Jahresbericht
Heisse Schlacht um Pfeffingen bei der Archäologie Baselland

Keltische Kultstätten, römische Fundamente und mittelalterliche Faustfeuerwaffen: Unglaublich, was von der Archäologie Baselland 2015 alles neu entdeckt und erforscht wurde.

Bojan Stula
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Gute Nachricht: Die Sanierung der Ruine Pfeffingen wird früher als geplant abgeschlossen. Fotos: Archäologie Baselland

Gute Nachricht: Die Sanierung der Ruine Pfeffingen wird früher als geplant abgeschlossen. Fotos: Archäologie Baselland

Vermutlich war das Ding für seinen Benutzer gefährlicher als für die Gegner. Bei unsachgemässem Umgang mit dem Schwarzpulver sprengte sich der Schütze selber in die Luft. Oder aber er brach sich seinen Unterarm wegen des mächtigen Rückstosses, sofern er das Feuerrohr nicht an einem Holzschaft befestigte. Der Metallgegenstand ist bloss 14 Zentimeter lang, und doch nennt ihn der Baselbieter Kantonsarchäologe Reto Marti einen «eigentlichen Sensationsfund».

Rekonstruiert: Aquamanile von der Burg Scheidegg.

Rekonstruiert: Aquamanile von der Burg Scheidegg.

Der spätmittelalterliche Vorläufer der Faustfeuerwaffe wurde kürzlich im Umfeld der Ruine Pfeffingen gefunden. Ein höchst erfreuliches archäologisches Nebenprodukt der dortigen Notsanierung. Bei den parallel stattfindenden Grabungen im Umfeld der Burg wurde nicht nur eine Gussform für die entsprechende Bleikugelmunition gefunden. Der ehrenamtliche Mitarbeiter Bruno Jagher stiess auch auf annähernd 100 Geschossspitzen verschiedener Art und Alters, die Zeugnis ablegen von den zahlreichen Kämpfen und Belagerungen, denen die Burg im Laufe der Jahrhunderte ausgesetzt war.

Zunehmender Spardruck

Die jüngste Schlacht um Pfeffingen findet allerdings auf finanzpolitischer Ebene statt. Die gute Nachricht ist, dass dank eines «Vorschusses» die Sanierung beschleunigt fertiggestellt werden kann und Ende 2017 abgeschlossen sein sollte. Die Schlechte, dass anschliessend das Budget für die fällige Sanierung der Ruine Farnsburg und der römischen Villa Munzach in Liestal auf unbestimmte Zeit sistiert werden muss.

Gefunden: Handrohr, Kugel-Giessform und Krähenfuss.

Gefunden: Handrohr, Kugel-Giessform und Krähenfuss.

Trotz des zunehmenden Spardrucks können Reto Marti und sein Stellvertreter Andreas Fischer auf ein überaus reichhaltiges Berichtsjahr 2015 zurückblicken (siehe Interview unten). Die Spanne der Entdeckungen ihres Teams reicht vom mehr als 13'000 Jahre alten Rastplatz der letzten eiszeitlichen Jäger und Sammler bei Grellingen bis hin zu Panzersperren aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs bei der Oberen Hard in Muttenz. Dass die Baselbieter Archäologinnen und Archäologen bei der Nachuntersuchung der kürzlich entdeckten Burg Mörlifluh ob Liedertswil kaum Neues fanden, stellte eher die Ausnahme dar.

Spannender Wartenberg

Die Arbeit der Archäologie Baselland geniesst in der Bevölkerung grosse Aufmerksamkeit. Reto Marti und sein Team haben hochgerechnet, dass neben den Zehntausenden von Besuchern am Römerfest jedes Jahr 160'000 Personen die rund 100 Burgen und Schlösser in Baselland besuchen. Zum Aufgabengebiet der Archäologen gehört aber auch, das hiesige Kulturerbe vor Ort sicht- und erfahrbar zu machen. Darum wurden am Wartenberg in Muttenz neue Informationstafeln zu den drei Burgruinen auf dem Bergrücken aufgestellt; dies in Zusammenarbeit mit der Gesellschaft pro Wartenberg. Ins gleiche Gebiet fällt die Herausgabe von neuen Prospekten in der Reihe «Archäologische Denkmäler im Baselbiet», die unter www.archaeologie.bl.ch heruntergeladen werden können. Gerne weist Marti auf die durchschnittlichen archäologischen Grabungskosten hin, die pro Jahr und Einwohner anfallen: 3.50 Franken.

