Jubiläumsfeier
«Seine Rede ist Pflichtlektüre» – Carl Spitteler und 100 Jahre Literaturnobelpreis

Am Donnerstag schaut die kulturinteressierte Schweiz auf Liestal: Hier wird um 17.30 Uhr in der Stadtkirche mit einem Festakt mit Bundesrat Alain Berset und danach mit einem reichhaltigen Programm auf der Rathausstrasse das Spitteler-Jubiläumsjahr national eingeläutet.

Andreas Hirsbrunner
Drucken
Teilen
Carl Spitteler auf einer undatierten Kutschenausfahrt mit einer charmanten Schönheit.

Carl Spitteler auf einer undatierten Kutschenausfahrt mit einer charmanten Schönheit.

7617900103835

Denn vor 100 Jahren hat der in Liestal aufgewachsene Carl Spitteler den Literaturnobelpreis erhalten. Und er ist bis heute der einzige geborene Schweizer geblieben, der damit ausgezeichnet wurde; Hermann Hesse, der den Preis ebenfalls als Schweizer entgegennehmen durfte, war gebürtiger Deutscher.

Verantwortlich für das Spitteler-Jubiläumsjahr zeichnet der Verein «Carl Spitteler – 100 Jahre Literaturnobelpreis», der mit einem Budget von 850'000 Franken ausgestattet ist; 400'000 Franken hat der Kanton Baselland aus seinem Swisslos Fonds beigesteuert.

Im siebenköpfigen Vorstand des Spitteler-Vereins sitzt auch Christoph Haering (60) aus Bottmingen. Er gehört zu dessen Gründungsmitgliedern, präsidierte bis vor zwei Jahren den Kulturrat Baselland und arbeitet als freischaffender Regisseur, Organisationsentwickler und Coach. Für ihn bedeutete das Spitteler-Engagement ein Sprung ins kalte Wasser, wie er im Interview erzählt. Inzwischen hat er sich kräftig eingelesen, aber ein anderer potenzieller Schweizer Literaturnobelpreisträger steht ihm näher.

Herr Haering, was ist Ihr Zugang zu Carl Spitteler?

Christoph Haering: Ich wusste lange nicht viel von Carl Spitteler, habe mich dann aber vertieft mit ihm auseinandergesetzt, als ich die Anfrage für das Engagement im Vorstand des Spitteler-Vereins erhielt.

Dann ging es Ihnen so wie wahrscheinlich den Meisten: Kaum jemand hat ein Werk von Spitteler gelesen. Was ist Ihr Tipp, sich ihm anzunähern?

Als ersten Schritt kann man eine der vielen Veranstaltungen im Spitteler-Jubiläumsjahr besuchen. Darunter sind auch unkonventionelle wie jene am 17. August in Augusta Raurica, wo sich Slam-Poeten mit Spitteler auseinandersetzen. Da bin ich auch sehr gespannt, wie die das machen. Das Jubiläumsjahr ist ja ein eigentliches Kulturvermittlungsprojekt mit dem Ziel, Werk und Person Carl Spittelers schweizweit sichtbar zu machen und seine Werke in einem zeitgenössischen Kontext neu zu verhandeln.

Unsere dreisprachige Homepage www.spitteler.ch, für die wir uns sehr viel Mühe gegeben haben, informiert detailliert über das Programm. Zum Einlesen empfehle ich das von uns herausgegebene Spitteler-Leseheft mit biografischen Daten und ein paar Leseauszügen aus seinen Werken.

Und wenn man sich an ein Werk wagt, bei welchem soll man beginnen?

Spannend ist sein einziger Roman «Imago». Seine Rede «Unser Schweizer Standpunkt», die er zu Beginn des Ersten Weltkriegs hielt und für die er berühmt wurde, ist immer noch sehr aktuell und fast schon Pflichtlektüre. Zudem sind auch seine Novellen sehr lesenswert.

Und sein Epos Olympischer Frühling, für das er den Nobelpreis erhielt?

