Seniorenbetreuung
Gesundheitsökonomin: «Es braucht eine kollektive Pflegeversicherung»

Im Pflegebereich arbeiten viele Ausländerinnen, die oft schlecht bezahlt werden. Eine Polin geht nun deswegen vor Gericht. Die Gesundheitsökonomin Mascha Madörin prangert das Sparen mittels unter- oder unbezahlter Frauenarbeit an. Sie fordert die Einführung einer Pflegeversicherung.

Daniel Haller
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Mascha Madörin findet: «Pflege ohne Zeit ist unmenschlich, denn sie erfordert persönlichen Kontakt.»

Mascha Madörin findet: «Pflege ohne Zeit ist unmenschlich, denn sie erfordert persönlichen Kontakt.»

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Frau Madörin, der VPOD geht vor Gericht wegen einer Polin, der man für Seniorenbetreuung zu Hause rund um die Uhr nur 6 Stunden bezahlt (die bz berichtete). Was meinen Sie?

Mascha Madörin: Einerseits dürfen für 24 Stunden Anwesenheit nicht nur 6 Stunden Arbeit bezahlt werden. Und eine Person, die so auf Unterstützung angewiesen ist, benötigt eigentlich professionelle Pflege.

Zur Person

Mascha Madörin (67) ist in Bubendorf aufgewachsen, lebte in Basel und im Ausland und wohnt heute in Münchenstein. Die Gesundheitsökonomin hat in den letzten Jahren vor allem über Versorgungsökonomie (Care-Ökonomie) geforscht, jene Arbeit, die im Haushalt, beim Aufziehen von Kindern – inklusive Bildung bis zum 15. Lebensjahr –, sowie der Pflege von Kranken und Betagten anfällt. In diesem Zusammenhang verglich sie in einem internationalen Forschungsprojekt der UNRISD (UN-Forschungsinstitut für Sozialentwicklung) die Care-Ökonomie verschiedener Länder. (dh)

Es geht aber bei diesen Homecare- Jobs um Betreuung, nicht Pflege.

Es geht in erster Linie ums Sparen: Zu Hause ist es billiger. Zudem sind Pflegeheime personell unterdotiert, weil die Krankenkassen zu tiefe Tarife bezahlen. Als meine Mutter ins Pflegeheim kam, klagte sie beim ersten Besuch, das Personal sei so kurz angebunden. Also liessen meine Schwester und ich sie ohne körperlichen Grund von der Pflegestufe 1 in die Stufe 2 umteilen. Damit hatte sie Anrecht auf täglich zusätzlich 45 Minuten Pflegezeit. Beim nächsten Besuch sagte sie, nun seien die Pflegenden freundlicher. Wir haben ihr verschwiegen, dass dies monatlich 700 Franken Aufpreis kostete, denn das ist eine Beleidigung.

Sie bezahlten also für Betreuung den Pflegetarif?

Solche Unterscheidungen sind völlig praxisfremd: Gemäss Tarifsystem dürfte eine Physiotherapeutin der Patientin nicht beim An- und Ausziehen der Stützstrümpfe helfen, da das eine zum Fachpflege-, das andere zum Grundpflegetarif zählt. Dahinter steht eine irrwitzige Vorstellung von Effizienz, denn es gibt keine qualitativ gute Pflege ohne «Betreuung».

Dient die Unterscheidung nicht dazu, den Anstieg der Krankenkassenprämien zu bremsen?

Ja, aber mit falschem Ansatz. Traditionell war man gewöhnt, dass vorwiegend Frauen die Pflege gratis übernehmen. Heute hat man das Gefühl, man könne die Kosten kontrollieren, indem man die Leistungen wie in einem industriellen Betrieb organisiert. Doch Zeit für die Patienten ist Teil der Qualität, man kann sie nicht wegsparen. Das Tarifsystem tut so, als läge ein Körper auf dem Fliessband, Pflegende kommen, verrichten ihre Handgriffe und registrieren die aufgewendete Zeit. Das ist eine Frechheit gegenüber dem Personal, das weiss, dass man eigentlich anders pflegen müsste. Und das verletzt die Menschenwürde der Gepflegten.

Wie kam man auf diese Idee?

Die prägende wirtschaftliche Erfahrung seit der industriellen Revolution ist, dass man mit Organisation und technischen Mitteln Güter billiger herstellen kann. Das geht aber nicht überall, etwa in der Landwirtschaft, im Journalismus oder in der Pflege: Man kann zwar schneller Autos produzieren, aber man kann nicht schneller pflegen. Diese Bereiche werden nicht billiger und gelten deshalb als teuer. Das versucht man dann durch Subventionen oder Qualitätsabbau, oder indem man mit industrieller Logik spart, aufzufangen.

Was schlagen Sie vor?

Da hilft nur eine gute, kollektive Pflegeversicherung. Wendet man nicht kollektiv mehr Geld auf, trifft dies jene, die Langzeitpflege benötigen, deren Angehörige und die Gemeinden. Dadurch entsteht die Nachfrage nach Homecare. Eine internationale Untersuchung zeigt, dass Länder, die Langzeitpflege nicht per Versicherung finanzieren, ein Homecare-Problem haben.

Wie trifft dies die Gemeinden?