Im Gegensatz dazu fanden sich bei zwei Sondiergrabungen am Colmarerweg in Reinach nicht nur römerzeitliche Fundamente und damit Hinweise auf den in diesem Gebiet schon lange vermuteten römischen Gutshof. Wie Fischer berichtet, deuten rund 75'000 Tonscherben auf eine Kultstätte aus der späten Keltenzeit um 100 vor Christus hin. Offenbar wurden hier von den Kelten den Göttern geweihte Tongefässe zerschlagen und vergraben, damit sie nicht mehr von Menschen im täglichen Gebrauch entweiht werden konnten.

Reichhaltiger Jahresbericht

200 Seiten umfasst der gedruckte und reich illustrierte Jahresbericht der Archäologie Baselland, den Reto Marti gestern im Ortsmuseum Muttenz den Medien vorstellte (siehe Box), und der voll von solchen Geschichten ist. Aus jeder Zeile lässt sich herauslesen, mit welcher Leidenschaft sich die Archäologen, das fünfköpfige Grabungsteam und ehrenamtliche Späher wie Bruno Jagher tagtäglich um die Geschichte dieser Region bemühen.

Das umfasst bei weitem nicht nur die Suche nach neuen Funden, sondern neben vielen anderen Tätigkeiten auch die virtuelle Rekonstruktion von bereits längst aus dem Boden geholten Gegenständen. So zauberte dank modernster Computertechnik die Restauratorin Sabine Bugmann ein spektakuläres 3D-Modell eines bei einer Feuersbrunst auf der Burg Scheidegg geschmolzenen Wassergefässes, eines sogenannten «Aquamaniles» aus Bronze.

Leiter Archäologie Baselland Reto Marti: «Wir sind an der untersten Grenze der benötigten Ressourcen angelangt»

Reto Marti, die gute Nachricht zuerst: Wieso können Sie die Sanierung der Ruine Pfeffingen früher als geplant abschliessen?

Reto Marti: Wir haben für dieses Jahr vom Kanton im Rahmen einer Vorwärtsstrategie eine gute Million Franken erhalten, die wir verbauen können. Zudem hoffen wir auf zusätzlich 250 000 Franken vom Bund. Damit können wir ein Jahr früher als geplant, also Ende 2017, die Sanierung in Pfeffingen fertigstellen.

Die schlechte Nachricht ist die Sistierung des 2008 einstimmig vom Landrat beschlossenen und 2013 ergänzten Sanierungsprogramms für die Baselbieter Ruinen und Burgen. Was ist passiert?

Im Rahmen des Budgetprozesses hat die Regierung beschlossen, bis auf weiteres auf die Ausschüttung der Jahrestranchen von 750 000 Franken zu verzichten.

Welche Folgen hat dieser Sanierungsstopp?

Klar ist, dass wir es nicht wieder so weit werden kommen lassen, dass Steine herunterfallen und wir ein Gebiet für Besucher sperren müssen, wie es bei der Ruine Pfeffingen der Fall war. Sobald irgendwo akuter Handlungsbedarf herrscht, müssen wir wieder tätig werden.

Wie ernst ist der jetzige Spardruck?

Wir sind bestimmt an der untersten Grenze der benötigten Ressourcen angelangt. Darunter sollte man nicht gehen, sonst bricht das ganze System zusammen.

Trotz der Archäologie in Zeiten des Sparens: Was war das Jahres-Highlight der archäologischen Forschung in Baselland?

Das Highlight war für mich die Fülle der Informationen, die in einem Jahr zusammengekommen ist, und die ein immer dichteres Bild ergibt. Also nicht ein einzelner Fundort, sondern die Rekonstruktion dessen, wie die Menschen früher in dieser Region gelebt haben. Der neue Jahresbericht ist der zehnte, der in dieser Form erschienen ist. In den vergangenen zehn Jahren haben wir mehr Seiten an Wissen produziert, als die sechsbändige Kantonsgeschichte von 2001 enthält.

Was ist Ihr persönlicher Antrieb?

Für mich ist wichtig zu erfahren, wie sich die Menschen früher ernährt haben, von welchen Ressourcen sie gelebt haben. Eben nicht nur von der Land- und Holzwirtschaft, sondern auch von der Eisenproduktion, die im Mittelalter sehr bedeutend war. Das zu verstehen und zu erfahren, wie sich das im Laufe der Jahrhunderte verschoben hat, ist für mich das Spannende. Das ist es auch, was die Archäologie ausmacht: Zu Beginn hat man nur einzelne Punkte und Informationen, die man in ihrer Bandbreite vielleicht gar nicht versteht. Aber mit der Zeit ergibt sich ein Gesamtbild.

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