Musik
Liestaler Jazzsängerin Lisette Spinnler: «Ich habe viel in der Nacht komponiert»

Die Baselbieter Jazzsängerin Lisette Spinnler (40) tauft heute Freitag ihr neues Album in der Gare du Nord.

Stefan Franzen
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«Ich habe mich mit Themen wie Krishnamurti, Meditation und Yoga beschäftigt, auch mit Gedichten.» Sängerin Lisette Spinnler meldet sich mit neuer Musik zurück.

«Ich habe mich mit Themen wie Krishnamurti, Meditation und Yoga beschäftigt, auch mit Gedichten.» Sängerin Lisette Spinnler meldet sich mit neuer Musik zurück.

Anne Day

Unter den Schweizer Jazzstimmen ist sie eine der rührigsten: Lisette Spinnler. Zu ihren herausragenden Markenzeichen gehörte bislang ein virtuoses, verspieltes, auch mal exaltiertes Singen in einer Fantasiesprache.

Nun meldet sich die Liestalerin mit einer Musik zurück, die sie ganz aus der Stille geschöpft hat. Wie es dazu kam, und wie sie die Entwicklung der Basler Jazzszene sieht, erzählt sie im Interview.

Lisette Spinnler, der Titel Ihres neuen Albums «Sounds Between Falling Leaves» passt herrlich in die Jahreszeit. War es geplant, diese CD im Herbst zu veröffentlichen?

Lisette Spinnler: Tatsächlich hat es gar nichts mit dem Herbst zu tun! Sondern vielmehr mit dem Suchen und In-die-Stille-Gehen. Der Titel ist eigentlich eine Metapher für die Zeit, in der ich das Album geschrieben habe. Ich habe mich zurückgezogen, war viel in der Ruhe, habe in den Nächten komponiert, mich mit Themen wie Krishnamurti, Meditation und Yoga beschäftigt, auch mit Gedichten. Das «Between», die Mitte, in der man nichts sieht, die Stille, in der man etwas sucht, was nicht direkt vor Augen ist, das spiegelt die Musik wider, die auf der CD ist.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie veranlasst hat, diesen Weg der Stille einzuschlagen?

Eigentlich kam das nach der Geburt meiner ersten Tochter. Weil ich mehr zu Hause war, spielten die Ablenkungen von draussen, die Eindrücke vom Unterwegssein keine so grosse Rolle mehr. Bis dahin hatte ich oft sehr virtuose Musik gemacht, die Stimme als Instrument eingesetzt mit Fantasie-Silben. Jetzt setze ich mich mit Worten auseinander, auch auf Englisch. Ich bin an einem Punkt angelangt, wo ich Neues schöpfen möchte, und das gelang mir, indem ich ganz in mich hineinging. Ein langer Weg.

Worin besteht für die Stimme denn die besondere Herausforderung, wenn man von den vielen Tönen zu den wenigen geht, und diese dann singt, ohne dass es sich schal oder langweilig anhört?

Eigentlich ist es die Auseinandersetzung mit der Sprache. Man fühlt genau, wo die einzelnen Wörter im Mund sind und was die Stimme damit macht, die dann darauf gelegt wird. Ich finde es spannend, in die englische Sprache reinzugehen, die ja nicht meine Muttersprache ist. Das ist immer wie ein Fremdkörper, den ich näher und näher zu mir bringen wollte, ohne nur an der Oberfläche zu tanzen. So entstanden die Melodien. Und da ich die Musik am Klavier komponiert habe und eigentlich keine Pianistin bin, habe ich Akkorde gelegt, auch das in einem Kontext grosser Ruhe.

Neben Ihren eigenen Texten haben Sie zwei Gedichte von Emily Brontë vertont. Was gefällt Ihnen an dieser englischen Dichterin des 19. Jahrhunderts?

Ihr Bezug zur Natur fasziniert mich ganz besonders, denn ich selbst bin sehr naturbezogen aufgewachsen. Während andere Party gemacht haben, bin ich als Teenagerin stundenlang allein im Wald unterwegs gewesen. Doch dieser dunkle Zugang, den Brontë hatte, ist eigentlich in mir nicht so drin. Melancholie habe ich erst später erfahren, als eine Melancholie der Schönheit, als Ruhepol und nicht als Traurigkeit. Ich hatte zum Glück noch nie Depressionen, ich habe das Sonnen-Gen geerbt!

