Dichtermuseum Liestal
Dieser Mann begeisterte rebellische junge Männer mit Versen– auch Emma Sigmund (Herwegh) konnte ihm nicht widerstehen

Der deutsche Dichter Georg Herwegh (1817–1875) wurde in Liestal begraben und dort mit einem Denkmal verewigt. Warum eigentlich? Und weshalb wurde der Platz vor der Kantonsbibliothek Liestal nach seiner Frau Emma Herwegh benannt? Wer waren die beiden?

Martin Stohler
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Georg Herwegh war ein Kind seiner Zeit: Dichter, Revolutionär und Romantiker in Personalunion.

Georg Herwegh war ein Kind seiner Zeit: Dichter, Revolutionär und Romantiker in Personalunion.

Dichter- und Stadtmuseum Liestal

Georg Herwegh wurde am 31. Mai 1817 als Sohn von Wirtsleuten in Stuttgart geboren. Als er dreizehn Jahre alt war, erschütterte die Pariser Julirevolution Frankreich. Das politische Beben war auch in den umliegenden Ländern zu spüren.

1835 begann Herwegh als Stipendiat des Tübinger Stifts ein Studium der Theologie und der Rechtswissenschaften. Es dauerte indessen nicht lange, und Herwegh wurde wegen Aufsässigkeit aus dem Stift gewiesen. Darauf widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete an Zeitschriften mit. 1839 fand er es ratsam, sich nach einem Streit mit einem württembergischen Offizier in die Schweiz abzusetzen. Hier schloss er sich in Zürich deutschen Oppositionellen an und arbeitete an seinem ersten Gedichtband.

Eine offene Ehe in revolutionärer Zeit

Die Revolutionärin Emma Herwegh (1817–1904), geborene Sigmund, stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Herwegh lernte Emma kennen, als er während seiner Deutschland-Tournee 1842 nach Berlin kam. Die beiden heirateten am 8. März 1843 in Baden.

Ihren Wohnsitz nahmen die beiden in Paris, später in Zürich und Baden-Baden. Im April 1848 war Emma mit der Deutschen Demokratischen Legion unterwegs, deren politischer Leiter Herwegh war. Dabei reiste sie von Frankreich aus inkognito nach Deutschland, um den Kontakt zu den dortigen Aufständischen herzustellen. Trotz verschiedener Affären blieben Emma und Georg ein Paar. Nach Herweghs Tod im Jahr 1875 lebte Emma in Paris. Dort verstarb sie am 24. März 1904. Ihre letzte Ruhestätte fand sie an der Seite ihres Gemahls in Liestal.

 Emma Herwegh war zeitlebens für die republikanische Sache unterwegs.

Emma Herwegh war zeitlebens für die republikanische Sache unterwegs.

Dichter- und Stadtmuseum Liestal

Mit seinen 1841 erschienenen «Gedichten eines Lebendigen» gelang ihm auf Anhieb ein Bestseller. Mehr als 16'000 Exemplare – für damalige Verhältnisse eine stattliche Zahl – wurden in anderthalb Jahren verkauft. Einige der Gedichte kamen einem Aufruf zur Rebellion gleich: «Reisst die Kreuze aus der Erden! / Alle sollen Schwerter werden, / Gott im Himmel wird’s verzeihn. / Gen Tyrannen und Philister! / auch das Schwert hat seine Priester, / und wir wollen Priester sein.»

Solche Verse begeisterten nicht nur rebellische junge Männer, sondern auch die Kaufmannstochter Emma Sigmund in Berlin. Herwegh lernte die überzeugte Republikanerin im November 1842 während einer triumphalen Lesereise durch Deutschland kennen. Die Heirat war schon bald beschlossene Sache. Bei der Beschaffung der dazu erforderlichen Dokumente machten die preussische und die württembergische Bürokratie jedoch Schwierigkeiten. Da ermöglichte den beiden der damals liberale Kanton Aargau die Heirat ganz unbürokratisch. Die Trauung fand am 8. März 1843 in Baden statt.

In der französischen Metropole

In Zürich hatten in der Zwischenzeit einige der deutschen Emigranten, unter ihnen der Kommunist Wilhelm Weitling, den Unwillen der konservativen Regierung geweckt, und diese traf Anstalten, die suspekten Fremden auszuweisen. So kam es, dass Herwegh 1843 das Bürgerrecht von Augst und das Baselbieter Staatsbürgerrecht erwarb. Das frisch verheiratete Paar zog allerdings nicht nach Baselland, sondern begab sich erst einmal auf die Hochzeitsreise und liess sich dann in Paris nieder.

1848 kam die von Herwegh erwartete und begrüsste Revolution. In Frankreich stürzte im Februar der Bürgerkönig Louis-Philippe, in Deutschland gärte es. Unter dem Eindruck der Ereignisse bildeten deutsche Handwerker in Paris die Deutsche Demokratische Legion, die den Brüdern in Süddeutschland zu Hilfe eilen wollte. Als politischen Leiter des Unternehmens setzten sie Herwegh ein. Der schlecht ausgerüstete Freischarenzug wurde zum Fiasko. Georg und Emma Herwegh gelang mit viel Glück die Flucht in die Schweiz.

