Pratteln
Der Butz fuhr auch 2021 aus – mit Polizeibegleitung

Der jahrhundertealte Brauch fand als eine der wenigen Fasnachtsveranstaltungen mit strengen Auflagen statt. Zu Zwischenfällen kam es nicht, denn die Fasnachtstreibenden hielten sich an die geltenden Regeln.

Boris Burkhardt
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Der Butz fand auch 2021 trotz Corona statt. Hier im Bild: Der Butz persönlich in der Mitte, flankiert vom Tännlimaa (recht) und Dr. Eisenbarth.

Der Butz fand auch 2021 trotz Corona statt. Hier im Bild: Der Butz persönlich in der Mitte, flankiert vom Tännlimaa (recht) und Dr. Eisenbarth.

Juri Junkov

Der Prattler Gemeindeführungsstab (GFS) hätte es lieber gesehen, wenn keine Presse den Butz begleitet hätte. «Wir wollen den Ball so flach wie möglich halten», sagte Gemeinderat Stefan Löw während der Recherche am Telefon. Acht Meter Abstand zu den drei Gruppen à fünf Personen, die am Samstag zwischen 8 und 10 Uhr an den Haustüren im Dorf unterwegs waren, schreibt der GFS dem Journalisten und dem Fotographen der bz vor; Interviews sollten keine geführt werden.

Es war schon lange klar: Wenn es dieses Jahr einzelne Fasnachtsveranstaltungen geben sollte, wäre der Butz in Pratteln eine davon. Doch ebenso klar war, dass auch diese jahrhundertealte Fasnachtstradition 2021 nicht in der gewohnten Form würde stattfinden können.

Butz hat auch während der Spanischen Grippe stattgefunden

Da war zunächst der Tanz der Figuren auf dem Schmiedeplatz, der sonst am Prattler Fasnachtssamstag um 11 Uhr den Höhepunkt des Butz bildete: Er konnte keinesfalls durchgeführt werden, ebenso wenig der gewohnte Tanz und Apéro vor dem Hause der ehemaligen Bürgerratspräsidentin Elsbeth Bielser im Unteren Rütschetenweg. Was aber gemäss den Vorgaben von Bund und Kanton erlaubt war, waren Gruppen von maximal fünf Personen, die durch die Strassen des Prattler Dorfkerns zogen. Die insgesamt elf Figuren teilten sich deshalb auf; der grosse reisiggeschmückte Wagen wurde durch Handleiterwagen ersetzt. Die bz begleitete am Samstag die Gruppe mit dem Butz persönlich, dem Tännlimaa, Dr. Eisenbarth, einem der beiden Rössli und einer Zivilperson, unter ihnen Butz-Chef Lorenz Fluck.

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«Auf jeden Fall! Wenn gar nichts erlaubt worden wäre, wäre ich alleine mit einem Leiterwägelchen losgezogen», sagt Fluck auf die Frage, ob sich der Butz trotz der vielen Einschränkungen dieses Jahr lohne. In 400 Jahren, fügt Fluck hinzu, sei der Butz noch jedes Mal ausgefahren, selbst 1918 während der Spanischen Grippe. Das sei als Fasnachtsweisheit mal dahingestellt: Der Brauch mag tatsächlich so alt sein; schriftlich belegt ist er aber erst seit 1807. Angekündigt war, dass jede Gruppe zur Kontrolle von einem Gemeindepolizisten begleitet werden würde. Die Polizei ist tatsächlich mit mehreren Fahrzeugen im Dorfkern unterwegs, schaut aber nur dreimal aus der Ferne dem Treiben zu. «Die haben gemerkt, dass wir harmlos sind», sagt Fluck dazu.

Die Gemeindepolizei erlaubt sogar Interviews

Tatsächlich wird alles heisser gekocht als gegessen: Christian Schneider, Teamleiter der Gemeindepolizei, schaut am Anfang selbst vorbei. Er hat nichts zu beanstanden. Die acht Meter seien vom GFS willkürlich gewählt worden, gibt er im Gespräch mit der bz zu. Der Kanton verlange einen «angemessenen» Abstand zwischen den erlaubten Fünfergruppen und weiteren Menschen: «Der eine hält zwei Meter für ‹angemessen›, der andere zehn. Wir mussten eine Zahl festlegen.» Auch Einzelinterviews mit den Figuren erlaubt Schneider ausserhalb der Fünfergruppe. Die Veranstalter des Butz hätten das Sicherheitskonzept auf Basis der Covid-19-Verordnung des Kantons eingereicht, erklärt Schneider das Genehmigungsverfahren: Der GFS habe seine Wünsche eingebracht und gefragt, ob sich die Veranstalter den Butz unter diesen Bedingungen vorstellen könnten. Zum Schluss habe der Kanton die Maßnahmen genehmigt.

Der Kern des Butz-Brauchs blieb so auch 2021 erhalten: Die Figuren gehen auf einer Route, die den Anwohnern zuvor durch Flugblätter bekanntgegeben wurde. Mit Schellen und Glocken und dem lauten Ruf «Dr Butz fahrt us!» machen sie auf sich aufmerksam. Wer sich an Tür oder Fenster zeigt, wird mit den Worten «E Stutz für dr Butz» oder ähnlichen Sprüchen um eine Spende gebeten. Die Personen hinter den Figuren, die auch unter der Larve Maske tragen müssen, bleiben traditionell unerkannt. Stimme und Augen verraten aber, dass der Tännlimaa dieses Jahr eine junge Frau ist. Ohne Pause und mit Maske sei die Route so anstrengend wie bei ihrem ersten Mal 2020 mit zwei Tänzen gewesen, erzählt sie. Aber auch für den Tännlimaa lohnte sich der Butz unter Corona: «Es ist definitiv ein Gefühl von Fasnacht!»

Der Butz

Der Butz ist ein Heischebrauch, der in Pratteln seit 1807 belegt ist, aber weiter zurückreicht. Er sollte auch armen Familien die Teilnahme an der bürgerlichen Fasnacht erlauben. Der Name bezeichnete im Mittelhochdeutschen ein Schreckgespenst, eine Vogelscheuche oder auch einen unansehnlichen kleinen Mann. Die wichtigsten Figuren, der Tännlimaa als Symbol für das Wiedererwachen der Natur, der Schnägglimaa als Symbol der Fruchtbarkeit und der Kärtlimaa als Symbol der Vergänglichkeit, haben urverwandte Pendants in vielen Winterbräuchen des Alpenraums zwischen Weihnachten und Ostern wie etwa der Eierleset in Effingen im Fricktal oder der Bärzelitag in Hallwil bei Lenzburg; ihre Wurzeln reichen bis in antike Mysterienspiele zurück. Die moderne Form des Butz wird in Pratteln seit 2010 durchgeführt; den Butz selbst gibt es als lebendige Figur erst seit 2017. (bob)