Schilthorn
Baselbieter Bergsteiger erklimmt seinen 1000. Gipfel

Thomas Hägler war als erster Schweizer auf der Annapurna und bestieg viele weitere namhafte Gipfel dieser Welt – am Sonntag feierte er mit seinen wichtigsten Begleitern inmitten der Schweizer Bergwelt.

Andreas Hirsbrunner
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Häglers Alltag: in alpinistischer Vollmontur auf einem Berggipfel (Rosablanche).
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Auch das gibts: Thomas Hägler im vergangenen Juli auf einem knapp 6000 Meter hohen namenlosen Berg im indischen Kleintibet.
Der 60-jährige aus Hölstein ist ein erfolgreicher Alpinist, Orientierungsläufer und Cartoonist.

Häglers Alltag: in alpinistischer Vollmontur auf einem Berggipfel (Rosablanche).

bz Basellandschaftliche Zeitung

Sein Palmarès an Gipfelbesteigungen in der fast ganzen Welt ist weitherum einzigartig. Letzten Sonntag nun setzte Thomas Hägler aus Hölstein im Berner Oberland noch ein kleines Ausrufezeichen dahinter: Der 60-Jährige bestieg zusammen mit langjährigen Weggefährten das knapp 3'000 Meter hohe Schilthorn. Das war trotz Schnee für ihn natürlich keine Herausforderung, denn das Schilthorn ist mit einem Wanderweg erschlossen. Das Besondere war vielmehr, dass es sich um Häglers tausendste Besteigung eines Gipfels über 2'000 Meter handelte, die er oben im Drehrestaurant mit Blick auf Dutzende von erkletterten Bergspitzen gebührend feierte.

Mit dabei war auch der Liestaler Peter Siegrist, der als seinerzeitiger Leiter der SAC-Jugendorganisation Baselland beim jungen Hägler den lebenslangen Funken fürs Bergsteigen gezündet hatte. Siegrist sagt zu seinem Erfolgsrezept: «Ich versuchte, meine Begeisterung für die Berge weiterzugeben. Das ist mir bei Thomas Hägler besonders gut gelungen. Er startete fulminant und war fast bei jeder Tour mit grosser Freude dabei.» Siegrist, der bis heute mit Hägler Touren macht, bezeichnet seinen einstigen Lehrling als «alpinistisches Ausnahmetalent».

Zwischen Leben und Tod

Inzwischen hat Hägler seinen Mentor längst überflügelt. So war er 1982 der erste Schweizer auf dem 8091 Meter hohen Annapurna I in Nepal: «Das war meine eindrücklichste und gefährlichste Gipfelbesteigung.» Heute gilt der Berg als der tückischste 8000er, doch das wusste Hägler damals nicht. Erst die täglichen Stürme und Lawinenniedergänge machten ihm die Risiken so richtig bewusst. Und das international zusammengesetzte Team unter österreichischer Leitung musste seinen Tribut zahlen: Ein Teammitglied starb an Erschöpfung und wurde auf über 7000 Metern in einer Gletscherspalte beigesetzt, ein Sherpa blieb verschollen. Hägler: «Das ist mir sehr eingefahren. Aber wir waren alle so mit uns beschäftigt, dass wir das verdrängt und erst später aufgearbeitet haben.»

Auch beim zweiten Achttausender, dem in Pakistan gelegenen Broad Peak, den Hägler als Führer einer Dreier-Seilschaft zwei Jahre später bestieg, ging es um Leben und Tod: Beim Abstieg in der plötzlich aufgezogenen Schlechtwetterfront stürzte ein Kollege ab, die anderen beiden verbrachten die Nacht in einem Notbiwak auf 7600 Metern über Meer mit der Devise, nicht einzuschlafen, da sie sonst erfroren wären. Am anderen Tag, so erzählt Hägler, hätten sie sich auf die Suche nach ihrem abgestürzten Kollegen gemacht, den sie tot wähnten. Zuerst fanden sie einen Skistock, dann den nur leicht verletzten Seilschaft-Partner. Hägler: «Die Situation war surreal. Wir drückten ihm den Skistock in die Hand, er lief hinter uns her und wir wechselten in unserem Erschöpfungszustand kein Wort, bis wir im Basis-Lager waren. Wir wollten nur noch hinunter in die Sicherheit.»

Wenn es nach Hägler alleine gegangen wäre, hätte er noch ein paar 8000er in Angriff genommen. Aber ein Abkommen mit seiner Frau lautete: Sobald sie eine Familie gründen, ist Schluss mit derartigen Touren, bis das jüngste Kind 16 Jahre alt ist. Inzwischen sind Häglers drei Söhne alle erwachsen, trotzdem sagt er: «Das Thema 8000er-Besteigung ist für mich abgeschlossen. Zwar würde es körperlich vielleicht noch gehen, aber das Risiko wächst mit zunehmendem Alter. Und eine Besteigung mit Sauerstoffflasche kommt für mich nicht infrage.»

