Reigoldswil
Mit Top-Technik gegen Rehkitz-Gemetzel

Die bz begleitete Andreas Kofler bei seinem Drohnen-Jungfernflug – und der Technik-Pionier reüssiert mit seiner Art der Rehkitz-Suche.

Andreas Hirsbrunner
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Mit Top-Technik gegen Rehkitz-Gemetzel
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Yannick Steffen schützt Kitz mit Kiste.
Andreas Koflers Blick pendelt zwischen Drohne in der Luft und Monitor am Boden.

Mit Top-Technik gegen Rehkitz-Gemetzel

Andreas Hirsbrunner

Vor ein paar Tagen hat Andreas Kofler im Reigoldswiler Gebiet Lucheren sein Gesellenstück abgeliefert – mit Bravour. Denn zum ersten Mal hat der pensionierte Ingenieur aus Bubendorf mit seiner neuartigen Drohne samt Wärmebildkamera einen Ernst-Einsatz geflogen. Dabei ging es darum, eine grosse Wiese am Waldrand, die der Besitzer noch gleichentags mähen wollte, auf Rehkitze abzusuchen. Die bz hat ihn dabei begleitet.

Nach ein paar Einsatzminuten zeigt sich auf den beiden kleinen Monitoren unten am Boden ein kleiner weisser Fleck. Die Monitore bilden eins zu eins ab, was die Drohnenkamera weit oben in der Luft aufnimmt. «Stopp», ruft Wildhüter Yannick Steffen, mit seinem geübten Auge. Kofler hält die Drohne in der Luft über dem Fleck still, und wir machen uns unten im hohen Gras mit den beiden Monitoren auf die Suche. Eine davon springende Rehgeiss gibt uns schon fast Gewissheit, dass da im hohen Gras irgendwo ein Kitz liegen muss. Wir verlangsamen den Schritt und sehen uns vorsichtig um. Und trotzdem: Fast stolpern wir über das wenige Tage alte Tier, das bestens versteckt im taunassen Gras liegt. Steffen, von Beruf Landwirt, meint trocken: «Da hat man vom Traktor aus keine Chance, so ein kleines Geschöpf zu erkennen.»

Die Hauptarbeit erfolgt am heimischen Computer

Das Rehkitz wäre also ohne Drohnensuche vermäht worden, obwohl ein Jäger am Tag zuvor die Wiese verblendet hatte: Der Jäger steckte ein halbes Dutzend Holzstangen mit weissen Plastik- und Kartonsäcken übers Feld verteilt in den Boden und stellte ein akustisches Warngerät auf. Das alles mit dem Zweck, die Rehmutter zu verunsichern, damit sie ihren Nachwuchs auf ein anderes Feld umplatziert. Dies aber ist nicht passiert. Steffen erklärt: «Dieses Kitz ist so jung, dass es noch zu wenig mobil ist, um grössere Strecken zu laufen.» Sagt es und legt eine rote Holzharasse über das Kitz. So kann es in den nächsten Stunden geschützt an seinem Platz bleiben, und der Bauer um die Harasse herum mähen.

Kofler ist ein Novize im langsam wachsenden Kreis der Drohnenpiloten, die sich für den Wildschutz einsetzen. Gleichzeitig gehört er aber auch zu den Pionieren. Denn Kofler fliegt nicht auf Sicht wie die Wegbereiter in diesem Metier, sondern mit GPS. Das ist zwar aufwendiger in der Vorbereitung, dafür aber effektiver bei den Resultaten. Kofler: «Ich programmiere zuhause am Computer mithilfe einer Software eine Flugroute für das Feld, die garantiert, dass die Wärmebildkamera jeden Quadratmeter abdeckt. Das überspiele ich dann an die Drohne.»

