Private Unterbringung
Baselland verzögert die sofortige Aufnahme von Flüchtlingen

Familie Benz aus Liestal ist einem Aufruf der Flüchtlingshilfe gefolgt und hat sich freiwillig gemeldet, syrische Flüchtlinge bei sich zuhause aufzunehmen. Doch beide Parteien mussten lange auf grünes Licht vom Baselbieter Sozialamt warten.

Leif Simonsen
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Hilfsbereit: Die Familie Benz möchte syrische Flüchtlinge unterbringen. Dies scheiterte bisher an der Bürokratie.

Hilfsbereit: Die Familie Benz möchte syrische Flüchtlinge unterbringen. Dies scheiterte bisher an der Bürokratie.

Kenneth Nars

Für Millionen syrische Flüchtlinge zählt derzeit jeder Tag. Im Baselbiet aber lässt man sich Zeit. Vor acht Monaten hat die Liestaler Familie Benz auf einen Aufruf der Schweizer Flüchtlingshilfe reagiert. Die Familie ist gewillt, Notleidende im privaten Rahmen unterzubringen. «Wir kennen Menschen im Mittleren Osten und haben genug Platz», sagt Franz Benz. «Wir wollen in der jetzigen Situation so schnell wie möglich handeln.»

Tatsächlich zeigt der Augenschein bei ihnen zu Hause: Die Betten sind gemacht – aber seit Wochen unbenutzt. Ein Vertreter der Flüchtlingshilfe war an Pfingsten zu Besuch, um sich darüber zu vergewissern, dass bei der Familie Benz genug geeigneter Platz vorhanden ist. Schliesslich geht es um die Unterbringung von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen, die voraussichtlich längere Zeit in der Schweiz sein werden. Nach der Besichtigung gab es von der Flüchtlingshilfe sofort grünes Licht. Im Rahmen eines Pilotprojekts will sie in der ganzen Schweiz die private Unterbringung von Flüchtlingen prüfen. Im Kanton Baselland haben sich gemäss Stefan Frey, Mediensprecher der Flüchtlingshilfe, zwei weitere interessierte Familien gemeldet.

Kanton reagierte erst gestern

Nachdem die Flüchtlingshilfe schliesslich den Antrag ans Baselbieter Sozialamt gestellt hatte, herrschte bis gestern Funkstille. «Es ist schade, dass wir Leute haben, die sich zur Verfügung stellen, und dann scheitert es an der Bürokratie», bedauert Frey. Erst durch die Medienanfrage sah sich das Sozialamt offenbar zum Handeln veranlasst: In einem Mail bestätigte es gestern der Flüchtlingshilfe, dass es die Bemühungen schätze, aber nicht koordinierend eingreifen werde. Die Sache liege bei den Gemeinden, schreibt der Kanton. René Frei, in Liestal Bereichsleiter Sicherheit und Soziales, relativiert: Nur wer sich im Asylverfahren befinde, für den sei die Gemeinde zuständig. Wenn sie aber den Status von vorläufig Aufgenommenen hätten, müssten sie sich selber um eine Unterkunft bemühen.

Derweilen im Baselbiet Verwirrung herrscht, ist das Projekt der privaten Unterbringung ansonsten gut gestartet. So haben sich schweizweit bereits 150 Interessenten bei der Flüchtlingshilfe gemeldet – und das, obwohl der Dachverband der Flüchtlingsorganisationen noch gar keine Kampagne lanciert hat. Die ersten Syrer und Eritreer werden voraussichtlich nach den Sommerferien im Kanton Waadt einquartiert. Gemäss Mediensprecher Frey sollen zunächst rund sechs Kantone am Projekt teilnehmen. Nicht mit dabei ist der Kanton Basel-Stadt. «Die private Platzierung von Flüchtlingen ist nicht einfach und auch nicht kurzfristig machbar. Denn die Anforderungen an die Privatpersonen müssen klar und ihre Unterstützung im Alltag sowie ihre Beratung aufgebaut und gewährleistet sein», begründet Nicole Wagner, Leiterin der Sozialhilfe.

Pilotprojekt bis im Winter

Die Flüchtlingshilfe überlässt im Rahmen ihres Projekts indes nichts dem Zufall, um Konflikte zu vermeiden. «Bevor der Zuweisungsentscheid gefällt wird, organisieren wir ein Meeting. Dann geben wir der Familie noch ein bis zwei Tage Bedenkzeit», erklärt Stefan Frey. Danach kann die Flüchtlingsfamilie einziehen. Von der privaten Unterbringung erhofft sich die Flüchtlingshilfe eine «Vermenschlichung» der Asyldebatte. Zum einen soll die Integration erleichtert werden. «So paradox es klingt: Wir machen die Erfahrung, dass die Ablehnung von Flüchtlingen dort am grössten ist, wo man am wenigsten von ihnen sieht», sagt Frey. Zum anderen stünden volkswirtschaftliche Überlegungen dahinter: Je besser sie integriert sind, desto schneller können sie auch im Arbeitsmarkt Fuss fassen – und damit die Sozialwerke entlasten.

Die Flüchtlingshilfe will Ende Jahr das Pilotprojekt abschliessen und danach die privaten Unterbringungen auf breiter Ebene anlegen. Dies aber nur, wenn sich die private Unterbringung von Flüchtlingen bewährt.

Mitarbeit: Christian Gentsch

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