Netzstreit
interGGA wegen Datenklau angezeigt - was heisst das für die TV-Kunden?

Netz-Betreiberin und Provider liegen im Streit. InterGGA hat jetzt sogar eine Anzeige am Hals. Was bedeutet das für Kunden in den 13 betroffenen Gemeinden? Die bz beantwortet die zehn wichtigsten Fragen.

Benjamin Wieland
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Die Kunden würden vom Providerwechsel profitieren, sagt die Inter-GGA.Bz-Archiv

Die Kunden würden vom Providerwechsel profitieren, sagt die Inter-GGA.Bz-Archiv

Kenneth Nars

Über zehn Jahre lang lief es wie geschmiert. Die interGGA stellte im Auftrag der Gemeinden das Kabelnetz zur Verfügung – die Improware als Providerin den «Stoff», also zuerst TV- und Radiosignale, später auch Telefonie und Internet. Heute liegen sich die beiden Unternehmen in den Haaren. Happige Vorwürfe stehen im Raum: Datenklau, Vertragsbruch und Kundenabwerbung werden kolportiert, unter anderem in zahlreichen Beiträgen der «Basler Zeitung». Die bz klärt auf und sagt, was das für die Kunden in den 13 Gemeinden bedeutet, die von der interGGA versorgten werden.

1 Wer ist vom Händel zwischen interGGA und Improware betroffen?

Ausser den beiden Unternehmen und den beteiligten Gemeinden sind es theoretisch alle der rund 44 000 Kunden der interGGA AG. Denn diese will per Ende 2014 den Provider wechseln. Da die Improware, der bisherige Provider, laut interGGA jedoch nicht mitspielt, dürfte sich die Umstellung verzögern. Signalausfälle und fehlerhafte Rechnungen könnten die Folge sein. Die interGGA beschwichtigt: Sie teilt der bz mit, man liege im Plan: Der Wechsel könne per 1. Dezember abgeschlossen werden.

2 Was hat den Konflikt zwischen den beiden langjährigen Partnern ausgelöst?

Es geht um Aufträge – und damit um viel Geld. Ursache des Konflikts ist der Entscheid der interGGA, den Provider zu wechseln, also alle Signale von einer anderen Firma zu beziehen. 2012 schrieb die interGGA den Auftrag neu aus, im Oktober 2013 gab sie bekannt, dass die Firma Quickline aus Biel die Ausschreibung gewonnen habe. Die Improware aus Pratteln hatte das Nachsehen – das sorgte für nachhaltige Verstimmungen. Informationen der bz weisen darauf hin, dass die interGGA schon seit längerem nicht mehr mit den Leistungen der Improware zufrieden war.

3 Weshalb sorgt der Wechsel für derart hohe Wellen?

Technisch ist eine solche Umstellung ein Leichtes. In diesem Fall liegen die Probleme aber anders gelagert. Es geht um die Kundendaten. Die interGGA besitzt keine solchen, da sie als Netzbetreiberin selber keine Inhalte einspeist. Hier hilft ein Vergleich mit der Wasserversorgung: Die Leitungen gehören grundsätzlich den Gemeinden. Sie haben jedoch kein Wasser und wohl auch keine Kapazitäten, sich selber darum zu kümmern. Die interGGA wäre das Unternehmen, das organisiert, wer wann wo Wasser in welcher Qualität einspeisen darf. Sie hat auch so genannte Ortshubs erstellen lassen, das wären dann Wasser-Verteilstationen in den jeweiligen Orten. Der Provider schliesslich ist der Part, der das Wasser liefert. Seit der Gründung der interGGA 2002 hat die Improware die Inhalte geliefert und auch die Daten verwaltet. Seit die interGGA weiss, dass sie den Provider wechselt, wäre sie gerne in den Besitz der Kundendaten gelangt, um diese dem neuen Provider zur Verfügung zu stellen. An diesem Punkt gehen die Darstellungen der beiden Unternehmen diametral auseinander. Auf jeden Fall hinterlässt die widersprüchliche und zögerliche Information der interGGA bei vielen Kunden eine grosse Unsicherheit - ihre Kommunikation muss als mittlere Katastrophe bezeichnet werden.

4 Wie lauten die gegenseitigen Vorwürfe?

Die Improware sagt, die interGGA habe kein Anrecht auf die Kundendaten. Trotzdem habe die Firma diese über einen Zugang systematisch «abgesaugt». Die interGGA bestreitet dies. Vielmehr habe die Improware ab Frühling ohne Begründung den Zugang zur Datenbank immer stärker eingeschränkt und dann sogar gesperrt – deshalb habe man sich nicht mehr an den Vertrag halten müssen. Wohl als Strafe schaltete die interGGA im Mai vorzeitig Programme des neuen Providers Quickline auf, obwohl der Vertrag mit Improware noch bis zum 31. Dezember 2014 läuft und dieser Exklusivität einräumt. Wer Recht hat, muss ein Gericht entscheiden: «Wir mussten Anzeige erstatten», teilt Improware-Geschäftsführer Sacha Gloor mit. Der Anklagepunkt: «unbefugte Datenbeschaffung». Die interGGA wirft der Improware vor, die Kundendaten als Druckmittel einzusetzen, was Improware wiederum bestreitet.

