Sonderpädagogik
Ein Muttenzer Kleinklassenlehrer redet Klartext: «Irgendwann ist das Feuer in den Regelklassen zu gross»

Im Gegensatz zu Basel-Stadt hat Baselland die Kleinklassen für verhaltensauffällige oder lernschwache Schüler nie aufgelöst, aber reduziert. Robert Christener von der Primarschule Muttenz glaubt, dass separativer Unterricht wieder wichtiger wird.

Michael Nittnaus
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Kleinklassen wird es weiter geben, ist Christener überzeugt. (Symbolbild)

Kleinklassen wird es weiter geben, ist Christener überzeugt. (Symbolbild)

Rolf Jenni

Dieser Mann weiss, wovon er spricht: Robert Christener unterrichtet seit mehr als 20 Jahren in Kleinklassen. Zurzeit ist der 55-Jährige Lehrer einer 6. Klasse an der Primarschule Muttenz. Der Primarlehrer bildete sich zum schulischen Heilpädagogen weiter und betreut zusammen mit einer Zweitlehrperson maximal 13 Kinder. In den vergangenen Jahren leistete er aber auch Einsätze in Regelklassen. Dies im Rahmen der Integrativen Schulungsform (ISF), bei welcher ein Heilpädagoge einzelne Kinder einer Regelklasse während zwei bis vier Lektionen pro Woche und Schüler gezielt mitbetreut. Er kennt also beide Welten, integrativ wie separativ.

Immer wieder bleibt die Integration der Schüler ein Wunschtraum.

«Integration ist per se ein tolles Wort. Wer möchte sein Kind schon nicht integrieren?», sagt Christener beim Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende», nur um anzufügen: «Immer wieder bleibt es aber ein Wunschtraum.» Sozial könne die Integration gelingen, doch häufig reiche die schulische Unterstützung nicht aus. Werden verhaltensauffällige oder lernschwache Kinder in eine Regelklasse integriert, kämen heute je nach Situation mehrfach Heil- oder Sozialpädagogen, Logopäden oder Audiopädagogen in den Unterricht. «Diese Art Störfelder nehmen zu, sie bringen Unruhe.», so Christener.

Mit zunehmenden Alter und Leistungsdruck würden sich überforderte Kinder dann immer stärker wehren, bei nichts mehr mitmachen oder aktiv den Unterricht stören. «Das möchte man natürlich vermeiden, aber in einer grossen Klasse sind solche Probleme schwierig aufzufangen.»

Auch in Integrationsklassen werden Schüler teils separiert

In Integrationsklassen (IK) funktioniere die Integration wohl besser als beim ISF-Modell, so Christener. In IKs werden innerhalb einer Regelklasse drei bis fünf Schüler mit Behinderung gruppenweise unterrichtet und speziell gefördert. Wenn es nötig ist, kann auf verschiedene Räume ausgewichen werden. In Muttenz steht denn auch jeder IK fix ein zweites Schulzimmer zur freien Verfügung. «So gesehen finde ich IKs ein tolles Modell, da sich ein Heilpädagoge zusammen mit einem Praktikanten falls nötig in einem separaten Raum um maximal fünf Schüler kümmern kann», sagt Christener. Ob dies der Sinn einer IK sei, dann eben doch wieder zu separieren, sei eine andere Frage.

 Robert Christener.

Robert Christener.

Zur Verfügung gestellt

Integration um jeden Preis ist für den erfahrenen Lehrer der falsche Weg. Am Ende müsse es für das Kind, die ganze Klasse, die Eltern und die Lehrer stimmen. Dass erst vergangenen Sommer das Baselbieter Bildungsgesetz im Bereich Sonderpädagogik angepasst wurde und explizit den integrativen Unterricht priorisiert, verunsichert Christener nicht, zumal Kleinklassen weiterhin erwähnt seien. «Kleinklassen werden in Baselland nicht aussterben. Ich glaube, dass der Ruf nach ihnen sogar wieder stärker wird.»

Die Kleinklassen in den oberen Stufen sind voll besetzt

Weshalb dem so sein könnte, zeige ihm der Schulalltag. «Kürzlich wurde ein Schüler zu mir versetzt, weil er in der Regelklasse nur noch störte, sich regelrecht renitent verhielt. Bei mir fühlte er sich wohler und motivierter. Er fand wieder den Zugang zum Lernen und organisiert nun ganz alleine eine Führung durch Basel für die ganze Klasse», erzählt Christener. In einer Kleinklasse sei es eben viel familiärer und die Kinder bauten eine starke Beziehung zur Lehrperson auf. Gleichzeitig reduziere die Kleinklasse den Leistungsdruck, da der Lehrer in Eigenkompetenz von den Lernzielen abweichen und die Kinder individuell fördern kann.

Der mit jedem Schuljahr zunehmende Druck ist es denn auch, den Christener für viele Probleme verantwortlich macht. So seien die Kleinklassen der unteren Stufen oft nur zu zwei Dritteln gefüllt, jene der fünften und sechsten Primar dann mit 13 Plätzen voll besetzt. «Die Probleme der Kinder stauen sich an. Irgendwann ist das Feuer in den Regelklassen dann zu gross», sagt er.

Eltern wehren sich zuerst, seien dann aber oft erleichtert

Diese Tendenz hätte sich in den vergangenen Jahren verstärkt. Der Muttenzer weiss: Niemand schickt sein Kind anfangs gerne in eine Kleinklasse, oft wehren sich Eltern lange. Über Einführungsklassen, fächerspezifischen Förderunterricht oder ISF werde erst alles ausgeschöpft. «Ist das Kind dann doch in der Kleinklasse angelangt, spüre ich an den Elterngesprächen oft grosse Erleichterung, weil sie sehen, wie es hilft. Das tut dann auch mir gut.»

Kleinklassen können die Probleme nicht alleine lösen. Aber würden sie aufgelöst, würde das die Regelklassen sprengen.

Christener wehrt sich gegen das Vorurteil, dass Kleinklassenschüler praktisch schon als spätere IV-Bezüger feststehen. «Sie haben sicher oft schulische Schwierigkeiten. Doch viele schaffen es, eine Ausbildung zu absolvieren und danach in einen Arbeitsprozess einzutreten.» Im Sekundarniveau A sei das System sehr durchlässig und immer wieder würden Schüler wieder in eine Regelklasse integriert.

Christener glaubt noch aus einem anderen Grund an den Fortbestand des separativen Unterrichts: «Kleinklassen können die Probleme nicht alleine lösen. Aber würden sie aufgelöst, würde das die Regelklassen sprengen.»