Schloss Wildenstein
Sie haben einen Job, von dem Tausende träumen

Die beiden neuen Verwalter von Schloss Wildenstein geben Einblick in ihren Alltag. Der ist voller Überraschungen.

Hans-Martin Jermann
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Die guten Geister auf Schloss Wildenstein: Hansjörg Surer (l.) und Dieter Leutwyler. Kenneth Nars

Die guten Geister auf Schloss Wildenstein: Hansjörg Surer (l.) und Dieter Leutwyler. Kenneth Nars

Kenneth Nars

Dieter Leutwyler (62) und Hansjörg Surer (50) hüten das Schloss Wildenstein, die grösste mittelalterliche Burganlage im Baselbiet. Seit 1. November teilen sie sich eine 100-Prozent-Stelle. Leutwyler und Surer verwalten ein Schloss, für das andere Millionen aufbringen müssten. Klingt nach einem Super-Deal. Schloss Wildenstein gehört dem Baselbieter Volk und wird vom Kanton verwaltet. Dieser hat die beiden Schlosswarte im Job-Sharing angestellt.

«Ich ziehe doch nicht in den Wald»

Im Frühsommer 2016 überraschte Leutwyler, – hauptberuflich Sprecher der Baselbieter Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) – seinen Partner mit der Idee, sich gemeinsam als Nachfolger der langjährigen Schlosswartin Maya Waldner zu bewerben. Die beiden sind seit Jahren Mitglied des Schlossfreunde-Vereins. Surers spontane Reaktion: «Ich zieh doch nicht in den Wald.» Doch langsam freundete er sich mit der Idee an, die gemeinsame Wohnung im Herzen Grossbasels gegen das Schloss oberhalb von Bubendorf zu tauschen. Der gebürtige Liestaler erinnerte sich, wie er einst als junger Schauspieler vom mystischen Eichenhain nahe des Schlosses magisch angezogen war und dort oft seine Texte auswendig gelernt hatte.

Weshalb sich nicht noch einmal auf ein grosses Abenteuer einlassen? Andere planen in diesem Alter eine grosse Reise, doch die beiden winken ab: «Wir haben auf der Welt viele schöne Orte gesehen.» Dass sie wegen ihres neuen Jobs auf Sommerferien im Ausland verzichten müssen, scheint sie nicht zu schmerzen. Nun geniesst Surer, der 80 Prozent der Vollzeitstelle ausfüllt, den Luxus, am selben Ort zu wohnen und zu arbeiten. Und Leutwyler, der sein Pensum bei der BUD um 20 Prozent zugunsten der Schlosswartstelle reduziert hat, sagt: «Wenn ich in Bubendorf auf die enge Strasse Richtung Schloss abzweige, spüre ich, wie Stress und Hektik von mir abfallen.» In einer anderen Welt wohnen sie. Es sei keine heile Welt, betont Surer, aber eine ehrliche: «Hier oben erlebt man die Jahreszeiten sehr intensiv.»

«Geheimraum» entdeckt

Ihr Lieblingsort in der riesigen Anlage? Das ist die Terrasse des 1338 errichteten Wohnturms, des ältesten Teils von Schloss Wildenstein. Von hier oben in luftiger Höhe schweift der Blick vom Innenhof über das benachbarte Bauernhaus samt Scheune, über den hübschen Englischen Garten bis ins Naturschutzgebiet, wo die prächtigen Eichen aus dem 15. Jahrhundert stehen. «Wir dürfen davon ausgehen, dass sich dem Schlossbesucher auch in 50 Jahren derselbe Ausblick bietet», sinniert Surer. «Falls nicht, dann stimmt etwas nicht.» Schloss Wildenstein als unverrückbarer Steinklotz in einer sich rasch wandelnden Welt. Als einzige Höhenburg der Region überstand Wildenstein das fürchterliche Erdbeben von 1346.

Voller Überraschungen ist der Alltag der Schlosswarte. Täglich stossen sie auf Neues. Etwa darauf, dass in dem von ihnen bewohnten Gärtnerhaus aus dem 19. Jahrhundert ein Raum existiert, der aus der Wohnung nicht zugänglich ist. Es dauerte einige Zeit, bis sie realisierten: Der «Geheimraum» hinter den Wohnungswänden ist via die schwer zugängliche Hausrückseite zu erreichen. Was ist mit Schlossgeistern? Da sind die beiden Herren zu stark geerdet, um an Spuk zu glauben. Allerdings: Surer entdeckte in der Küche Fussspuren, die er sich auf Anhieb nicht erklären konnte. Doch dann fiel der Groschen: Am Vortag hatten die Schlossfreunde eine Führung veranstaltet.

Den Bölimann spielen

In einer derart grossen Anlage findet sich immer irgendwo eine Baustelle. Ist das nicht frustrierend? «Im Gegenteil: Es ist reizvoll, mit kleinen Eingriffen diese jahrhundertealte Anlage in Schuss zu halten», sagt Leutwyler. Er hat auf der Veranda eben die Geranien-Kistchen montiert. Allerdings: Leutwyler und Surer, der zuvor als Kommunikationstrainer tätig war, dürfen nicht nach eigenem Gutdünken schalten und walten. Hier einen Nagel einschlagen, da einen Stuhl reparieren – das liegt gerade noch drin. Doch die farbigen Wappenscheiben putzen würde ihre Kompetenzen übersteigen. Dafür ist die Restauratorin zuständig. Und selbst bei einfachen Malerarbeiten im Keller der denkmalgeschützten Anlage entscheidet das Hochbauamt. Damit hätten sie kein Problem. Sie bilden die Schnittstelle zwischen Schloss und Kanton, zum Freunde-Verein, zu Baselland Tourismus und zum Zivilstandsamt, das hier Trauungen durchführt.

Als Dienstleister und Ermöglicher verstehen sie sich im Umgang mit Mietern und Besuchern. Diesen komme man soweit wie möglich entgegen, schliesslich befinde sich das Schloss im Eigentum der Öffentlichkeit. Dass einer der beiden bei einer Vermietung weit nach Mitternacht eine Türe schliessen geht oder Gäste verabschiedet, sei selbstverständlich. Hin und wieder muss Surer allerdings Grenzen setzen und den Bölimann spielen. Kurz vor dem Besuch der bz begehrte eine unangemeldete 30-köpfige Wandergruppe um Einlass. «Ich musste ihnen freundlich, aber bestimmt sagen, dass das Schloss heute privat vermietet und nicht geöffnet sei», sagt Surer. Der Umgang mit Gästen ist ein schwieriger Balanceakt, der Fingerspitzengefühl, Charme und Durchsetzungsvermögen erfordert. Super-Deal? Traumjob? Möglich, aber einer mit riesigem Arbeitsvolumen – und ohne Feierabend.

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