Kinderbetreuung
Immer wieder Mängel: Jetzt soll der Baselbieter Steuerzahler die Kitaqualität verbessern

Zwei Drittel der kontrollierten Baselbieter Kitas wiesen 2019 Mängel auf. Oft litt die Betreuungsqualität, weil sich zu wenige Betreuerinnen um zu viele Kinder kümmerten. Die Kitas sind chronisch unterfinanziert, die Baselbieter Gemeinden decken nur 22 Prozent der Kosten. Dieser tiefe Wert kommt nun unter Druck.

Michael Nittnaus
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Die Kontrolleure des Kantons stellten in Baselbieter Kitas mehrfach fest, dass zu wenig Personal die Kinder betreute. (Symbolbild: Archiv/Maria Schmid)

Die Kontrolleure des Kantons stellten in Baselbieter Kitas mehrfach fest, dass zu wenig Personal die Kinder betreute. (Symbolbild: Archiv/Maria Schmid)

bz

Die Zahlen schreckten Ende November auf: Das Baselbieter Amt für Kind, Jugend und Behindertenangebote (AKJB) legte offen, dass 2019 bei 28 von 43 kontrollierten Kindertagesstätten (Kitas) und schulergänzenden Betreuungsangeboten für Kinder im Primarschulalter Mängel festgestellt worden waren. Bei sieben Fällen musste das Amt umfangreichere Abklärungen einleiten. Diese Zahl sei in den vergangenen Jahren gestiegen, hält das AKJB in seiner Antwort auf einen Vorstoss von SP-Landrätin Miriam Locher fest (diese Zeitung berichtete).

Haben die Kitas im Baselbiet also ein Qualitätsproblem? Auf Nachfrage der «Schweiz am Wochenende» möchte Franziska Gengenbach, Leiterin des AKJB, von einem grundsätzlichen Problem nichts wissen: «Die Mehrheit der Einrichtungen im Kanton ist sehr engagiert, hält die kantonalen Bewilligungsauflagen ein und bietet eine gute pädagogische Qualität an.» Oft handle es sich bei den Beanstandungen um geringfügige Mängel. Ausserdem lasse sich prozentual keine Zunahme an Problemen feststellen, da auch die Anzahl Einrichtungen in den letzten Jahren zugenommen habe.

Basel bietet Kitaplatz für 5500 Kinder, Baselland für 4000

Tatsächlich gab es 2010 in Baselland erst 49 Kitas mit 1069 Plätzen, vergangenes Jahr wurden bereits 89 Einrichtungen gezählt, die 2559 Plätze für gut 4000 Kinder anbieten. Zum Vergleich: In Basel-Stadt gab es 2019 schon 122 Kitas mit 4139 Plätzen für 5540 Kinder. Dies ist dem im Oktober erschienenen Baselbieter «Familienbericht 2020» sowie dem Bericht der kantonalen Sozialdirektorenkonferenz zum «Überblick zur Situation der familienergänzenden Betreuung in den Kantonen» vom September zu entnehmen.

«Mängel sind Mängel», sagte Locher bei der Beratung ihrer Interpellation vergangenen Donnerstag im Landrat. Und Julia Kirchmayr-Gosteli von den Grünen wollte von Bildungsdirektorin Monica Gschwind wissen, was denn «geringfügige» Mängel seien. «Schwerwiegend wäre es, wenn das Kindswohl tangiert würde», so Kirchmayr. Gschwind hatte darauf keine Antwort und versprach, dies noch abzuklären. Dabei gibt bereits der Bericht des AKJB Aufschluss, was die häufigsten Probleme waren – und diese betreffen einen Kernpunkt der Betreuungsqualität: die Personalsituation.

