Seewen
Heinrich Weiss (98) ist der Urvater des Barcodes - auch sonst hinterlässt er viele Spuren

Der 98-jährige Heinrich Weiss gründete das Musikautomatenmuseum und gilt als Urvater des Barcodes. Wir haben ihn besucht.

Dimitri Hofer
Merken
Drucken
Teilen
Heinrich Weiss (98)
9 Bilder
Sammeln ist seine grosse Leidenschaft
Der 98-jährige in seinem Zimmer mit den Wanduhren in Seewen. Hier fühlt er sich am wohlsten.
Die Wanduhren-Sammlung ist riesig.
Das Zimmer mit den Wanduhren
Das Zimmer mit den Wanduhren
Das Zimmer mit den Wanduhren in Seewen.
Das Zimmer mit den Wanduhren in Seewen.

Heinrich Weiss (98)

Juri Junkov

Die meisten Menschen hinterlassen der Gesellschaft keine Errungenschaften, die nach ihrem Tod an sie erinnern. Heinrich Weiss ist jedoch klar, dass seine Spuren bleiben, wenn er nicht mehr lebt. Mit dieser Gewissheit kann der 98-Jährige die immer häufiger auftretenden körperlichen Beschwerden besser ertragen.

Der gebürtige Zürcher führte einst in Basel erfolgreich eine Druckerei und entwickelte dort eine Vorform des heute allgegenwärtigen Barcodes. Später rief er das Musikautomatenmuseum in Seewen ins Leben, das seit einigen Jahren dem Bund gehört. Für seine Verdienste erhielt der leidenschaftliche Sammler einen Ehrendoktortitel der Universität Basel. Vor einigen Jahren wurde zudem ein Film über ihn gedreht.

Frühe Leidenschaft für Technik

Gleich neben dem Museum für Musikautomaten im ländlichen Schwarzbubenland lebt Heinrich Weiss. In seinem Wohnhaus hat er sich ein grosszügiges Zimmer für seine stattliche Sammlung antiker Wanduhren eingerichtet. «Mit diesen Uhren hat alles angefangen. In diesem Raum fühle ich mich am wohlsten. Das ist das Paradies für mich», erzählt er. Hier blickt er mit uns auf die einschneidendsten Episoden seines langen und ereignisreichen Lebens zurück.

Juri Junkov

Auch wenn er mittlerweile Probleme mit dem Gehen hat, ist dem 98-Jährigen im Kopf das Alter nicht anzumerken. Wenn er von seiner Jugend berichtet, fällt es schwer zu glauben, dass ein beinahe Hundertjähriger neben einem sitzt. «Das Faible für Technik war bei mir sehr früh vorhanden. Von meinen Eltern erhielt ich einen Metallbaukasten und eine Dampfmaschine», erinnert er sich. Aufgewachsen in der Gemeinde Erlenbach am Zürichsee, begann Weiss schon in jungen Jahren, die Wanduhren seiner Verwandten zu reparieren. Manchmal habe er gelogen und gesagt, man könne die Uhren nicht mehr flicken, um sie dann selber behalten zu können. «Ich war eben ein Schlingel.» Im Kanton Zürich machte er eine Lehre als Mechaniker und studierte Betriebswirtschaft an der ETH.

Strichcode der Ciba verkauft

Dass aus dem einstigen Lausbub ein umtriebiger Unternehmer und Erfinder wurde, verdankte er seiner Frau. Mit ihr übernahm Heinrich Weiss von seinen Schwiegereltern im Jahr 1950 einen veralteten Druckereibetrieb in Basel. Der Quereinsteiger liess sich zum Drucker ausbilden und ging in seiner neuen Rolle als Firmeninhaber voll auf. «Mit der Produktion von Faltschachteln konnten wir eine Marktlücke füllen», erzählt er. Zeitweise seien rund 68 Millionen Faltschachteln pro Jahr hergestellt worden. Um die unterschiedlichen Verpackungen in der Druckerei nach Sorten und Sprachen unterteilen zu können, entwickelte Weiss einen Strichcode.

