Ortsunkunde
In Teufels Küchen

Simon Morgenthaler besucht für die ‹Schweiz am Wochenende› frei assoziierend und fabulierend Baselbieter Orte mit prägnanten Namen. Dabei macht er sich viele falsche Freunde und begibt sich zielstrebig auf Irrwege. Heute: Tüfelschuchi in Sissach.

Simon Morgenthaler
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Das letzte Knöchelchen des Autors

Das letzte Knöchelchen des Autors

Simon Morgenthaler

Der Hanfgarten ob Sissach ist nicht berauschend: Unterholz, ich fürchte mich vor Zecken, zudem beunruhigende Spuren im Waldboden, Wildschweine vielleicht. Ein Geräusch erschreckt mich, von mir selbst verursacht. Ich bin nicht bekifft, aber – mich durch Dornen zwängend und allein – doch leicht psychotisch.

Wie ich mir unten am Bach das zerkratzte Gesicht waschen will, spüre ich einen kalten Hauch im Nacken. Dort wo ich meine blutbefleckten Finger ins Wasser tauche, färbt es sich giftgrün, als wäre es Kunst. Ich folge der fluoreszierenden Spur, die sich langsam und immer invasiver dahinzieht. Bald ist das ganze Bächlein grünleuchtend, dann Schwefelgeruch in üblem Gemisch mit Holunderduft, Dampf, Nebel. Auf einmal stehe ich in der Tüfelschuchi.

Ein groteskes Gesicht erscheint, mit Fischmaul und irren Uhu-Augen, Spinnenbeine legen mir ein Lätzchen um, in einem Zopfmuster handgestrickt aus Gluten-Fäden. Sogleich serviert ein abgetrennter Fuss ein histaminreiches Plättchen mit Geräuchertem, dazu obergäriges Bier. Ich schlinge, saufe. Als nächstes eine Brühe, wobei ein mit Schmetterlingsflügel flatterndes Maggi-Fläschchen sich elegant und spritzig in den Teller entleert. Vor einem herrischen und sich heftig schüttelnden Aromat-Dösli macht ein daherrennendes Stück Brot eine Réverence: gelbe Glutamat-Brocken springen über. Auch wenn mich der nächste Gang – ein Glas Milch, Joghurt, Rahmkäse, dazu eine ungeheuerliche Fruchtschale – kulinarisch irritiert (und es im Körper rumpelt), esse ich weiter. Der Augapfel auf Hühnerbeinen, der mir die Speise zuschiebt, blickt böse.

«Er spricht nicht auf die tagesaktuellen Qualen an», höre ich es aus dem Gewusel der Gestalten murren, «der tut, als wäre er gegen nichts intolerant». Hinten gurgeln mächtige Töpfe. «Dann das moralische Treatment», befiehlt es aus einem Schlund. Im Plastikteller ein Stück unfreundlich gehaltenes Schwein, sekundiert von Stopfleber und einem Brei aus wasserfressender Avocado, nun eingeflogener Spargel auf einem Coulis aus ausbeuterischer Gewächshaus-Tomate. Als Pièce de résistance eine klimakillende Rinderkeule, in Palmöl gebraten. Zum Dessert ein rundliches, mit weisser Schokolade überzogenes, schaumiges Etwas, genannt ‹Glatzkopf›. Ich schlemme und die Teufel werden immer nervöser.

Ob mir denn gar nichts heilig sei, fragt mich ein dreigehörntes Wesen erbost und pfeift seine Genossen herbei. Wie ich nach der Toilette frage, stürzen sie sich auf mich.

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