Coronavirus
Landwirtschaft im Corona-Umbruch: Ausländische Erntehelfer sagen ab, Inländer springen in Bresche

Das Coronavirus sorgt auch in der Landwirtschaft für eine neue Situation: Arbeitslose Schweizer wollen bei Spargelernte helfen.

Andreas Hirsbrunner
Merken
Drucken
Teilen
Bauer Thomas Wiesner wird gerade überschwemmt mit Bewerbungen.

Bauer Thomas Wiesner wird gerade überschwemmt mit Bewerbungen.

Kenneth Nars

Des einen Leid ist des andern Freud. Nachdem verschiedene Medien übers Wochenende darüber berichtet hatten, dass der Bottminger Spargel- und Beerenbauer Thomas Wiesner wegen der Coronakrise Absagen von ausländischen Arbeitskräften erhalten habe, ging bei ihm eine Flut von inländischen Bewerbungen ein. Diese stammten von Leuten, die ihrerseits wegen der Coronakrise keine Arbeit mehr hätten, sagt er.
Wiesner hat für die Spargelernte, die Mitte April beginnt, sowie die spätere Beerenernte jeweils bis zu 15 ausländische Erntehelfer aus Polen, Rumänien und der Ukraine.

Letztere dürften nicht mehr ausreisen, Rumänen, die eigentlich kommen wollten, kämen wegen der geschlossenen Grenzen in Ungarn und Österreich nicht mehr per Auto hierher. Und zwei Polen hätten ihm aus Angst vor der Coronasituation in der Schweiz abgesagt. Ihr Ersatz durch Schweizer hat überraschende Folgen. Wiesner: «Mit Schweizer Erntehelfern brauchen wir mehr Leute, weil sie es nicht gewohnt sind, den ganzen Tag gebückt zu arbeiten. Wir planen deshalb die Spargelernte im Schichtbetrieb.»

Wiesner ist einer der ersten Landwirte, welche die neue Lage zu spüren bekommen. Dies, weil die Spargeln nebst dem Treibhaus-Gemüseanbau in der Region die früheste Kultur sind. Oder man macht es so wie einer der führenden Baselbieter Gemüsebauern: Das Unternehmen Eschbach in Füllinsdorf setzt seit einem Dutzend Jahren ausschliesslich auf Helfer aus der Schweiz, allen voran Asylbewerber, wie Margret Eschbach erklärt.

Im Sommer könnte es zu Engpässen kommen

Wie sich die Coronaepidemie auf die Helfersituation bei späteren Kulturen auswirken wird, kann Roger Kauer, Geschäftsführer des Bauernverbands beider Basel, derzeit nicht sagen. Bis Donnerstag komme der Bund der Landwirtschaft noch mit einer Übergangsregelung entgegen. Nachher könnten nur noch ausländische Helfer mit einer Aufenthaltsbewilligung in die Schweiz einreisen; bisher reichte ein Arbeitsvertrag. Für die Bauern ändere sich dadurch vor allem das Ablaufverfahren.

Ob die ausländischen Hilfskräfte allerdings überhaupt bis zur Schweizer Grenze gelangten, das sei eine andere Frage. Und wenn im Sommer Erntehelfer im grossen Rahmen fehlten, könne es zu Versorgungsengpässen kommen, befürchtet Kauer. Gemäss Selbstdeklaration der Landwirte arbeiteten letztes Jahr 219 ausländische Arbeitskräfte auf den Höfen in Baselland und Basel-Stadt. Auch bei Kauer haben sich übrigens erste Bewerber aus der derzeit arbeitslosen Gastrobranche gemeldet. Er meint dazu: «Das ist für uns neu. Wir müssen jetzt schauen, wie wir mit solchen Bewerbungen umgehen.»

Momentan sei die Situation für die Landwirtschaft jedenfalls nicht dramatisch. Was auch damit zu tun hat, dass sie in der Regel weit vorausplant und derzeit zum Beispiel genügend Saatkartoffeln an Lager hat.
Dass im landwirtschaftlichen Bereich kein Engpass herrscht, bestätigt Beat Gisin, Geschäftsleiter Landi Reba. Es gebe genügend Vorräte an Saatgut, Düngemitteln, Pflanzenschutz und Futtermitteln. Und auch die Lieferanten meldeten genügend Kapazitäten. Nicht ganz verstehen kann Gisin aber, wieso im Baselbiet im Gegensatz zu andern Kantonen keine Setzlinge an Private verkauft werden dürfen, die mit ihren Hausgärten doch einen Teil der Selbstversorgung abdeckten. Die Folge sei nun, dass seine Landis in Aesch, Gelterkinden, Laufen und Bubendorf in den nächsten Tagen viele Salatsetzlinge vernichten müssten.

Baselbieter Obstbauern zittern sich durch die Frostnächte

Blühende Obstbäume und Frost vertragen sich schlecht. Das zeigte zum letzten Mal das verheerende Frühjahr 2017. Die momentane Situation ist nicht mit der damaligen zu vergleichen, als der Frost Mitte April das Stein- und Kernobst in der empfindlichsten Phase traf. Trotzdem sind die Obstbauern auch jetzt alarmiert und einige hätten ihre Anlagen abgedeckt und/oder in den Nächten seit Sonntag Frostschutzkerzen angezündet, sagt Franco Weibel vom Ebenrain-Zentrum für Landwirtschaft, Natur und Ernährung.

Doch das Anzünden der Kerzen ohne gleichzeitige Abdeckung sei bei der jetzigen Bisenlage ein Kampf gegen Windmühlen. Über Schäden kann Weibel derzeit nicht viel sagen: «Es ist noch zu früh, das zu beurteilen. Aber es liegen erste Meldungen vor.» Gefährdet seien Aprikosen sowie Steinobstanlagen in Kuppenlage, wo die Bise besonders aggressiv wirke. Auch frühe Zwetschgensorten, die am Aufblühen sind, seien bedroht.

Weibel verweist darauf, dass beim Steinobst gegenwärtig ab minus 3,7 Grad, beim Kernobst ab minus 7,5 Grad Schäden zu erwarten seien. Die Temperaturen bewegten sich in den letzten Nächten zwischen minus drei und minus vier Grad; in Bodennähe waren sie tiefer. Weibel rechnet mit zwei weiteren kritischen Nächten. Kaum betroffen vom Frost sind die Reben, bei denen der Austrieb noch nicht begonnen hat.