Reinach
Es ginge auch ein Gewerbegebiet: Therapie-Ponys suchen neue Bleibe

Gabriela Pernter Volpe musste 2020 mit ihrem Pferde-Therapiezentrum von ihrem Hof in Kaiseraugst wegziehen, samt ihren elf Tieren. Schon seit zwei Jahren sucht sie eine neue Bleibe.

Benjamin Wieland
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Zügeln ist nichts Lustiges. Noch weniger mit elf Pferden und Ponys im Gepäck. Gabriela Pernter Volpe ist auf der Suche nach einer neuen Bleibe für ihr Therapiezentrum Differentia. Bis 2020 war die gelernte Naturheilpraktikerin in Kaiseraugst tätig, bot mit zwölf Mitarbeitenden auf einem Hof pferdegestützte Therapien und Kurse an. Doch das Gut wurde verkauft.

Damit nicht genug. Im selben Jahr musste Differentia wegen der Coronapandemie die Arbeit zeitweise einstellen. Die Suche nach einem Ersatzstandort zog sich in die Länge – und war noch nicht erfolgreich.

Seit zwei Jahren sind die elf Tiere auf einem Hof im Emmental untergebracht – «in den Ferien», wie es Pernter Volpe ausdrückt. «Ihnen geht's gut dort, das ist nicht das Problem. Aber wir warten noch immer auf das passende Angebot.»

Der Hof soll das Land zurückmieten können

Gabriela Pernter Volpe führt die bz durch ihre Gesundheitspraxis in Reinach. «Ich habe mir 2020, als wir uns aus Kaiseraugst verabschiedeten, gesagt: Wenn wir schon woanders neu anfangen müssen, dann richtig.» Die Idee: Eine Stiftung gründen, die das künftige Land kaufen kann, um es Differentia zur Verfügung zu stellen. «So wäre die Zukunft des Zentrums gesichert.»

Gabriela Pernter Volpe.

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Im Mai des vergangenen Jahres gründete Pernter Volpe mit zwei Sympathisanten die Stiftung Pro Terapia in Basel. Obwohl sie schon ordentlich Spenden gesammelt hätten, sei das Ziel noch nicht erreicht, sagt Pernter Volpe. Die Stiftung stehe mit vielen potenziellen Geldgebern in Kontakt, etwa mit der Stiftung Cerebral. Sie setzt sich für bewegungsbehinderte Kinder ein und hat einen Partnerschaftsvertrag angeboten.

Künftig auch Mini-Pigs und Lamas

Der künftige Standort müsse nicht zwingend ein Landwirtschaftsbetrieb sein, sagt Pernter Volpe. «Es braucht aber einen Zugang zu Weideland für die Pferde und auch ansonsten genügend Platz, am besten 3000 Quadratmeter, dann könnten wir einen Sandplatz bauen.» Der Standort solle sich in der Nordwestschweiz befinden. Doch es müsse sich nicht zwingend um einen Landwirtschaftsbetrieb handeln:

«Theoretisch wäre es auch möglich, dass wir etwa eine Gewerbehalle oder eine Lagerhalle nutzen, die am Rand des Siedlungsgebiets steht.»

Das Ziel sei es, ein tiergestütztes Therapiezentrum aufzubauen, das nicht «nur» mit Pferden arbeitet, sondern auch mit Mini-Pigs und Lamas. Vorgesehen ist einiges an Infrastruktur: Parkplätze, behindertengerechte Toiletten, Verpflegungsmöglichkeiten, Gästezimmer, Seminarräume, Platz für Schulklassen, die einen Tag oder gleich eine Woche im Zentrum verbringen könnten, und mehr. Geplant ist auch, dass man angehende Tiertherapeutinnen und -therapeuten ausbildet und in anderen Landesteilen Ableger gründet.

Die Hirnhälften verschalten sich neu

Die Geschichte von Differentia begann 2010, damals noch mit einem Pferd. Gabriela Pernter Volpe liess sich zur Trainerin der sogenannten Dual-Aktivierungsmethode ausbilden, «weil ich gemerkt habe, wie viel das bewirken kann», wie sie erklärt.

Der Gedanke hinter der Dual-Therapie: Durch Training mit Tieren verbessern sich emotionale, aber auch geistige, soziale und körperliche Fähigkeiten. Etwa dann, wenn eine Patientin ein Pferd führt, mit ihm Figuren einübt, einen Parcours abläuft. Das «Dual» verweist auf die beiden Hirnhälften, die lernen, besser miteinander zu kommunizieren.

Selber einen Sattel entwickelt

Bei Differentia zu Gast sind, neben Menschen mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen, auch solche, die ein Burn-out erlitten hatten, an Depressionen leiden, oder Jugendliche, die Mühe haben, Anschluss zu finden.

«Bei der Arbeit mit Tieren werden Endorphine ausgeschüttet», sagt Gabriela Pernter Volpe. «Wer einmal dabei war, wie ein Kind mit cerebralen Schäden aufblüht, wenn es auf einem unserer Pferde sitzt und mit ihm kommuniziert, muss man nicht mehr vom Nutzen der Dual-Therapie überzeugen.» Pernter Volpe entwickelte einen Sattel, mit dem es möglich ist, stark beeinträchtigte Kinder und Jugendliche so zu sichern, dass auch sie alleine auf einem Pferd reiten können.

Im Final der Swiss Innovation

Auch die Jury der Swiss Innovation Challenge fand Gefallen am Konzept. Beim Innovationsförderprogramm, das die Wirtschaftskammer Baselland in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Nordwestschweiz und der Basellandschaftlichen Kantonalbank (BLKB) ins Leben gerufen hat, werden Start-ups und KMU unterstützt. Differentia schaffte es bei der Ausgabe 2015 bis in den Final.

Schon damals schwebte der Gründerin vor, ein eigenes Zentrum auf die Beine zu stellen – diesen Traum will sie sich nach überstandener Zwangsschliessung jetzt erfüllen.

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