Ochsentour
Gute Ecke am Kreisel

Simon Morgenthaler (Sternzeichen Stier) ochst, schreibt und lebt in Basel. In seiner neuen Kolumne für die «Schweiz am Wochenende» geht er auf gas­trophilosophische Ochsentour

Simon Morgenthaler
Merken
Drucken
Teilen
Frontal, aber nicht martialisch. Verschieden ausgeprägtes Gehörn in gewölltem Stirnbein. Ruminativer Blick, und angenehm ziellos. Eventuell auch nach der Schlachtung.

Frontal, aber nicht martialisch. Verschieden ausgeprägtes Gehörn in gewölltem Stirnbein. Ruminativer Blick, und angenehm ziellos. Eventuell auch nach der Schlachtung.

bz

Der kreiskunstlose Kreisel vor dem Ochsen dreht mich gleich herum: Eine einladende, unprätentiöse Ecke in Laufen. Ich setze mich auf die strassenseitige Klappbank am Biertisch, blicke an eine stattliche, aber ziemlich ehemalige Hausfassade. Rechts ein streng frisierter Buchs, links ein Stehtisch, bestückt mit drei ungleichen Aschenbechern. Man erkennt knapp, dass bei der anderen Ecke der Fassade ein klobiges, gusseisernes Gebilde und ein goldener Schriftzug an vergangene Prosperität erinnern. Der Kreisverkehr im Rücken macht viel Wind. Aber ein paar Rugeli werden es schon richten.

Ich greife mir einen Aschenbecher. Vielleicht hätte ich mich doch zum Laufen zwingen und von Zwingen laufen sollen. Die Karte ist rigoros auf das Fleisch abgespeckt. Ich entdecke mein Ressentiment gegenüber Pferden inkarniert im Angebot. Eine rituelle Einverleibung als Abhilfe oder zumindest als Konfrontationstherapie für meinen zubeissenden Zynismus? Schwankend zwischen bejahtem Pferdealtersheim und selbstvoll verklärtem Erhaltungstrieb veranlasst mich schliesslich der Gedanke an aussterbende Rossmetzgereien dazu, ein Entrecôte vom Gaul zu bestellen. Nicht die Variante ›Fit‹. Mit Pommes frites. Einen Gemischten gleichwohl voraus. Wenn schon bös, dann auch gegen das Gemüse.
Die ›Café de Paris‹ zerläuft auf dem beunruhigend zartgebratenen Stück. Der Salat wehrt sich mehr.

Plötzlich das Gefühl, ein Ungetüm bewege sich im Rücken. Erschreckt verdrehe ich den Kopf und schaue einem Mähdrescher nach. Marke: John Deere. Wenn John von meiner Speise wüsste, wäre ich längst erschossen. Dann beginnt es irgendwo gewaltig zu rumoren. Es ist nicht etwa ein Traktor. Mir fehlt schlicht der Rossmagen für diese Aufgabe in Mengenlehre. Oder rebelliert das Ross innerlich im Galopp gegen den Karnivoren, der doch im Grunde nichts gegen Rösser, sondern etwas gegen die zügelnden Reiter und Reiterinnen hat, die er aber nicht verspeisen darf und will? Oder sind es die vielen Rugeli? Ich kaue weiter. Eigentlich sitze ich ja selbst rittlings und gedankenlos auf dieser menschlichen Gewohnheit, andere Lebewesen zu verspeisen, um diesen insgeheim den Meister zu zeigen. Etwas zermürbt drückte ich weitere Kartoffelstäbe in die Würzbutter, später Zigaretten in den Aschenbecher.

Erst als der Versuch, dem Gegenüber dieses wohlgenährte moralische Ringen mitzuteilen, im Motorengeräusch eines Töffs untergeht, besinne ich mich. Irgendwo habe ich gelesen, der Darm sei ein Gehirn. Und wenn die Moral jetzt dort verdaut wird und Lärm macht, wird es schon gut sein. Nur noch ein letztes Rugeli. Der Luftzug im Nacken ist angenehm.