Es gibt auch lebhafte Stellen auf dem Album, wo Sie nach wie vor in Ihrer Fantasiesprache singen.

Ja, denn diese verspielten Melodien sind nach wie vor in mir drin. Die kann ich komponieren, egal, wo ich bin, beim Einkaufen oder unterwegs, ohne Klavier, einfach mit ein paar Claps, worüber die Stimme improvisiert. Das ist etwas, was mich nie loslässt, es ist das Kind in mir drin, das immer wieder ganz stark nach vorne kommt.

Sie arbeiten auf dem Album mit Ihrem Quartett, mit Musikern, mit denen Sie schon seit längerem zusammen spielen. Was macht dieses Ensemble aus?

Mit ihnen ist es musikalisch und menschlich eine runde Sache, sie lassen mir viel Platz und sie hören mir zu. Stefan Aeby ist ein Poet am Klavier. Patrice Moret am Bass ist die Erde pur für mich. Und Michi Stulz ist ein wunderbarer Free-Player am Schlagzeug. Diese drei haben einen Flow kreiert, in dem ich mich auch mal gerne ganz zurücknehmen konnte.

Sie haben das Album auf dem Jazzcampus aufgenommen – kann es dieser mit einem grossen Tonstudio aufnehmen?

Der Campus bietet alle Möglichkeiten. Ich bin ja dort auch Dozentin, kenne die Räumlichkeiten. Ich habe gewusst, dass das dort gut funktionieren kann. Diesen «festen Boden» brauchte ich, denn das Album musste innerhalb von zwei Tagen fertig gemischt im Kasten sein. Ausserdem hatte ich noch ein Kind zu Hause, ich wollte nicht zu weit weg sein. Für eine nächste Produktion habe ich aber andere Ideen und es schweben mir auch andere Studios ausserhalb Basels vor.

Wie beurteilen Sie den Beitrag des Campus für die Basler Jazzszene?

Er hat einen extremen Schub gegeben, auch weil es so international geworden ist. Die Studierenden und die Dozenten kommen von überall, von Südamerika bis Finnland. Und das ist das Wunderschöne daran. Es ist so ein Kochen, etwas, das lebt. Ich brauche das. Manchmal denkt man: Wow, so viele gute Leute! Vor allem geniesse ich die Begegnung mit den Menschen, die aus anderen Kulturen kommen.

Bietet Basel für einen Jazzmusiker 2017 denn die nötige Infrastruktur, um existieren zu können?

Wenn ich es auf mich beziehe, kann ich das bejahen. Ich trete relativ viel in Basel auf und ich fühle mich sehr wohl. Ich habe aber nie in New York oder San Francisco gelebt, war zwar für ein paar Monate weg, mal da drei Monate, mal dort ein paar Wochen, aber richtig eingetaucht in andere Orte bin ich nicht. Deshalb ist es schwierig, ich kann da nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen.

Wie sieht es mit der innerschweizerischen Konkurrenzsituation aus, etwa zwischen Basel und Zürich? Graben sich Musiker gegenseitig das Wasser ab, sei es an den Hochschulen, sei es bei den Auftrittsmöglichkeiten?

Gedanken über Konkurrenz sind mir ein bisschen fremd. Ich finde, dass es in der Schweiz eine sehr dichte, intensive Jazzszene gibt mit grossartigen Musikern und genau solchen Hochschulen, die viele tolle Leute rausbringen, wenn man bedenkt, wie klein das Land ist. Was sicherlich kein einfaches Thema ist: Wo finden die alle ihren Platz? Das spürt man. Aber diese Realität gibt es auch in anderen Städten. Damit muss man dealen können und sich nicht entmutigen lassen, im Gegenteil: Man sollte sich Inspirationen und Antrieb holen von den anderen.

Plattentaufe: Lisette Spinnler Quartett,
Gare du Nord Basel,
Fr, 10. November, 20.15 Uhr.

Album: «Sounds Between Falling Leaves» (Neuklang). Veröffentlichung: 17. November