Schweizer Talente
Inländerregelung stellt Volleyballklubs vor Probleme

Vor dem Saisonstart in der höchsten Liga im Frauenvolleyball sind die Klubs verzweifelt auf der Suche nach Schweizer Talenten. Es müssen nämlich zu jeder Zeit mindestens zwei lokal Ausgebildete Spielerinnen auf dem Platz stehen.

Bojan Stula
Merken
Drucken
Teilen
Mit diesem Kader startet Sm’Aesch Pfeffingen in die neue Saison (hinten, von links): Timo Lippuner (Trainer), Jürgen Schreier (Athletiktrainer), Laura Künzler, Maja Storck, Samira Sulser, Monika Smitalova, Bárbara Garcia Duarte, Ralitsa Vasileva, Agris Leitis (Co-Trainer), Harald Gloor (Scout). – Vorne: Simone Dolder, Madlaina Matter, Roxana Wenger, Thays Deprati, Alexandra Lorenz, Tess von Piekartz, Anu Ennok.

Mit diesem Kader startet Sm’Aesch Pfeffingen in die neue Saison (hinten, von links): Timo Lippuner (Trainer), Jürgen Schreier (Athletiktrainer), Laura Künzler, Maja Storck, Samira Sulser, Monika Smitalova, Bárbara Garcia Duarte, Ralitsa Vasileva, Agris Leitis (Co-Trainer), Harald Gloor (Scout). – Vorne: Simone Dolder, Madlaina Matter, Roxana Wenger, Thays Deprati, Alexandra Lorenz, Tess von Piekartz, Anu Ennok.

Kritiker meckern: Noch nie ist man als Schweizer Volleyballerin so einfach zu einem Stammplatz in der höchsten Liga gekommen wie jetzt. Schuld daran ist die sogenannte LAS-Regelung, die vorsieht, dass in der Nationalliga A stets zwei Spielerinnen auf dem Platz stehen müssen, die ihre sportliche Ausbildung vorwiegend in der Schweiz durchlaufen haben (LAS = «Lokal ausgebildete Spieler»). Nach einer längeren Phase als blosses «Gentlemen’s Agreement» unter den Vereinen und einem juristischen Tauziehen um die Anwendbarkeit ist die am Wochenende beginnende neue NLA-Spielzeit die zweite Saison in Folge, in der diese Inländerinnenregelung zwingend angewendet werden muss.

Sehr zum Missfallen von Timo Lippuner: Der 35-jährige Solothurner ist nicht nur erfolgreicher Cheftrainer des Baselbieter Spitzenvereins Sm’Aesch Pfeffingen, sondern gleichzeitig auch Schweizer Nationaltrainer. «Ich weiss von Fällen in der Nationalliga A, in denen Schweizer Spielerinnen das Doppelte ihrer Mitspielerinnen verdienen oder mit nur zwei Wochentrainings trotzdem einen Stammplatz bekommen», berichtet Lippuner empört. Der Grund für solche Auswüchse ist eindeutig: Der Markt für geeignete Schweizer Volleyballerinnen ist extrem klein, und der Bedarf nach diesen Spielerinnen wegen LAS so gross, dass in manchen Vereinen die Schweizerinnen knallhart ihre Bedingungen diktieren können.

16-Jährige als Lückenfüller

Lippuner stellt folgende Milchbüchlein-Rechnung auf: Damit der Inländervorrang wie gewünscht funktioniert, müssten die zehn NLA-Vereine auf einen Pool von etwa 40 Schweizerinnen zurückgreifen können. «Als Nationaltrainer kann ich aber im Idealfall unter 14 Spielerinnen auswählen, die das nötige Niveau mitbringen.» Unter diesen Umständen werden mancherorts bereits 16-Jährige in die Elitekader aufgenommen, um die Inländerinnen-Quote zu erfüllen. Im Schweizer Nationalteam, das mitten in der Qualifikation für die Europameisterschaft 2017 steckt, beträgt das Durchschnittsalter gerade mal 19 Jahre.

Natürlich steckt hinter der LAS-Regelung eine hehre Absicht. Schweizer Volley-Talente sollen nicht im eigenen Land von der Übermacht verhältnismässig kostengünstig erhältlicher und fertig ausgebildeter Ausländerinnen erdrückt werden. Anders als sein eigener Trainer verteidigt darum Sm’Aesch-Präsident und Mäzen Werner Schmid die Regelung: Der Reinacher Garagist hat in seiner Vereinsführung stets den Wert der eigenen Nachwuchsarbeit, die Talentförderung sowie die regionale Verankerung betont und verweist stolz auf den Umstand, dass Sm’Aesch nicht nur immer wieder eigene Talente vorbringt, sondern auch mit Captain Laura Künzler, Maja Storck, Madlaina Matter, Thays Deprati und Samira Sulser aktuell gleich fünf Nationalspielerinnen stellt.

Schmid weiss aber genau so gut, dass das Hauptproblem darin liegt, «auf dem Transfermarkt überhaupt genügend Schweizerinnen zu finden, die in der Nationalliga A spielen wollen». Denn hierbei geht Sm’Aesch keine Kompromisse ein: Wer im Birstal im Elitekader bestehen möchte, muss die Bereitschaft dazu aufbringen, sich ganz dem Volleyball zu verschreiben und zumindest als Halbprofi zu leben. Sm’Aeschs Talentspäher Harald Gloor musste vor der neuen Saison (siehe Box) die ganze Schweiz abklappern, ehe er mit Alexandra Lorenz (Jahrgang 1999) im Oberwallis, mit Samira Sulser (1995) in der Ostschweiz und mit Roxana Wenger (1994) im Fricktal fündig wurde, um das Kader mit Schweizer Talenten aufstocken zu können. Was das Dasein als Sm’Aesch-Kadermitglied neben bis zu sechs Wochentrainings mit sich bringen kann, zeigt das Sommerprogramm der Baselbieter Nationalspielerinnen: Diese haben wegen Trainingslagern, -spielen und Ernsteinsätzen innert sechs Wochen zwischen Bukarest, Sofia, Aachen und der Bretagne eine halbe Europareise hingelegt.

Wenn Timo Lippuner als Nationaltrainer die LAS-Regelung verdammt, «weil die NLA eine Profi- und keine Ausbildungsliga sein soll», anerkennt er gleichzeitig als Vereinstrainer ihren Wert: Denn für ehrgeizige Talente wie die 18-jährige Maja Storck kann sie den Weg in die grosse Volleyball-Welt zumindest etwas erleichtern.