Coronavirus
Alterszentrum Birsfelden verzeichnet einen Zehntel aller Baselbieter Corona-Todesfälle

Im Alterszentrum Birsfelden häufen sich die Coronafälle. Kanton und Heimleitung zeigen sich aber zufrieden mit ihrer Arbeit.

Silvana Schreier, Nora Bader
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Im Alterszentrum Birsfelden sind in der zweiten Pandemiewelle 17 Personen mit einer Covid-19-Infektion verstorben.

Im Alterszentrum Birsfelden sind in der zweiten Pandemiewelle 17 Personen mit einer Covid-19-Infektion verstorben.

Juri Junkov

164 – so viele Menschen starben bisher im Baselbiet an den Folgen einer Coronainfektion. Fast 10 Prozent davon lebten bis zu ihrem Tod im Alterszentrum Birsfelden. Diese 17 Menschen verstarben in den vergangenen sechs Wochen. Während das Alterszentrum mit 170 Bewohnenden von der ersten Coronawelle verschont geblieben war, wurde es von der zweiten umso stärker erfasst.

Den ersten Coronafall verzeichnete die Heimleitung am 3. November. Der Ausbruch geschah auf der Demenzabteilung. Geschäftsleiter Thomas Giudici erklärt: «Gerade dort können die Schutzmassnahmen, die eine Verbreitung des Virus verhindern sollten, kaum eingehalten werden.» Die Maskenpflicht würde nur teilweise eingehalten und die Menschen bräuchten körperliche Zuwendung.

Die rund 30 Bewohnenden hätten sich deshalb gegenseitig angesteckt, was zu mehreren Todesfällen geführt habe, so Giudici, der eigentlich in den Ferien weilt. Trotzdem – das zeigen die Zahlen, die der bz vorliegen – wurden in den zwei Wochen nach dem ersten Fall nur vier Coronatests durchgeführt.

Über 50 Coronafälle trotz Besuchsverbot

Erst am 27. und 28. November wurden erstmals alle Bewohnenden und Mitarbeitenden der Demenzabteilung und derjenigen gleich daneben auf das Coronavirus getestet. Das Resultat: Die Gesamtzahl stieg auf 30 Fälle. Giudici betont: «Wir haben sämtliche Schutzmassnahmen sehr strikt umgesetzt.» Am 5. Dezember wurde ein Besuchs- und Ausgangsverbot für das gesamte Alterszentrum verhängt.

Wir sind zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Hätten wir etwas anders machen können, hätten wir dies getan.

(Quelle: Thomas Giudici, Alterszentrum Birsfelden)

Trotzdem verbreitete sich das Virus weiter: Erst am 7. Dezember – über einen Monat nach dem ersten Fall – wurden dann alle Bewohnenden und Mitarbeitenden getestet. Über 50 Personen waren zu diesem Zeitpunkt infiziert. Am 21. Dezember wiederholte man den Massentest. Dennoch beschloss die Leitung des Alterszentrums, die Massnahmen während der Weihnachtsfeiertage zu lockern: Besuche in den Begegnungszonen, Spaziergänge auf dem Gelände wurden ermöglicht. Teilweise waren gar Treffen in den Zimmern der Bewohnenden oder zu Hause bei den Angehörigen erlaubt.

Übersterblichkeit in diesem Jahr

Es stellt sich die Frage: Hätte man in Birsfelden schneller reagieren müssen? Hätte es mehr Tests gebraucht? Giudici sagt: «Wir sind zufrieden damit, wie es gelaufen ist. Hätten wir etwas anders machen können, hätten wir dies getan.» Dass 17 Personen im Alterszentrum Birsfelden verstarben, beurteilt er nüchtern. Bedauern oder Reflexion äussert er nicht. «Während desselben Zeitraums im Vorjahr hatten wir sieben Todesfälle. Klar, wir haben dieses Jahr eine Übersterblichkeit», so Giudici.

Da viele Fälle in der Demenzabteilung auftraten, hätten weitere Massnahmen auch nichts genützt. Ausserdem sei der Kanton Baselland für die Anordnung der Coronatests zuständig, und dieser habe die Arbeit des Alterszentrums gelobt.

Lage in Altersheimen ist angespannt

Der Kanton bestätigt auf Anfrage: «Die Zusammenarbeit mit dem genannten Alterszentrum ist sehr zielführend», sagt Roman Häring vom Baselbieter Krisenstab. Dass sich der Krisenstab selbst um die Anfrage kümmerte, zeigt, welche Tragweite die Situation im Birsfelder Alterszentrum hat. Der Kantonsarzt Samuel Erny war gestern für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Man habe Kenntnis von der Situation in Birsfelden, so Häring weiter. «Alle Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19 werden uns gemeldet und sind uns somit bekannt.» Generell sei die Situation in den Baselbieter Alters- und Pflegeheimen nach wie vor angespannt. Der kantonsärztliche Dienst ordnet laut Häring je nach Situation Massnahmen an und begleitet die Institutionen bis hin zu täglichen Lagebeurteilungen vor Ort und situationsgerechten Anpassungen von Massnahmen.

Nur ein schwacher Trost für Betroffene

Auf die Frage, ob man die Todesfälle mit verstärkten Massnahmen hätte verhindern können, wollen weder Heimleiter Giudici noch Stabschef Häring konkret Stellung nehmen. «Die Anordnung von Massnahmen ist immer ein Balance-Akt von Selbstbestimmung, Gewährung von sozialen Kontakten und den epidemiologischen Massnahmen zum Schutz der Gesundheit und zur Eindämmung der Virusausbreitung», so Häring. Die Anweisung zur Durchführung von Testungen sowie der Entscheid, wann Nachtestungen erfolgen und in welchem Abstand, würden von Fachpersonen des Infektionsschutzes nach wissenschaftlichen Kriterien der Pandemiebewältigung getroffen.

Für die Angehörigen von Bewohnenden in Alters- und Pflegeheimen oder gar von Verstorbenen dürfte dies ein schwacher Trost sein.