Die Erfindung des Dichtermuseums

Georg Herwegh publizierte 1841 mit seinen «Gedichten eines Lebendigen» auf Anhieb einen Bestseller. Ein solcher Erfolg gelang ihm später nicht mehr. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 sah er sich zudem heftigen Angriffen von nationalistischen Kreisen ausgesetzt, weil er die deutsche Einigung unter Bismarcks Fuchtel ablehnte. Es überrascht daher kaum, dass in der Zeit nach Herweghs Tod kein Verlag das Verlangen verspürte, sein gesammeltes Werk herauszugeben. So kam es erst 1909 zu einer kleinen Werkausgabe mit Gedichten und kritischen Aufsätzen.

Der Anstoss zu einer historisch-kritischen Werkausgabe erfolgte erst durch den deutschen Antifaschisten Bruno Kaiser (1911–1982). Kaiser, dem die Flucht in die Schweiz geglückt war, wusste, dass ein Teil des Nachlasses von Georg und Emma Herwegh im Liestaler Rathaus eingelagert war. Er ordnete diesen in mehrjähriger Arbeit und richtete in einem Raum des Gebäudes eine Herwegh-Ausstellung ein.

Diese bildete den Grundstock des heutigen Dichter- und Stadtmuseums. Zudem stellte Kaiser aus den vorgefundenen Materialien und verstreuten Zeitungsdrucken eine Textsammlung zusammen, die 1948 im Berliner Verlag Volk und Welt unter dem Titel «Der Freiheit eine Gasse – aus dem Leben Georg Herweghs» erschien.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland trieb Kaiser die Arbeiten an der Herwegh-Ausgabe in der DDR im Rahmen des Instituts für deutsche Sprache und Literatur der Deutschen Akademie der Wissenschaften voran. Die aufwendigen Arbeiten mussten zeitweise zugunsten von anderen Projekten zurückgestellt werden. Mit dem Zusammenbruch der DDR entfiel auch der institutionelle Rahmen. So ist es insbesondere Ingrid Pepperle, einer langjährigen Mitarbeiterin Bruno Kaisers, zu verdanken, dass die Arbeiten an der Herwegh-Ausgabe nicht eingestellt wurden. Ab 2003 führte sie diese zusammen mit ihrem Ehemann Heinz und Hendrik Stein ohne Förderung auf privater Basis weiter. Im Sommer 2019 ist nun im Bielefelder Aisthesis-Verlag der letzte Band der sechsbändigen Herwegh-Ausgabe erschienen.

www.georgherwegh-edition.de

Lethargie und Opposition

Das Scheitern der Revolutionen von 1848/49 stimmte Herwegh pessimistisch, eine unglückliche Affäre mit der Ehefrau des russischen Publizisten Alexander Herzen machte ihm zu schaffen und war seinem Ruf nicht förderlich. Dazu kamen finanzielle Sorgen und Schulden. Die grosse Bibliothek musste verkauft werden, und die Herweghs zogen 1866 von Zürich, wo sie sich vorübergehend niedergelassen hatten, nach Baden-Baden.

Als sich in den 1860er-Jahren die Arbeiterbewegung zu formieren begann, stand Herwegh nicht abseits. So dichtete er 1863 das «Bundeslied» für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein. Darin finden sich die auch heute manchmal noch zitierten Zeilen: «Mann der Arbeit, aufgewacht! / Und erkenne deine Macht! / Alle Räder stehen still, / wenn dein starker Arm es will.»

Die deutsche Kleinstaaterei lehnte Herwegh ebenso ab wie die Reichsgründung unter Preussens Führung nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Eine Haltung, die im vom Triumphgefühl ergriffenen Deutschland auf Ablehnung stiess, zumal Herwegh kein Blatt vor den Mund nahm. So schrieb er im «Epilog zum Krieg 1871»: «Schwarz, weiss und rot! Um ein Panier / vereinigt stehen Süd und Norden; / du bist im ruhmgekrönten Morden / das erste Land der Welt geworden: / Germania, mir graut vor dir.»

In Liestal, im «Heimatkanton» begraben

In diesem Deutschland mochte Herwegh nicht begraben werden. Als er am 17. April 1875 überraschend in Baden-Baden verstarb, sorgte Emma Herwegh dafür, dass seine Leiche nach Liestal überführt wurde, wo Georg Herwegh seinem Wunsch gemäss in seinem «Heimatkanton, in freier republikanischer Erde» begraben wurde.

1904 errichteten ihm Schweizer und deutsche Arbeitervereine in der Nähe des Bahnhofs ein Denkmal. Im selben Jahr war auch Emma Herwegh verstorben und in Liestal beigesetzt worden. In der Folge vermachte Marcel Herwegh der Stadt Liestal wesentliche Teile des elterlichen Nachlasses mit der Auflage, ein Museum einzurichten. Sie befinden sich heute im Dichter- und Stadtmuseum Liestal.

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