Bildung
Kanton vergällt Lehrern das Musizieren

Seit an der Baselbieter FMS der Instrumentalunterricht kostet, wird er von angehenden Pädagogen gemieden.

Philipp Felber
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1000 Franken müssen FMS-Schüler für den Instrumentalunterricht bezahlen – da wählen viele das Fach gleich ab. Keystone

1000 Franken müssen FMS-Schüler für den Instrumentalunterricht bezahlen – da wählen viele das Fach gleich ab. Keystone

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Eine Primarlehrerin sitzt auf einem Stühlchen, begleitet die singenden Schülerinnen und Schüler auf der Gitarre. Diese Situation kennen wohl die meisten aus eigener Erfahrung. Angst, dass bald nicht mehr alle Schülerinnen und Schüler in den Genuss eines kompetenten Musikunterrichts in der Primarschule kommen könnten, hat SP-Landrat Jan Kirchmayr. Dies, weil der Kanton Baselland den Instrumentalunterricht für Schüler der Fachmittelschule (FMS) – also für die späteren Primarlehrer – neu kostenpflichtig gemacht hat. Deshalb hat Kirchmayr im Landrat eine Interpellation eingereicht.

Die Folge: Im Vergleich zum ersten Semester im Schuljahr 2015/2016 haben sich für das erste Semester 2017/2018 rund 40 Prozent weniger Schüler zum Instrumentalunterricht angemeldet. Ein Grossteil dieser FMS-Schüler ist im Berufsfeld Pädagogik engagiert, sagt Thomas Rätz, Leiter der kantonalen Dienststelle Gymnasien. Dies ist die Vorstufe zur Ausbildung an den Pädagogischen Hochschulen, um dereinst als Primarlehrerinnen und Primarlehrer zu arbeiten. Die Sparmassnahme greife seit dem 1. Semester 2016/2017 für neue Schüler an der FMS.

Ursache noch unklar

«Der Rückgang ist frappant», sagt Jan Kirchmayr und ergänzt: «Ich habe von Familien gehört, die sich die Gebühr für den Instrumentalunterricht nicht leisten können.» 1000 Franken im Jahr beträgt die Gebühr für die wöchentliche 45-Minuten-Lektion. Rätz relativiert: «Wir wissen noch nicht genau, ob der Rückgang auch wirklich eine Abwahl des Instrumentalunterrichts ist.» So könne es auch sein, dass die Schülerinnen und Schüler weiterhin an den kommunalen Musikschulen Unterricht besuchen. Bisher habe es sich finanziell halt gelohnt, den Instrumentalunterricht an der FMS zu wählen, weil er gratis war. Um den Rückgang zu untersuchen und die richtigen Schlüsse zu ziehen, beziehungsweise Massnahmen zu treffen, würden nach den Sommerferien Umfragen bei allen FMS-Schülern durchgeführt, kündigt Rätz an.

Betroffen von der Sparübung des Kantons sind alle Schülerinnen und Schüler der FMS. Im 1. und 2. Schuljahr ist der Instrumentalunterricht jeweils als kostenpflichtiges Freifach wählbar, im dritten Jahr auch als nicht-kostenpflichtiges Berufsfeld-Ergänzungsfach. Aber nur, falls die Schüler in den ersten beiden Jahren Instrumentalunterricht besucht haben.

Zum Vergleich: In der Maturitätsabteilung der Gymnasien, denen die FMS verwaltungstechnisch untergeordnet ist, haben nur Schüler des Schwerpunktfaches Musik Instrumentalunterricht. Der obligatorische Teil ist dabei kostenlos. Ursprünglich wollte der Kanton auch dort Gebühren erheben, musste aber zurückrudern, so Kirchmayr. In der FMS ist der Instrumentalunterricht hingegen nicht obligatorisch, selbst wenn FMS-Abgänger später mal selber an den Primarschulen Musik unterrichten sollten. In der FMS Basel-Stadt gibt es Instrumentalunterricht als eine von sechs Fachrichtungen, für die sich die Schüler entscheiden müssen (siehe Text rechts).

Musik abwählen ist «clever»

An den Pädagogischen Hochschulen müssen angehende Primarlehrer keinen Nachweis erbringen, dass sie ein Instrument beherrschen. «Wenn sie clever sind, wählen sie Musik an der PH ab», sagt Kirchmayr. Denn man hat die Wahl zwischen Musik, Sport und Werken. Wer das Werken abwählt, darf später keinen Unterricht mit Maschinen geben. Wer Sport abwählt, darf keinen Unterricht mit Turngeräten geben. Aber wer Musik abwählt, der hat keine Konsequenzen zu befürchten. Deshalb sei es heute schon so, dass viele Musik abwählen, sagt Kirchmayr, und durch die Sparmassnahme werde dies noch verstärkt: «Das musikalische Niveau wird damit verschlechtert.» Auch sieht er den Bundesbeschluss zur Jugendmusikförderung geritzt. Dieser verlangt hochwertigen Musikunterricht an den Schulen. Was den SP-Landrat ebenfalls stört: «Mit der Gebühr wird der angepeilte Spareffekt von 180 000 Franken um Längen übertroffen, weil dadurch weniger Schülerinnen und Schüler Instrumentalunterricht besuchen.»

Der Grossteil der Kosten für den Instrumentalunterricht wird denn auch bei einer Gebühr von 1000 Franken vom Kanton übernommen. Für Kirchmayr ist hingegen klar: «Das ist ein weiterer Bildungsabbau. Ich kann mir vorstellen, dazu im Dezember ein Postulat zum Budget einzureichen.»

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