Fehlen Betroffenen die Mittel, zahlt für Grundpflege und Haushaltshilfen die öffentliche Hand. Das heisst, dass man in Münchenstein weniger Leistungen bekommt als in Arlesheim mit seinen reicheren Steuerzahlern.

Ist Altwerden zu teuer?

Da wird ein Problem herbeidiskutiert, das gesamtwirtschaftlich keines ist: Die Belastung der obligatorischen Krankenkasse und der Staatsfinanzen durch Kosten der Altenpflege liegt in der Schweiz unter dem westeuropäischen Schnitt. Stattdessen zahlen private Haushalte viel. Im Baselbiet muss übrigens im kantonalen Vergleich für Pflegeheime übermässig viel privat bezahlt werden, hat der Preisüberwacher festgestellt.

bz-Leser betonen, dass Polinnen hier mehr verdienen, und wir bekämen eine Betreuung, die sonst zu teuer wäre. Selbst ein ehemaliger Gewerkschafter und SP-Ständerat mit polnischer Haushaltshilfe sagt, er könne das System nicht ändern.

Er argumentiert als Mann: Männer haben immer den kleinsten Teil dieser Arbeit gemacht. Das meiste machen Frauen ab 50. Zuerst pflegen sie die Eltern, dann den Partner, da Männer oft früher krank werden. Frauen ziehen also zuerst die Kinder auf - 70 Prozent der Hausarbeit machen nach wie vor sie. Dann schauen sie einige Tage pro Woche zu den Enkeln, damit die Tochter trotz der teuren Krippen arbeiten gehen kann. Anschliessend übernehmen sie bis ins hohe Alter Pflegeverantwortung: Untersuchungen zur Langzeitpflege zeigen, dass Frauen im Alter von 75 bis 80 Jahren teilweise dafür bis zu 60 Stunden pro Woche arbeiten. Ein Grund ist: Zuerst muss man das gemeinsame Vermögen aufbrauchen, bevor Ergänzungsleistungen fliessen. Also pflegen entweder die Frauen ihren Partner selbst - oft bis zur Erschöpfung - oder sie haben nach dessen Tod selbst kein Geld mehr. Die Schweiz ist zwar ein sehr modernes Land. Aber ihre Institutionen stecken immer noch in den 50er-Jahren. Das führt zu Problemen, denn die Frauen sind jetzt gut ausgebildet und wollen auch ins Erwerbsleben.

Also holt man Ersatz im Osten?

Dafür betreibt man Lohndumping, wobei private Anbieter Gewinn abschöpfen. Für Männerberufe auf dem Bau hat man die flankierenden Massnahmen durchgesetzt. Für die Pflege, die Frauen bisher gratis leisteten, fehlen diese.

Und dafür wollen Sie ein neues Sozialwerk?

Es braucht neue, gemeinnützige, kollektive Regelungen. Auch für Pflege muss man realistische Löhne und angemessene Arbeitsbedingungen gewährleisten, denn schon heute kehren qualifizierte Pflegekräfte dem Beruf den Rücken, weil sie diese Art des Arbeitens nicht mehr aushalten. Dabei herrscht akute Personalknappheit.

Gibt es bessere Beispiele?

In Schweden hat man viele bewährte Strukturen in den Gemeinden und Quartieren mit Tagesbetreuung und Care-intensiver Spitex. In den Niederlanden gibt es einen Versuch mit Alternativspitex, die vom Bedarf des Patienten ausgeht. Da wird umgesetzt, was die Pflegewissenschaft schon lange sagt: Man nimmt sich zu Beginn viel Zeit. Die Kranken gewinnen das Vertrauen, dass jemand da ist, wenn es nötig ist. Letztlich hat dies die Arbeitszeit sogar verkürzt. Von zentraler Bedeutung ist aber eine kollektive, gute Pflegeversicherung. Wenn sich dies die Niederlande leisten - weshalb soll es in der Schweiz nicht möglich sein?

Also sollen die Jungen mit ihren Prämien die Kosten tragen?

Setzt man den Wert für die bezahlte und unbezahlte Arbeit des Kinderaufziehens bis 15 Jahre ein, dann übersteigt diese Summe das Total der Kosten für Pflege, Betreuung und Versorgung von Kranken um rund das Achtfache. Der Generationenvertrag läuft, wenn man die unbezahlte Arbeit mit einrechnet, radikal zugunsten der Jungen. Die Gratisarbeit von Frauen zugunsten von Kindern und Kranken hat einen Wert von 70 Milliarden Franken, das ganze Gesundheitswesen kostet 60 Milliarden. Da muss eine Pflegeversicherung doch drinliegen.

Stehen Sie mit Ihrer Kritik des Gesundheitswesens nicht allein da?

Ich kritisiere nicht das Gesundheitswesen: Im westeuropäischen Vergleich ist dieses in der Schweiz sehr gut, was den Zugang der Bevölkerung zu guten Spitälern, guten Ärzten und spezialisierter Medizin betrifft. Aber alles, was traditionell Frauenarbeit ist, die Pflege von Alten oder chronisch Kranken zu Hause und die Tagesbetreuung von Kindern, ist im westeuropäischen Vergleich durch die öffentliche Hand miserabel gesichert.

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