Das habe ich auch nur in Auszügen gelesen. Daran kann man sich schon die Zähne ausbeissen. Aber es enthält auch sehr gute Formulierungen und viele Diskussionsanreize. Spitteler ist ein politisch engagierter Autor, der nicht aus Zufall und als bis heute einziger geborener Schweizer den Literaturnobelpreis erhielt. Ich wüsste aber schon noch zwei, drei Personen, denen man diesen Preis auch verleihen könnte.

Wem zum Beispiel?

(zögert) Etwa meinem Schwager Thomas Hürlimann.

Morgen wird das Spitteler-Jubiläumsjahr national mit einem Fest in Liestal eröffnet. Was sind die Höhepunkte?

Das beginnt mit einem Festakt in der Stadtkirche mit 300 geladenen Gästen aus Politik und Kultur sowie den Projektpartnern des Jubiläumsjahrs. Danach wird draussen auf der Rathausstrasse ab 19 Uhr weitergefeiert mit einer Bühne, von wo Bundesrat Alain Berset zur Bevölkerung spricht und wo Diskussionen rund um Spitteler stattfinden.

Die Restaurants stuhlen heraus und bieten teils Verpflegung wie zu Spittelers Zeiten an, und es gibt viel Musik (Details siehe Box unten, Anm. der Red.). Wer Spitteler besser kennen lernen will, für den ist dieses Fest eine gute Gelegenheit.

Was schätzen Sie persönlich an Spitteler besonders?

Er hat sehr viel getan für den Austausch zwischen den Landesteilen. Auch dadurch, dass er seine Werke selbst übersetzt hat. Wir nehmen das auch auf, indem wir Lesungen zum heutigen Schweizer Standpunkt mit prominenten Autoren in der deutschen, französischen und italienischen Schweiz durchführen und Übersetzungen bieten.

Wir haben das Glück, dass wir in der Schweiz verschiedene Kulturen mit verschiedenen Blickwinkeln haben. Aber der Austausch und das gegenseitige Inspirieren zwischen diesen Kulturen findet zu wenig statt. Das ist ein Reichtum, den wir mehr nutzen sollten. Da können wir uns noch heute ein Beispiel an Spitteler nehmen.

Abendgesellschaft bei Spittelers

Diskussionen, Musik, Feuer, Festschmaus

Schauplatz des öffentlichen Teils des Spitteler-Fests von morgen Donnerstabend unter dem Titel «Abendgesellschaft bei Spittelers» ist die Rathausstrasse im Herzen der Liestaler Altstadt. Das offizielle Festprogramm mit diversen Interview-Blocks und musikalischen Darbietungen vom Cello-Solo bis zu Klängen der Rotstab Clique finden auf einer Bühne vor dem Rathaus statt. Durch den Anlass führt die bekannte SRF-Moderatorin Sandra Schiess. Höhepunkt ist das Interview mit Bundesrat Alain Berset von 19.15 bis 19.30 Uhr. Weitere Interviews finden mit Literatur-Experten und Behördenvertretern statt, unter ihnen die Baselbieter Regierungspräsidentin Monica Gschwind (BL) und der Liestaler Stadtpräsident Daniel Spinnler. Auch Vertreter von Luzern und La Neuveville kommen zu Wort, weil auch an diesen Lebensorten von Spitteler noch Festakte anstehen. Doch zurück auf die Rathausstrasse: Unter dem Motto «Speisen Sie wie vor 100 Jahren» bieten ein Dutzend Gastronomiebetriebe Leckereien vom Bauern-Gulasch bis zum Dinkel-Brennnessel-Haselnuss-Risotto an. Um auch stimmungsmässig an Spittelers Zeiten anzuknüpfen, werden die Lichter an der Rathausstrasse nach Möglichkeit ausgeschaltet. Statt dessen beleuchten Feuerschalen und Laternen mit Kerzen die Szenerie und etliche Leute sind mit Kostümen von damals unterwegs. Das Dichter- und Stadtmuseum lädt um 20 und 20.45 Uhr zu zwei Kurzführungen durch die Spitteler-Ausstellung «Poesie und Politik». (hi)

Aktuelle Nachrichten