Corona
Das Virus trifft Alterszentren unterschiedlich hart, wie das Beispiel Muttenz eindrücklich aufzeigt

Im Alters- und Pflegeheim Zum Park wurden bisland 86 positive Fälle und 17 Tote registriert. Im 600 Meter Luftlinie entfernten Alters- und Pflegeheim Käppeli wurde jedoch keine einzige Infektion unter den Bewohnern festgestellt. Nur gerade vier Mitarbeitende seien positiv getestet worden.

Tobias Gfeller
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Im Altersheim «Käppeli» hat es bisher unter den Bewohnern keine einzige Infektion gegeben.

Im Altersheim «Käppeli» hat es bisher unter den Bewohnern keine einzige Infektion gegeben.

Kenneth Nars (13. Januar 2021

Das Coronarätsel von Muttenz: Im Alters- und Pflegeheim Zum Park starben in den vergangenen zwei Monaten 17 Bewohnerinnen und Bewohner an Covid-19. Insgesamt wurden seit Anfang November 50 Bewohnerinnen und Bewohner und 36 Mitarbeitende positiv auf das Coronavirus getestet. Die Situation war schwierig. Mehrere Abteilungen wurden auf Anraten des kantonsärztlichen Diensts geschlossen. Mittlerweile habe sich die Situation dank konsequentem Eingreifen entspannt, sagt Heimleiter Beat Brunner.

Im 600 Meter Luftlinie entfernten Alters- und Pflegeheim Käppeli eine ganz andere Situation: Bisher wurde hier keine einzige Infektion unter den Bewohnern festgestellt. Nur gerade vier Mitarbeitende seien positiv getestet worden, die zu diesem Zeitpunkt erst noch nicht bei der Arbeit waren, verrät Heimleiterin Ellen Wieber. Dass beide Heime unter dem identischen Trägerverein operieren, laut Wieber grundsätzlich die gleichen Schutzmassnahmen anwenden und auf Ebene Heimleitung sich wöchentlich austauschen, macht das Rätsel umso komplexer. Wie kann es sein, dass bei ähnlichen Voraussetzungen zwei Alters- und Pflegeheime derart unterschiedlich von der Coronapandemie getroffen werden?

Ansteckungsgefahr ist in grossen Heimen grösser

Diese Frage beschäftigt auch den zuständigen Muttenzer Gemeinderat Roger Boerlin (SP), der an der Gemeindeversammlung am vergangenen Samstag mit bewegenden Worten Stellung dazu nahm. Eine Erklärung konnte aber auch er nicht liefern. Für Ellen Wieber ist indes klar: «Wir hatten bis anhin einfach Glück.» Möglicherweise sei es ein Vorteil, dass das Käppeli kleiner ist als das Zum Park. Das glaubt auch Beat Brunner: «Man muss bedenken, dass die Anzahl Personen, die ein- und ausgehen, bei uns viel grösser ist. Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus eingeschleppt wird, logischerweise auch.»

Das Alters- und Pflegeheim Käppeli hat eine eigene Teststation im Haus, um rasch reagieren zu können, falls jemand im Haus Symptome zeigt. Vier Mitarbeitende wurden dafür extra im kantonalen Testcenter ausgebildet. Besucherinnen und Besucher müssen am Eingang Temperatur messen. Die Mitarbeitenden werden angeregt, auch im Privaten vorsichtig zu sein. Denn wie diszipliniert die Mitarbeitenden und Angehörigen sind und wie gut die Schutzkonzepte in den Heimen selbst funktionieren, entscheidet im Wesentlichen, ob und wie stark ein Heim von der Pandemie getroffen wird. Beim Heim Zum Park war es gemäss Beat Brunner eine Angehörige, welche die erste Ansteckungswelle Anfang November auslöste. Bei der zweiten Welle sei die Quelle nicht bekannt. Es kam aber zu Ansteckungen im Speisesaal.

Eine Angehörige kam trotz Symptomen mehrmals auf Besuch

Der Abhängigkeit der Heime von den Mitarbeitenden und besuchenden Angehörigen ist man sich im Madle in Pratteln bewusst, betont Heimleiterin Nicole Kneubühler. «Es geht nur zusammen. Wir versuchen, sowohl unsere Mitarbeitenden als auch die Angehörigen zu sensibilisieren und zu motivieren. Mit möglichst viel Transparenz wollen wir alle mit ins Boot holen.» Bis anhin funktioniert es sehr gut, noch keine Bewohnerin und kein Bewohner wurde infiziert.

Doch wie fragil das System ist, zeigte ein Fall im Madle, als eine Angehörige trotz Symptomen mehrfach auf Besuch kam und niemand etwas davon wusste. Es war Glück und dem Schutzkonzept im Innern zu verdanken, dass im Heim niemand angesteckt wurde. Denn ein Test ergab später, dass die Angehörige coronainfiziert war. Seitdem werden wieder alle Besucher am Eingang empfangen und zu ihrem Wohlbefinden befragt. Auf Fiebermessen wird indes bewusst verzichtet. Für Heimleiterin Kneubühler ist klar: «Es geht nicht darum, die strengsten Massnahmen zu haben, sondern die richtigen, und diese dann konsequent umzusetzen.» Man müsse das Glück erzwingen, die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass es zu keinen Fällen kommt.

«Entscheidungsfreudig und kompromisslos»

Schutzmassnahmen früh und konsequent umgesetzt haben auch die Verantwortlichen im Alters- und Pflegeheim Frenkenbündten in Liestal, das zu den grössten Heimen im Kanton gehört. Dass sein Heim bisher keine Fälle bei Bewohnerinnen und Bewohnern zu beklagen hat, sei einerseits sicher auch Glück, glaubt Heimleiter Bernhard Fringeli. Anderseits aber auch die Folge der richtigen und eben dann auch konsequent umgesetzten Schutzmassnahmen. «Wir waren stets entscheidungsfreudig und kompromisslos.»

Dieses Vorgehen sorge bei Mitarbeitenden und Angehörigen für Vertrauen. «Alle ziehen mit: von der Heimleitung über die Pflege, dem Küchenpersonal, der Reinigung und der Wäscherei.» Da komme es auch mal vor, dass eine Mitarbeitende am Samstagabend dem Chef zu Hause anruft und fragt, was sie mit ihrem kratzenden Hals machen solle.

Beat Brunner vom stark getroffenen Muttenzer Alters- und Pflegeheim Zum Park relativiert die Todeszahlen aber auch und erinnert daran, dass in der Schweiz jährlich rund 1500 Personen an der Grippe sterben. «Sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner, die bei uns in den vergangenen zwei Monaten an Covid-19 gestorben sind, waren von der Atmung oder der Vitalität her schon sehr eingeschränkt und wären wohl auch ohne Corona in diesem Winter verstorben.»