Versteckte Armut
Raymond Bulloni hilft Menschen in Not - urteilen tut er nicht

Zusammen mit der Arbeitsgruppe Versteckte Armut hilft Raymond Bulloni Menschen in finanzieller Not. Anfang Dezember erhielt er stellvertretend für die Organisation den erstmals verliehenen Baselbieter Preis für Freiwilligenarbeit im Sozialbereich.

Jeremias Schulthess
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Schuldfrage stellt sich nie: Raymond Bulloni von der Allschwiler Arbeitsgruppe Versteckte Armut.

Schuldfrage stellt sich nie: Raymond Bulloni von der Allschwiler Arbeitsgruppe Versteckte Armut.

Martin Töngi

Raymond Bulloni steht im Regen. Er wartet vor dem evangelisch-reformierten Kirchgemeindehaus in Allschwil. Freundliches Lächeln, fester Händedruck, dann läuft er zügig voran in die Kapelle - Fotoshooting ist angesagt. Man merkt, dass er nicht gerne vor der Kamera steht. Er meistert die Situation aber mit Humor: «So was habe ich wirklich noch nie erlebt», lacht er. Seine 80 Jahre sieht man ihm dabei nicht an.

Preiswürdiges Engagement

Die Hilfsorganisation Versteckte Armut Allschwil-Schönenbuch ist eine ökumenische Arbeitsgruppe der vier Kirchgemeinden in Allschwil und Schönenbuch. Am 5. Dezember erhielt sie den erstmals vergebenen Baselbieter Freiwilligenpreis für besonderes Engagement im Sozialbereich. Zehn Freiwillige helfen unbürokratisch dort, wo es am nötigsten ist.

Warum versteckte Armut? Zum einen, weil viele Betroffene ihre Armut aus Scham verstecken, meint der Co-Leiter der Organisation, Gregor Ettlin. Andererseits, weil die Öffentlichkeit die Armut lieber versteckt. «Armut wirkt in unserer Leistungsgesellschaft wie eine Provokation», sagt Ettlin. Seit 1991 gibt es die Organisation bereits. Sie finanziert sich aus Spendengeldern.

Seit 15 Jahren engagiert er sich für Menschen, die in eine Notsituation geraten. Bisher ohne gross darüber zu reden. Anfang Dezember erhielt er stellvertretend für die Organisation Versteckte Armut den erstmals verliehenen Baselbieter Preis für Freiwilligenarbeit im Sozialbereich. Und nun steht er plötzlich unverhofft im Scheinwerferlicht.

Was hat Bulloni in seinem Leben gemacht? «Alles was Gott verboten hat», sagt er augenzwinkernd. Bulloni gibt wenig preis aus seinem Leben vor der Pensionierung. Schnell wird klar, mit sozialer Arbeit hatte er nicht viel am Hut. Lange Jahre war er im Baugewerbe tätig und hat es bis zum stellvertretenden Direktor gebracht. Das war für ihn einfach Glück. «Zur richtigen Zeit, am richtigen Ort.» Andere hatten nicht so viel Glück wie er. Diesen Menschen will er nun helfen.

Obdachlose fallen durchs Netz

Am meisten kümmert ihn das Schicksal der vielen Obdachlosen. Diese würden in unserer Gesellschaft «durchs Netz fallen». «Die Ärmsten der Armen werden nicht zur Kenntnis genommen», mahnt Bulloni. Der Ton in seiner Stimme verändert sich, wenn er über die sozialen Ungerechtigkeiten spricht. Beinahe in Rage erklärt er: «Es macht mich Sternhagel verrückt, wenn ich in den Nachrichten höre, wie in Bern behauptet wird, es gehe der ganzen Schweiz gut.» Das sei bei weitem nicht der Fall.

Bulloni erzählt von den Schicksalen, die er erlebte. Einer habe in einer Villa residiert und hätte von heute auf morgen sein ganzes Geld verloren. «Das kann jedem passieren.» Einen anderen hat Bulloni bis in die Gerichtsverhandlungen begleitet. «Wir konnten ihn gerade noch vor dem Knast bewahren.» Wie hat er sich dabei gefühlt? «Ich habe den Fall an der nächsten Sitzung rapportiert, und damit war es erledigt», sagt er mit einer grossen Prise Bescheidenheit. Sicher, eine gewisse Befriedigung sei schon dabei, wenn man so etwas erreicht. Aber das Ergebnis bleibe oft versteckt.

Wenn man Bulloni zuhört, merkt man, dass er die schwierigen Schicksale nicht bewertet. Es ist keine Art von Schuldzuweisung zu spüren. «Wenn jemand kein Brot mehr zu essen hat und ihm der Strom abgestellt wird, spielt es keine Rolle, ob er selbst schuld daran ist oder nicht.» Eigentlich eine christliche Haltung der Menschenliebe. Dennoch sieht sich Bulloni nicht als «religiöser Mensch».

Bloss «Pflästerli-Politik»

Das Ganze, was er und seine Mitstreiter leisten, sei im Grunde reine «Pflästerli-Politik». Bulloni sieht das Problem grösser. «Aus der Offenheit, die wir praktizieren, kriegen wir in der Schweiz Probleme.» Offenbar sieht Bulloni ein Problem bei der Einwanderung. Das Schweizer Sozialsystem ziehe viele Einwanderer an. Seine Quintessenz: «Wir importieren die Armut aus anderen Ländern.»

Diese Haltung mag erstaunen. Sind es nicht genau diese Einwanderer, die Bulloni und das Versteckte-Armut-Projekt unterstützen? «Wenn sie da sind, helfen wir ihnen. Das ist unsere Pflicht.» Bulloni möchte dennoch eine etwas restriktivere Einwanderungspolitik. Und zeigt gleichzeitig einen natürlichen Antrieb zu helfen, wo Not am Mann ist - egal woher jemand kommt.