Immer weniger Ausgebildete betreuen immer mehr Kinder

Die Kontrollbesuche zeigen, dass immer wieder der kantonal vorgegebene Betreuungsschlüssel für die Kitas ein Problem darstellt. Teils wurden die Kinder von zu wenigen Betreuern betreut, teils von zu schlecht qualifizierten oder aber die Kontrolleure trafen mehr Kinder an, als es die bewilligte Platzzahl erlaubt. Dieses Bild bestätigt auch der Familienbericht 2020: «Immer weniger Personen müssen immer mehr Kinder betreuen», heisst es dort. Während die Anzahl Beschäftigter in Baselbieter Kitas zwischen 2011 und 2016 um 35 Prozent gestiegen sei, legte die Anzahl der Betreuungsplätze zwischen 2010 und 2016 um über 120 Prozent zu. Da als Beschäftigte nur Festangestellte gezählt wurden, ist eine Interpretation des Berichts, dass vermehrt auf Auszubildende und Praktikanten zurückgegriffen wird. Dabei liegen die Löhne von Kinderbetreuenden bereits «in den untersten zehn Prozent aller branchenüblichen Löhne des Gesundheits- und Sozialwesens», so der Familienbericht.

Es gibt zu wenig ausgebildetes Personal in unserer Branche. Das ist ein Fakt.

(Quelle: Prisca Mattanza, Sprecherin Verband Kibesuisse)

«Es gibt zu wenig ausgebildetes Personal in unserer Branche. Das ist ein Fakt», sagt Prisca Mattanza. Die Sprecherin des Verbands Kinderbetreuung Schweiz Kibesuisse glaubt nicht, dass Kitas, bei denen Mängel wie im Baselbiet festgestellt werden, systematisch die Betreuungsrichtlinien missbrauchen. «Die Wurzel des Problems sind die mangelhaften finanziellen und strukturellen Rahmenbedingungen der Kitas. Diese gilt es zu verbessern.» Dem stimmt auch Gengenbach zu. Und sie spricht ein Problem an: «Eine Schwierigkeit in Baselland ist die vergleichsweise geringe Beteiligung der öffentlichen Hand an der Finanzierung der Kinderbetreuung.» Wieder liefert der Familienbericht die Zahlen dazu: In Baselland beteiligt sich der Kanton nicht an der Hauptfinanzierung der familien- und schulergänzenden Kinderbetreuung, sondern nur die Gemeinden. Diese übernehmen maximal 22 Prozent der Kosten, für den Rest müssen die Eltern aufkommen. Im nationalen Durchschnitt tragen die Gemeinden 24 Prozent der Kosten, Kantone und Bund aber weitere 15 Prozent, sodass auf die Eltern noch rund 60 Prozent entfallen.

In beiden Basel kommt Initiative für Gratis-Kitas

«Da ein angemessener Betreuungsschlüssel und gut qualifiziertes Personal einen direkten Einfluss auf die Betreuungsqualität haben, sind Investitionen in die familienergänzende Kinderbetreuung aus unserer Sicht sinnvoll», hält Gengenbach fest, ohne zu sagen, wer genau mehr zahlen soll. Dies sei eine politische Frage. Und die Politik nimmt den Ball auf: «Es stösst mir sauer auf, dass gerade Kitas, die einen guten Betreuungsschlüssel bieten wollen, es wegen der hohen Personalkosten schwierig haben», sagte Grünen-Landrätin Erika Eichenberger während der Landratsdebatte und kommt zum Schluss: «Da ist die öffentliche Hand gefordert. Wir müssen nachbessern.»

Das findet auch Locher, die mit ihrer Interpellation die Debatte losgestossen hat. Zusammen mit der SP Baselland geht sie dabei auf Tutti: «Genau deswegen werden wir ja Anfang 2021 unsere Initiative für Gratiskitas lancieren», sagt sie auf Anfrage. Statt 78 Prozent der Kosten sollen Eltern also nichts mehr übernehmen müssen. Kanton und Gemeinden würden das Angebot gemeinsam finanzieren. Die Idee setzte sich bei einem Onlinevoting der Partei diesen Herbst durch. Einen Schritt weiter ist die SP Basel-Stadt. Sie hat die Initiative «Kinderbetreuung für alle» Mitte Oktober bereits mit 3000 Unterschriften eingereicht.

Und noch etwas will Locher in Baselland erreichen: Obwohl die Kitas schon Mühe haben, genug Personal zu finanzieren, möchte sie den kantonalen Mindest-Betreuungsschlüssel erhöhen. «Sechs Kinder über 18 Monate und ab dem Kindergarten sogar acht pro Betreuende ist nicht mehr zeitgemäss.» Auch hier ist der Nachbar Vorbild: In Basel-Stadt darf sich eine Betreuungsperson nicht um mehr als fünf Kinder kümmern – Kindergartenkinder inklusive.