In Zahlen heisst das: Die Drohne fliegt auf einer Höhe von 70 Metern übers Feld, die Kamera deckt eine 40 Meter breite Bahn ab. Dabei ist die Flugroute so berechnet, dass sich die Bahnen zu einem Drittel überlappen. Das ist ein zweckmässiger Kompromiss, um Flugzeit und Erkennbarkeit zu optimieren. Pro Feld braucht Kofler etwa eine Stunde für die Vorbereitung am PC. Das tönt nach wenig, summiert sich aber schnell zu Tagen und Wochen, wenn man bedenkt, dass Steffen und seine Jägerkollegen allein für den Reigoldswiler Bann 123 Felder mit potenziellem Rehnachwuchs im Gras ausgemacht haben.

Es braucht unbedingt mehr Drohnenpiloten mit GPS für die Rehkitzsuche.

(Quelle: Andreas Kofler, Drohnenpilot)

83 davon sind mit hoher Wahrscheinlichkeit gefährdet, weshalb sie erste Priorität haben. Kofler bleibt Realist: «Für einen einzelnen ist es unmöglich, alle 83 Felder vor dem Mähen abzusuchen. Das umso mehr, wenn nach einer Schlechtwetterperiode viele Bauern gleichzeitig mähen wollen. Deshalb braucht es unbedingt mehr Drohnenpiloten.» Einschränkend kommt dazu: Je kleiner der Temperaturunterschied zwischen Kitz und Gras, desto schwerer ist das Tier auf der Wärmebildkamera erkennbar. Deshalb ist Kofler vor allem am frühen Morgen unterwegs, bevor die Sonne das Gras erwärmt.

Wie ist er überhaupt auf die Idee gekommen? Kofler weist lachend nach Ziefen zu Dominik Mauchle: «Er hat mich angefixt.» Mauchle ist von Beruf Langstreckenpilot mit ausgesprochener Technik-Affinität, dazu seit 25 Jahren Jäger. Er sucht im Ziefner Bann mit der gleichen Technik wie Kofler nach Kitzen und hat diesen ausgebildet. Derzeit seien sie die beiden einzigen im Baselbiet, die das so machten, sagt Mauchle. Zudem tüftelt er ständig an Verbesserungen des Systems.

Mauchle hat in diesem Mai mit seiner Drohne bereits 30 Rehkitze entdeckt. Für ihn ist aber nicht diese Zahl relevant, denn mit Bestimmtheit habe er schon mehrmals die gleichen Tiere gerettet, die sich von Feld zu Feld verschoben hätten. «Massgebend ist die Zahl der Kitze, die weniger vermäht werden.» Diesbezüglich kann Mauchle auf einen ersten Erfolg verweisen: Jährlich würden in Ziefen bis zu sieben Jungrehe vermäht, letztes Jahr in den per Drohne abgesuchten Wiesen kein einziges. Im ganzen Kanton schwankte diese Zahl in den letzten zehn Jahren zwischen 62 und 139. Allerdings mit einer grossen Dunkelziffer, wie Mauchle betont, und was die kantonale Jagdverwaltung bestätigt.

Angemähte Rehe leiden – und der Bauer oft auch

Auf der Lucheren neigt sich Koflers Drohneneinsatz dem Ende zu. Aber halt, da ist auf der Wärmebildkamera noch ein weisser Fleck zu erkennen. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass ein zweites Kitz im Gras liegt. Im Normalfall, so sagt Steffen, bringe eine Rehgeiss zwei Junge zur Welt. Doch dieses Mal spielt uns die fortgeschrittene Zeit einen Streich: Die Sonne hat ein Stück graslose Erde erwärmt, und die Wärmebildkamera hat das erkannt.

Lohnt sich dieser Aufwand, während gleichzeitig viel mehr Rehe auf der Strasse überfahren werden? «Ja, unbedingt», sagt Steffen. «Die Tiere erleiden grosse Qualen, wenn ihnen zum Beispiel ein Bein abgemäht wird. Und die meisten Bauern belastet es, wenn sie ein Kitz vermähen.» Er muss es wissen, denn als Wildhüter wird er immer wieder gerufen, um halb tote Kitze mit dem Gnadenschuss zu erlösen.