Sissacher Sigristin
Die Frau für fast alle Kirchenfälle: Weihnachten und Corona geben viel zu tun

Was Sigristin Martina Jüngling zur Weihnachts- und Coronazeit in der reformierten Kirche Sissach alles zu tun hat.

Simon Tschopp
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Martina Jüngling in ihrem «Reich», der Kirche in Sissach.

Martina Jüngling in ihrem «Reich», der Kirche in Sissach.

Roland Schmid

Adventszeit ist Konzertzeit. In der reformierten Kirche in Sissach treten stets in den Wochen vor Weihnachten Chöre, Musikschule und andere Formationen auf. Heuer ist das anders. Wegen Corona ist bloss ein Minimalprogramm möglich. Dennoch hat Martina Jüngling als Sigristin im Advent und an Weihnachten mehr zu bewältigen als üblich.

Abgebrannte Kerzen wechseln, Weihnachtsbaum schmücken. Mit dem Familien- und dem Mitternachtsgottesdienst kommt es am Heiligabend gleich zu zwei Anlässen. Am Weihnachtstag wird im Gottesdienst das Abendmahl gefeiert; Brot, Wein oder Traubensaft organisiert die Sigristin. Diese hat zusätzlich Corona-Aufgaben wahrzunehmen: Adressen und Telefonnummern der Kirchgänger aufnehmen, Desinfektionsmittel bereitstellen. «Zu Beginn war es sehr streng – immer Plakate wechseln, weil neue Vorschriften erlassen wurden», blickt Jüngling auf die erste Welle zurück. Sie habe auch innerlichen Druck verspürt: «Jetzt hast du da und dort etwas angefasst. Das war für mich schwierig. Nun geht es.»

Als an einer Hochzeit der Pfarrer zu spät kam

Martina Jüngling ist seit exakt drei Jahren vollamtliche Sigristin im Bezirkshauptort. 2009 stieg sie in Arisdorf, wo sie wohnt und regelmässig Gottesdienste besuchte, in diese Tätigkeit ein. Nach dem Tod des damaligen Sigristen übernahm Jüngling dessen Amt als Nebenbeschäftigung. Mit ihren zwei kleinen Kindern liess sich das gut arrangieren, sie musste aber flexibel sein. «Einst musste ich gleich dreimal einen Zahnarzttermin verschieben.»

Sie schildert eine Anekdote, die sie in Arisdorf erlebt hat. An einer Hochzeit. Die Braut wartete vor, der Bräutigam mit den Gästen in der Kirche. «Alle waren da, nur der Pfarrer fehlte, ein auswärtiger, den ich nicht kannte. Plötzlich tauchte der Pfarrer auf.» Er hatte sich im Beginn der Trauung um eine halbe Stunde getäuscht.

Umfangreiches Pflichtenheft

Das Arbeitsfeld der 47-Jährigen ist vielfältig. Sie ist da für die Sissacher Kirche und Kirchgemeinde. Schaut, dass das Gotteshaus sauber und geputzt ist. Sie ist zuständig fürs Material, dekoriert die Kirche. Vor Gottesdiensten – dazu erhält sie von der jeweiligen Pfarrperson einen Ablaufplan – begrüsst sie die Leute, verteilt Gesangbücher, wenn gesungen werden darf. Danach geht’s ans Aufräumen. Für die Umgebung ist Martina Jüngling ebenfalls verantwortlich. Das Pflichtenheft der kirchlichen Hauswartin ist umfangreich.

Dankbarkeit bedeute ihr viel, sagt Jüngling.

Dankbarkeit bedeute ihr viel, sagt Jüngling.

Roland Schmid

Der grösste Lohn für die Sigristin ist, wenn sie von Kirchgängerinnen und Kirchgängern für ihre Arbeit und ihre Art gelobt wird. Es gebe viele Leute, die dankbar seien. Da spüre sie, dass sie respektiert und ihre Tätigkeit geschätzt werde. Was sie am liebsten macht, hängt von ihrer Stimmung ab. «Manchmal sitze ich gerne im Gottesdienst mit dem speziellen Ambiente. Wenn das Wetter stimmt, mähe ich aber auch gerne den Rasen», erzählt Jüngling, die zudem Funktionen im Begegnungszentrum Jakobshof erfüllt.

Sie hätten Pfarrer, «die sehr gut predigen. Ich kann mich nicht beschweren»

Während Gottesdiensten hat sie primär die Mikrofonanlage zu betreuen. Sie bedient vereinzelt das Geläut, das grösstenteils programmiert ist. Martina Jünglings Augen streifen durch die Zuhörerreihen; sie ist dafür besorgt, dass sich an Veranstaltungen in der Kirche alle wohlfühlen. Schon hat sie jemandem bei einem Hustenanfall ein Glas Wasser gereicht. Oder bei «schnädernden» Konfirmanden setzt sie sich hinter diese. «Ab und zu macht das Eindruck, manchmal weniger», meint Jüngling lachend. So etwas lenke sie jedoch ab. Aber sonst könne sie den Predigten immer gut folgen. Sie hätten Pfarrer, «die sehr gut predigen. Ich kann mich nicht beschweren».

Keine besondere Frömmigkeit leben

Abdankungen sind für die Sissacher Sigristin emotional und je nach Lebensgeschichte «sehr berührend». Sie musste schon Tränen verdrücken, das gehe unter die Haut. Bei den einen Abdankungsfeiern könne sie sich besser, bei anderen weniger gut abgrenzen. «Bis jetzt hatte ich zum Glück noch nie eine Beisetzung eines Kindes. Ich wüsste nicht, wie ich damit umgehen könnte», sagt Martina Jüngling nachdenklich.

Dass der Kirchenbesuch im Vergleich zu früher stark zurückgegangen ist, dafür macht sie Beruf und Freizeit aus. Mit der Allzeit-bereit-Mentalität sei der Druck gestiegen, und öfters seien Wochenenden mit Aktivitäten verplant, sodass keine Zeit mehr bleibe, in die Kirche zu gehen. «Uns geht es zu gut», schiebt sie nach.

Freude an Leuten und Begegnungen

Jüngling ist der Ansicht, man müsse als Sigristin keine besondere Frömmigkeit leben. Die Freude an Leuten und Begegnungen sei wichtig. Die Botschaften der Kirche teilt sie. In Gottesdiensten findet sie ihren Frieden. Die hiesige Kirche hatte sie vermisst, als sie während eines Jahrzehnts in der kanadischen Provinz British Columbia lebte. Dort gebe es unzählige Kirchen und Kirchgemeinden, berichtet sie. «Wenn es dir in der einen nicht gefällt, gehst du in die nächste. Und wenns auch dort nicht passt, gründest du eine neue.»