5 Die interGGA wirft Improware auch Kundenabwerbung vor.

Die interGGA sagt, die Improware habe Gemeinderäten aus Vertragsgemeinden ein Dossier zugestellt und sie darin unter anderem angeleitet, wie sie den Vertrag mit der interGGA künden könnten. Die Improware bestreitet dies nicht. Mit dem Dossier habe man jedoch lediglich «verschiedene Varianten einer weiteren möglichen Zusammenarbeit unterbreitet.» Den Hinweis auf eine mögliche Vertragskündigung sehe man nicht als Instruktion oder Aufruf.

6 Müssen sich die Kunden Sorgen um ihre Daten machen?

Nein. Niemand hat ein Interesse daran, mit den Informationen Unfug zu betreiben. Die Improware sieht sich als rechtsmässige Eigentümerin – die interGGA will für sich ein Gewohnheitsrecht ableiten, sie dürfe die Daten benutzen. Die interGGA hat in den vergangenen Monaten mit diversen Aktionen versucht, in Besitz von Daten zu kommen (siehe Punkt 9).

7 Binningen will aus der interGGA aussteigen. Könnten weitere Gemeinden folgen?

Anfang September teilte der Binninger Gemeinderat mit, dass er in Zukunft direkt mit der Improware zusammenarbeiten wolle – wegen «Angebotsverschlechterungen» bei der interGGA. Bisher sind keine weiteren Gemeinden bekannt, die Binningen folgen wollen. Am Montagabend trafen sich interGGA-Vertreter mit den Gemeinderäten von Dornach und Oberwil. Auch aus diesen beiden Gemeinden sind bisher keinerlei Signale einer Vertragsauflösung gekommen. Rein technisch ist ein Ausstieg einfach möglich. Binningen ist jedoch auch Aktionärin der interGGA – und somit bis Ende 2020 an den Signallieferungsvertrag gebunden. Offenbar ist die interGGA jedoch bereit, über eine kürzere Frist zu verhandeln.

8 Wie muss man sich so einen Ausstieg vorstellen?

In der Theorie ist das simpel. Die Gemeinden sind Eigentümer der Kabelnetze. Sie entscheiden, wer diese «bespielt». In der Praxis ist ein Wechsel aber kompliziert. Bisher lässt die interGGA die Netze von einem Sub-Unternehmen, der Saphir Group, warten; daneben hat sich auch Verteilstationen, die so genannten Orts-Hubs, erstellten lassen. Binningen will in Zukunft direkt mit Improware zusammenarbeiten und dabei den «Zwischenhändler» interGGA auslassen. Das Problem: Die Improware hat keine Erfahrung als Netzbetreiberin. Als solche müsste sie das Netz unterhalten, Immobilien erschliessen, Ausbaupläne erarbeiten. Zwar versorgt Improware bereits Frenkendorf, Grellingen und Nenzlingen mit Signalen. Aber dort ist ein Sub-Unternehmen für den Netzunterhalt zuständig.

9 Ich bin interGGA-Kunde. Was bedeutet der Wechsel für mich?

Die interGGA schreibt in einer Mitteilung, dass der Wechsel «gewisse Anpassungen» bedinge. Das TV-Angebot wurde im Mai umgestellt, bis zum 1. Dezember soll die Umstellung bei Internet und Telefonie erfolgt sein. Alle Haushalte im Versorgungsgebiet haben im August von der interGGA Post erhalten. Darin war eine Antwortkarte enthalten, worauf die Kunden ihre Bedürfnisse angeben konnten. Die Abonnenten konnten sich aber auch anderweitig, etwa online, für ein Angebot entscheiden.

10 Was bedeutet eigentlich die Abkürzung interGGA?

GGA ist die Abkürzung für Grossgemeinschafts-Antennenanlage. Ab den 1970er-Jahren wurden diese vielerorts gegründet, um die Grundversorgung mit Radio und TV zu sichern. Ein weiterer Aspekt war der Schutz des Ortsbilds – die immer stärker verbreiteten Satellitenschüsseln auf Balkonen und Dächern wurden als störend empfunden. Die interGGA ging 2002 aus der «GGA Reinach und Umgebung» hervor. Heutige Eigentümer sind acht Gemeinden sowie je zwei Genossenschaften und Firmen. Die interGGA ist laut eigenen Angaben die grösste unabhängige Kabelnetzbetreiberin in der Nordwestschweiz. Angeschlossen sind Bottmingen, Oberwil, Therwil, Reinach, Ettingen, Arlesheim, Aesch, Nenzlingen, Pfeffingen und Duggingen sowie Dornach – und vorläufig noch Binningen.

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