Landjunge und Stadtmund
Feliz navidad und geschmolzene Kugeln

Eva Oberli
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«Wenn ich noch einmal jemand ein spanisches Weihnachtslied abspielen höre, dann sperre ich ihn ein – ins Verlies Navidad.»

«Wenn ich noch einmal jemand ein spanisches Weihnachtslied abspielen höre, dann sperre ich ihn ein – ins Verlies Navidad.»

KEYSTONE/LUKAS LEHMANN

«Wenn ich noch einmal jemand ein spanisches Weihnachtslied abspielen höre, dann sperre ich ihn ein – ins Verlies Navidad.» Ha, Ha. Die alljährlichen Heuler sind zurück auf Sendung und damit analog auch die alljährlichen Brüller. Und nichts davon wird besser. Dafür macht sich gerade in dieser Zeit bemerkbar, wie stark die Musik uns beeinflusst und vor allem, wie sehr sie Menschen und Bräuche verbindet. Zu Weihnachten gehört nebst zu viel Kakao und paraffinfreien Kerzen ebenso unveränderlich die Tatsache, dass wir den Kanon zu «Dona nobis pacem» nicht hinkriegen und alle Kinder mit und seit dem neunten Lebensjahr die Textstrophen zu «Oh, Tannenbaum» in allen erdenklichen Variationen mit Absicht falsch singen.

Wenn man darüber nachdenkt, geht diese Konditionierung von Melodie und Text weit über den Soundtrack der Adventszeit hinaus. Wir geraten täglich in Situationen, in denen uns das blosse Hören eines bestimmten Songs zurückwirft. In die Kindheit, eine nächtliche Autofahrt übers Land, den letzten Sommer am See oder einen verirrten und zugleich ausgelassenen Moment an einer tschechischen Busstation.

Es muss nicht mal das komplette Stück sein, es reichen schon einzelne Passagen oder ein einziges Schlagwort. Selbst wenn ich einen skandinavischen Thriller lese, in dem ein psychopathischer Eisenwarenhändler eine brünette Literaturwissenschaftsstudentin durch die Wälder Lapplands jagt, um sie mit einem rostzerfressenen Teppichmessern zu vierteilen – steht da ein Satz wie: «Atemlos versteckte sie sich hinter einem Baum», so habe ich Helene Fischer im Ohr. Von null auf hundert, ungeachtet der Umstände. Und während die totgemesserte Studentin zwischen Fichten und Föhren in ihrem eigenen Blut liegen bleibt und sich der Mörder auf die Suche nach seinem nächsten Opfer macht, summt es in meinem Kopf noch immer: «Oh oh, Oh oh!»

Ich bin überzeugt, dass sich unsere Generation davon nicht mehr erholen wird. Und von vielen anderen Songs auch nicht mehr. Mittlerweile kann man ja nicht mal mehr einfach Handynummern austauschen, ohne dass jemand nach den ersten drei diktierten Ziffern «Hett sie gseit» murmelt. Nervig? Schon. Verzichtbar? Keinesfalls. Viel zu viel würde in Vergessenheit geraten. Nicht nur persönliche Anekdoten, ganze Kulturströmungen bauen doch auf ihrer eigenen musikalischen Untermalung. Ohne «Drei Haselnüsse für Aschenbrödel» ist halt einfach kein richtiges Weihnachten. Und auch all die anderen Klassiker braucht’s. Vielleicht nur nicht 13 Mal pro Tag denselben. Vermutlich wissen mittlerweile auch alle, dass der Sänger von «Last Christmas» an einem Heiligabend gestorben ist und als eingetragener Organspender somit tatsächlich an Weihnachten jemandem sein Herz gegeben hat. Das muss nicht jedes Jahr erwähnt werden. Wir wollen lieber an unsere eigenen Erinnerungen zurückdenken. An eine Lichterkette mit Wackelkontakt, verbranntes Rotkraut und geschmolzene Christbaumkugeln.

Eva Oberli ist Schülerin am Gymnasium in Muttenz und wohnt auf einem Bauernhof in Niederdorf.

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