben bereits zwei, Pfeffingen gar deren vier.

Den Anfang machten 1966, 1967 und 1968 Pfeffingen, Anwil, Eptingen und Pratteln. Die neueste Heimatkunde hat dieses Jahr Niederdorf herausgegeben (die bz berichtete). Bereits in den 1860er-Jahren gab es laut Manz eine solche Welle von 63 handschriftlichen Heimatkunden bei damals 74 Gemeinden, darunter auch eine von Pratteln, die Manz zusammen mit René Salathé heuer erstmals in der Schriftenreihe «Quellen und Forschungen» veröffentlicht.

Identitätsstiftende Bemühungen unterstützt

Heimatkunden entstehen innerhalb der Gemeinden, wie Manz erklärt: «Von dort müssen auch die Autoren kommen.» Das erkläre vermutlich, warum die restlichen 26, meist sehr kleine Gemeinden, noch keine Heimatkunden verfasst hätten. Der Kantonsverlag übernehme ausserdem nur einen Teil der Kosten. Dennoch gebe es eine solche Dichte an Heimatkunden in keiner anderen Region der Schweiz, ist sich Manz sicher.

Und das sei wie eingangs erwähnt kein Zufall: Der abgesehen vom Jura jüngste Kanton der Schweiz habe ab 1832 erst seine eigene Identität finden müssen. Die meiste Zeit sei er ein «Kanton auf Abruf» gewesen; die Frage nach der Wiedervereinigung mit Basel-Stadt ist laut Manz «eigentlich erst 1969» mit einem überzeugenden Ja zur Selbstständigkeit in der Volksabstimmung geklärt worden.

«Aus diesem Grund war es naheliegend, dass die Behörden die identitätsstiftenden Bemühungen stets unterstützten und dies als ihre Aufgabe verstanden», erklärt Manz. Und diese Bemühungen strahlen offensichtlich auch auf das Schwarzbubenland aus: Laut dem Solothurner Staatsarchivar Andreas Fankhauser seien die Gemeinden im Dorneck-Thierstein bei weitem besser mit Heimatkunden abgedeckt als die anderen Bezirke des Kantons.

Der Verlag gibt auch das «Baselbieter Heimatbuch» heraus

Neben den Heimatkunden, die unregelmässig erscheinen, und der Schriftenreihe «Quellen und Forschungen», gibt der Kantonsverlag seit 1942 alle zwei Jahre das «Baselbieter Heimatbuch» heraus, das zu einem bestimmten Thema historische, literarische und aktuelle Beiträge versammelt: Band 32 von vergangenem Jahr widmet sich in vielen Facetten beispielsweise dem Thema «Export».

Für Juristen und Mitarbeiter öffentlicher Verwaltungen arbeitet die Reihe «Recht und Politik im Kanton Basel-Landschaft» seit 1981 juristisch relevante Themen auf; die jüngste Reihe «bildgeschichten.bl» vertieft seit 2008 ein gesellschaftliches Thema mit reichlich historischem Bildmaterial: 2020 widmet sich Florian Blumer dem «Sportlichen Baselbiet».

Eigene Kommission sichert die Qualität

Alle Veröffentlichungen finanziere der Kanton vollständig oder teilweise; die Mittel stammten aus dem Swisslos- Fonds. Der Kantonsverlag kümmere sich komplett um Druck, Vertrieb und Marketing, was den Autoren die Veröffentlichung enorm erleichtere. Auch andere Kantone subventionierten historische Veröffentlichungen, fährt Manz fort.

Die Bücher würden aber zumeist von Vereinen herausgegeben und von privaten Verlagen veröffentlicht, «wenn sie in deren Publikationsprofil passen und die erforderlichen Finanzen beschafft werden können». Das sei auch in Basel der Fall, wo die «Basler Zeitschrift für Geschichte und Altertumskunde» seit 1900 und das «Basler Stadtbuch» seit 1879 von der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft zu Basel beziehungsweise der Christoph Merian Stiftung herausgegeben würden.

Manz freut sich vor allem über die Niederschwelligkeit, mit welcher der Baselbieter Kantonsverlag es auch fachkundigen Laien ermögliche, Texte zu historischen, literarischen und naturwissenschaftlichen Themen zu veröffentlichen – sofern sie mit dem Baselbiet zu tun haben. Die Qualitätssicherung der Beiträge übernehme für jede Reihe eine eigene Kommission, in denen Manz qua Amt als Staatsarchivar selbst Einsitz hatte.

Eingliederung des Verlags in die Kantonsbibliothek

Ab Januar will Susanne Wäfler-Müller den Kantonsverlag «ins 21. Jahrhundert» führen. Wäfler-Müller ist seit Mai 2020 Leiterin der Kantonsbibliothek und übernimmt zusätzlich die Leitung des Kantonsverlags zum Jahreswechsel als Nachfolgerin von Mathias Naegelin, der in Pension geht. Die Eingliederung des Kantonsverlags in die Kantonsbibliothek ist Teil der Umstrukturierung der Bildungs-, Kultur- und Sportdirektion (BKSD), wie sie seit 2015 umgesetzt wird.

«21. Jahrhundert» bedeutet für Wäfler-Müller vor allem, digitale Möglichkeiten zu nutzen. Eine genaue Strategie werde noch bis Ende Jahr ausgearbeitet; eines von Wäfler-Müllers Zielen ist es aber, die bestehenden Publikationen zu digitalisieren und online mit multimedialen Inhalten wie Fotos und Videos anzureichern.

Ob ältere Publikationen dann kostenlos oder -pflichtig zur Verfügung stehen werden, sei noch nicht entschieden. Offen sei auch, wie weit in die Vergangenheit die Publikationen digitalisiert werden. Die Digitalisierung soll jedenfalls im Laufe des Jahres 2021 umgesetzt werden. In Zukunft, da ist sich Wäfler-Müller sicher, sollen Publikationen vermehrt digital erscheinen, zusätzlich zur Printausgabe mit weiteren Inhalten oder nur noch online wie Lexika oder Chroniken.

Attraktive Begleitveranstaltungen

Wäfler-Müller verspricht sich Synergien von der Eingliederung des Kantonsverlags in die Kantonsbibliothek. Letztere habe beispielsweise die Aufgabe, alle Medien zu sammeln, die durch Inhalt, Produktionsort oder Autor eine Beziehung zum Baselbiet haben, wozu natürlich auch alle Veröffentlichungen des Kantonsverlags gehörten. Die Verwaltung des Verlags werde in die Strukturen der Kantonsbibliothek integriert; Lektorat und Druck seien bereits heute an externe Firmen vergeben.

Sie selbst als Verlagsleiterin unterstütze und berate die Kommissionen der Schriftenreihen bei der Themenauswahl, der geeigneten Publikationsform und den Möglichkeiten zur Vermittlung. Das Verlagsprogramm will sie vermehrt mit attraktiven Begleitveranstaltungen bewerben: Lesungen, Gespräche, Podiumsdiskussionen, Vorträge, Workshops und Exkursionen.