Landkrimi
Chaotischer Prozessauftakt: Die Angeklagten im Mordfall Metzerlen stehen vor Gericht

Die Männer, die den Metzerler Ammann getötet haben sollen, stehen vor Gericht. Um die Tat ging es zunächst kaum.

Dimitri Hofer
Merken
Drucken
Teilen

Normal ist an diesem ersten Verhandlungstag kaum etwas: Der Prozess findet an einem geheimen Ort unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Einer der Angeklagten taucht nicht vor Gericht auf. Die Amtsgerichtspräsidentin entscheidet, die Verhandlungen zu unterbrechen und erst am Freitag wieder aufzunehmen.

Dazu, sein Plädoyer zu halten, kommt der Solothurner Staatsanwalt Raphael Stüdi in der zum Gerichtssaal umfunktionierten Turnhalle noch nicht. Die Journalisten, die über Video dem Geschehen beiwohnen können, erhalten die Anklageschriften vor Prozessbeginn. Darin schildert die Staatsanwaltschaft, was sich am 14. März 2010 abgespielt haben soll. Ein heute 43-jähriger Serbe und ein heute 41-jähriger Holländer sollen Ivo Borer, den Gemeindepräsidenten von Metzerlen-Mariastein, in seinem Haus mit Kabelbindern gefesselt und ihn so schwer verletzt haben, dass er später im Spital daran starb.

Statt Millionen erbeuten die Täter zwei Schlüssel

Dem 70-jährigen Schwarzbuben sei mit einem scharfkantigen Gegenstand mindestens acht Mal wuchtig auf den Kopf geschlagen worden, schreibt die Staatsanwaltschaft. Borer erlitt durch die Schläge schwere Kopfverletzungen. Die Hirndefekte führten zu einer Halbseitenlähmung und Epilepsie. Die Tötung sei besonders skrupellos, da sie im Zuge eines Raubüberfalls geschah. «Um den Diebstahl zu ermöglichen, musste der Widerstand des Geschädigten mit Gewalt gebrochen werden, die schliesslich zum Tod führte, was die Beteiligten billigten oder gar wollten.» Ein Menschenleben sei wegen materieller Werte geopfert worden.

Während die beiden Beschuldigten die Liegenschaft in Metzerlen nach Wertsachen durchsuchten, wartete ein weiterer Angeklagter draussen. Ihm wird zur Last gelegt, die Tat organisiert, die beiden Hauptbeschuldigten zum Tatort gefahren und ihnen schliesslich zur Flucht verholfen zu haben. Der heute 66-jährige Montenegriner habe «als Kopf der Bande den Raubüberfall vorsätzlich» geplant. Von einer mittlerweile verstorbenen Frau habe er erfahren, «dass im Haus des Geschädigten eine Million Bargeld oder mehr geraubt werden kann». Auf derartige Summen stiessen die Männer nicht. Sie erbeuteten lediglich einen Hausschlüssel und einen Autoschlüssel.

Mutmassliche Täter konnten am ersten Prozesstag nicht Stellung nehmen

Stellung nehmen zu ihren mutmasslichen Taten können die drei Männer am ersten Prozesstag nicht. Ob die Beschuldigten, wie im Vorfeld gemunkelt wurde, der international tätigen Juwelenräubergruppe Pink Panthers angehören, kommt nicht zur Sprache. Die Arbeit der eigens aufgebotenen serbischen Dolmetscherin hält sich in Grenzen. Ein vierter Angeklagte, der gemeinsam mit dem Holländer einen Diebstahl auf ein Schmuckgeschäft in Spreitenbach begangen haben soll, war gar nicht erst zum Prozess erschienen. Sein Anwalt erklärt, er habe versucht, den Mandanten telefonisch zu erreichen.

Beim Fernbleiben handelt es sich nur um eine Episode eines äussert chaotischen Prozessauftakts. Der erste Tag ist geprägt von juristischem Vorgeplänkel. Bereits am Vormittag müssen die Verhandlungen für eine Stunde unterbrochen werden, damit Staatsanwalt Stüdi die vorgebrachten Beweisanträge des Verteidigers eines Beschuldigten beantworten kann.

Anwälte kritisieren Arbeit der Staatsanwaltschaft

Die Anwälte äussern mehrmals verfahrensrechtliche Kritik an der Ermittlungsarbeit der Staatsanwaltschaft. Ihre zahlreichen Beweisanträge haben sogar zu Folge, dass der erste Tag vorbei ist, bevor er richtig beginnen konnte. «Es sind viele Beweisanträge eingegangen. Diese können wir nicht in zwei Stunden behandeln. Wir fahren am Freitagmorgen weiter», sagt Amtsgerichtspräsidentin Georgia Marcionelli Gysin nach der Mittagspause. Die Anwesenden reagieren leicht verdutzt.

Eines wird am ersten Verhandlungstag sehr deutlich: Der Prozess ist eine Herausforderung für alle Beteiligten - für die Staatsanwaltschaft des Kantons Solothurn, für das zuständige Richteramt Dorneck-Thierstein und für die Verteidiger der Angeklagten. Sie alle haben nun drei Tage Zeit, um dafür zu sorgen, dass der zweite Prozesstag nicht derart kurios abläuft wie der erste.