Baselland
«Nicht wettbewerbsfähig»: Musikunterricht soll für angehende Lehrer Pflicht werden

Unter 40 Prozent der zukünftigen Primarlehrer spielen ein Instrument. Der Baselbieter SP-Landrat Jan Kirchmayr fordert Massnahmen.

Leif Simonsen
Drucken
Teilen
Angehende Lehrer wenden sich immer häufiger von den Instrumenten ab.

Angehende Lehrer wenden sich immer häufiger von den Instrumenten ab.

Bz-Archiv

Es ist eine Sparmassnahme mit Folgen, die der Baselbieter Regierungsrat bisher unter dem Deckel gehalten hat. Seit vergangenem Schuljahr müssen die Schüler der Fachmaturitätsschule (FMS), die künftig als Primarlehrerinnen oder Primarlehrer unterrichten werden, jährlich selbst 1000 Franken an den Instrumentalunterricht bezahlen.

Im vergangenen Herbst wollte die Regierung wissen, wie sich die Zahl derjenigen Schüler entwickelt, die kein Instrument mehr spielen – beziehungsweise nicht mehr in den Musikunterricht der FMS gehen. Bisher waren die Ergebnisse der Umfrage nicht publik, was beim SP-Landrat Jan Kirchmayr den Verdacht aufkommen lässt, dass die Baselbieter Regierung die Publikation der Ergebnisse scheut. Am nächsten Donnerstag will der Aescher eine Interpellation einreichen: Er will unter anderem wissen, wie die Resultate der Umfrage aussehen.

«Weder kind- noch zeitgerecht»

Der «Schweiz am Wochenende» liegen sie bereits vor. Tatsächlich liefern sie den Beweis für eine erschreckende Entwicklung. Unter den knapp 300 Schülern des FMS-Berufsfelds P (Ausbildungsgang Pädagogik), die an der Umfrage teilgenommen haben, besuchen mittlerweile gerade noch 36 Prozent das Freifach Instrumentalunterricht an der FMS. 73 Prozent gaben an, «früher» Musikunterricht besucht zu haben. Die Lehrer fordern nun Massnahmen. Im jüngsten «lvb inform», der Zeitschrift des Lehrerinnen- und Lehrervereins Baselland (LVB), betonen sie die Wichtigkeit musikalischer Primarlehrer.

«Die Umfrage hat gezeigt, dass 40 Prozent unserer künftigen Primarlehrpersonen kein Instrument spielen und auch nicht spielen werden», schreibt hier die Fachschaft Instrumentallehrkräfte, welche Kenntnis von den detaillierten Resultaten hat. Der Unterricht könne künftig «weder kindgerecht noch zeitgerecht» durchgeführt werden, befürchten sie. Aus gutem Grund würden heute an den Baselbieter Schulen Lehrer bevorzugt, die ein Instrument spielen. «Unsere zukünftigen Primarlehrpersonen sind aufgrund der aktuellen Situation auf dem Markt nicht wettbewerbsfähig.»

Die Instrumentallehrer machen sich Sorgen, dass der Lehrplan nicht mehr eingehalten werden könne. «Bereits heute findet Musik in manchen Klassenzimmern der Primarschulen nicht oder nur unzureichend statt.» Bei Kirchmayr dürften sie Gehör finden. Er bringt in seiner Interpellation unter anderem eine von der Schulleitungskonferenz aufgeworfene Idee ins Spiel.

Diese schlägt vor, dass sämtliche Fachmaturitätsschüler, die das Berufsfeld Pädagogik belegen, kostenfrei den Instrumentalunterricht besuchen können. Im Gegenzug ist die Schulleitungskonferenz auch dazu bereit, zusätzliche Sparmassnahmen in Kauf zu nehmen. So nimmt sie in Kauf, dass der Instrumentalunterricht sämtlicher anderer Fachmaturitätsschüler gestrichen wird, also derjenigen, die das Berufsfeld Soziales, Gesundheit und Kunst belegen.

Handlungsbedarf ist unbestritten

Kirchmayr will von der Regierung wissen, was sie davon hält und ob der ursprüngliche Betrag des Sparpakets (180'000 Franken) mit diesem Kompromiss beibehalten werden könnte. Dass Handlungsbedarf besteht, scheint unbestritten, zumal bereits heute viele Primarschulleitungen klagen, dass sie keine Lehrer finden, die mit der Klasse musizieren können.

Unklar ist jedoch, welchen Einfluss das Sparpaket hat. Nur 15 Prozent der angehenden Lehrer der FMS gaben an, dass sie das Freifach Instrumentalunterricht nicht gewählt hätten, weil es zu teuer sei. Gleich 32 Prozent der 1.- bis 3.-Klässler sagten, sie hätten kein Interesse. Der Trend wirkt auch hier bedrohlich: Von den 1. Klässlern gaben gleich 40 Prozent an, «kein Interesse» zu haben. Vielleicht deswegen würde Kirchmayr selber die Idee der Fachschaft Instrumentallehrkräfte bevorzugen.

Diese fordert, dass der Instrumentalunterricht für FMS-Schüler mit dem Berufsfeld Pädagogik Pflichtfach wird. Denn eines sei laut Kirchmayr sicher: «Während der Pädagogischen Hochschule ist es zeitlich kaum noch möglich, ein Instrument wie Gitarre oder Klavier so gut zu erlernen, dass du dazu noch singen kannst.»

Aktuelle Nachrichten