Zur Verfügung gestellt

Seine guten Beziehungen zur chemischen Industrie in Basel kamen ihm zugute. «In der Chemie schätzte man mich sehr als Drucker, der gleichzeitig auch Mechaniker war», sagt Heinrich Weiss. Es gelang dem Unternehmer, seinen Strichcode für viel Geld an die Ciba zu verkaufen. «‹Sie wollen mich doch nicht mit so einer geringen Summe abspeisen›, sagte ich zu meinen Verhandlungspartnern.» Da sei die Gegenseite über die Bücher gegangen und habe dem ursprünglichen Betrag prompt noch eine Null angehängt.

Juri Junkov

Mit dem Verkauf hatte er finanziell auf einen Schlag ausgesorgt, betrieb die Druckerei als Patron aber weiter. Der Barcode, eine Ableitung des von Weiss erfundenen Strichcodes, trat wiederum von Basel aus seinen Siegeszug an. Auf praktisch jedem Produkt ist der Barcode zu finden.

Schicksalsschlag

Der Sammelleidenschaft war Weiss während der Jahre als Druckereiinhaber treu geblieben. Zu den Wanduhren aus der Jugend waren zahlreiche Exemplare hinzugekommen. «In Basel hatte ich ein gutes Verhältnis zu einem Antiquar, der mir eines Tages eine Spieldose zeigte, die mich faszinierte.»

Der wirtschaftliche Erfolg ermöglichte es ihm, in den folgenden Jahren die «weltweit grösste und reichhaltigste Spieldosensammlung» zusammenzutragen. Im neu errichteten Wohnhaus in Seewen baute er für die Sammlung eine geräumige Halle und eine Restaurierungswerkstatt. Kurz zuvor hatten er und seine Frau einen Schicksalsschlag hinnehmen müssen. Das Haus der beiden am gleichen Ort, in dem sie mit ihrer Tochter lebten, war abgebrannt. Weiss meint zu den Gründen für den Brand trocken: «Versuchen Sie niemals, ein Hornissennest mit einer Gasflasche auszuräuchern.»

Die vielen Musikdosen aus aller Welt in Seewen sollten nicht weiter der Öffentlichkeit verborgen bleiben. Ende der 1970er-Jahre eröffnete Heinrich Weiss in der kleinen Gemeinde ein Museum, in dem er die Musikautomaten ausstellte. Gleichzeitig machte sich der Gründer immer mehr einen Namen als Spezialist für mechanische Musikinstrumente. «Ich wurde häufig zu internationalen Konferenzen eingeladen, um dort zu referieren», erzählt er stolz. Besucherinnen und Besucher von überall her kamen in die Nordwestschweiz, um sich die Sammlung anzuschauen.

Museum dem Bund geschenkt

Noch heute ist das Museum für Musikautomaten eine der grössten touristischen Attraktionen im Schwarzbubenland. Im Jahr 2000 eröffnete der Bund die Einrichtung nach einem grösseren Umbau wieder. Ein Jahrzehnt zuvor hatte Weiss im Einvernehmen mit seiner Tochter sein Museum der Schweizerischen Eidgenossenschaft geschenkt. «Beim Bund ist die Sammlung gut aufgehoben. Einzige Bedingung war damals, dass der Standort in Seewen bleiben muss.» Er sei dankbar für die vielen Investitionen, die in den vergangenen Jahren getätigt wurden.

Wann immer im Museum nebenan eine neue Ausstellung eröffnet wird, lässt es sich Heinrich Weiss nicht nehmen, sie sich zu Gemüte zu führen. «Da ich nichts mehr sehe, lasse ich mir jeweils alles ganz genau und in Ruhe erklären.» Die Eidgenossenschaft mache einen wunderbaren Job, findet Weiss.

Es ist dem Museumsgründer zu wünschen, dass er sich noch viele Ausstellungen anhören kann.