Hägler, der mit 16 Jahren mit dem Strahlhorn seinen ersten 4000er erklomm und in den nächsten 13 Jahren sämtliche Schweizer Gipfel über 4000 Metern bestieg, fiel aber auch während seiner Zeit als Vater nie in alpinistisches Eunuchentum: Er erkletterte in den letzten zwei Dutzend Jahren nebst vielen Alpengipfeln auch zahlreiche Berge zwischen 5000 und 7000 Metern Höhe in Afrika, Asien sowie Nord- und Südamerika. Zum Reiz des Bergsteigens sagt Hägler: «Eine Expedition ist immer zweierlei: ein alpinistisches Abenteuer und das Eintauchen in eine eigene Flora und Fauna. Diese Kombination fasziniert mich.» Dazu kämen manchmal kulturelle Highlights wie in West-Papua: «Dort begegneten wir dem Steinzeitalter mit Leuten, die auf einfachste Weise lebten, noch nie einen Weissen gesehen haben und zu Kannibalen wurden, wenn sie Vertreter von feindlichen Clans verspeisten.»

Auf Post wurde er zum «Profi»

Hägler war bis vor drei Jahren, als eine Hüftgelenkoperation diese sportliche Schiene stoppte, auch noch ein sehr erfolgreicher Orientierungsläufer, der es bis zum Vize-Schweizer-Meister brachte. Zudem wirkte er als Trainer, unter anderem auch als Assistent des Nationalcoachs. Die Kombination von Bergsteigen und Orientierungslauf sei ideal: « Es sind beides Individualsportarten in der Natur mit Karte und Kompass. Und ich profitierte als Orientierungsläufer vom Bergsteigen und umgekehrt: Beim Bergsteigen holte ich mir die Härte und Leidensfähigkeit, beim OL die läuferischen Fähigkeiten und die Kondition.»

Kein Wunder, flog Hägler, der ganz auf die beiden Sportarten setzte, in jungen Jahren aus dem Gymnasium. Danach arbeitete er bei der Post und aus dieser Zeit stammt sein bis heute gebräuchlicher Übername «Profi». Dazu Hägler: «Ich bin damals immer gerannt - tagsüber habe ich im Laufschritt die Postpakete verteilt, abends habe ich sehr viel trainiert.» Trotzdem erwischte er damals die berufliche Kurve doch noch, schaffte die Matur und liess sich zum Primarlehrer ausbilden. Bis zum letzten Tag seiner vorzeitigen Pensionierung im letzten Sommer habe er «sehr gerne» mit den Kindern gearbeitet. Zu seiner eigenen Kindheit sagt Hägler: «Ich war ein sehr freiheitsliebendes und bewegungsfreudiges Kind. Mit den heutigen Massstäben gemessen wäre ich hochgradig therapiebedürftig gewesen.»

Sowohl als Lehrer wie als Sportler kam Hägler in all den Jahren noch eine weitere Fähigkeit zugute: Er ist ein sehr guter Comic-Zeichner und Karikaturist. Schon fast Kultcharakter geniessen in den jeweiligen Szenen seine «Brockhaus» zu Schule, OL und Bergsteigen, mit denen er sich übrigens ein Stück weit auch seine teuren Touren – die Broad-Peak-Besteigung etwa kostete 15'000 Franken – finanzierte.

Seinen Humor und sportlichen Ehrgeiz paarte Hägler im Projekt «Everest light» im Jahr 1996: Um einem Kollegen, der grossspurig einen entsprechenden Weltrekord im Bündnerland ankündigte, zuvorzukommen, lief er 24 Stunden lang von Reigoldswil auf die Wasserfallen und schaffte so den inoffiziellen Weltrekord, den 8'910 Meter hohen Mount Everest in einem Tag absolviert zu haben. Hinunter rannte er oder nahm während der Öffnungszeiten die Gondelbahn. Der Bahnmitarbeiter an der Bergstation habe nur verständnislos den Kopf geschüttelt, als er bei der ersten Talfahrt ankündete, dass er noch mindestens zehnmal komme, erzählt Hägler lachend.

Und hat er sich nun mit der 1'000. Gipfelbesteigung auf das Schilthorn alpinistisch ausgelebt? «Nein, ich sehe überall etwas, das mich auch noch reizen würde. So etwa die 1'000 Möglichkeiten in Alaska oder die Region Kamtschatka in Russland mit ihren fantastischen Vulkanen und den vielen Bären. «Am liebsten aber würde ich sofort in die Antarktis gehen, wo ich noch nie war. Aber eine solche Expedition kostet mindestens 40'000 Franken.» Ein «Profi» wie Hägler hat eben nie ausgeträumt.

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