Laufental
25 Jahre nach dem Kantonswechsel: Manche Wunden klaffen noch

Eines neues Buch blickt auf den Laufentaler Kantonswechsel 1994 aus heutiger Perspektive zurück. Die unterlegenen Proberner kommen darin ebenso ausführlich zum Zug wie die siegreichen Probaselbieter.

Bojan Stula
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Die spätere Laufner Stadträtin Sabine Asprion führt als Fahnenträgerin den Siegeszug nach der Abstimmung am 12. November 1989 an. (zvg / keystone)
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Im Laufner Café-Bäckerei Zemp, dem Lokal der Berntreuen, servierten die Angestellten zeitweise mit dem Berner Wappen auf der Brust. (zvg / Hanspeter Steiner)
Selbst bei der Übertrittsfeier der Probaselbieter in der Neujahrsnacht 1994 im Gymnasium Laufen ging es noch hoch zu und her. (zvg / keystone)
Kantonswechsel Laufen
Vielleicht trugen auch die einprägsameren Abstimmungsparolen zum finalen Sieg der Probaselbieter bei: «Bern ist fern, das Ja liegt nah»...
...und «Mitenand für Baselland» zündeten viel stärker als die umständliche Bildsprache einer «Genmanipulation» der Berntreuen. (zvg / Hanspeter Steiner)
Bei der ersten Laufental-Abstimmung sprachen sich noch 57 Prozent der Laufentaler für den Verbleib bei Bern aus. (zvg / keystone / Aesch, 11. September 1983)
Diesen Sonntag öffnet die Ausstellung zum Kantonswechsel im Laufentaler Heimatmuseum.
Dort wird auch die Chronologie-Tafel gezeigt.
Das Buch «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Herausgegeben von Dimitri Hofer. Diverse Autoren. Kulturbuchverlag Herausgeber und Museum Laufental, 2019. Preis: 29 Franken. Das Buch kann im Museum Laufental, im Milchhüüsli Laufen, auf der Laufner Stadtverwaltung, im Buchhandel oder beim Verlag (www.herausgeber.ch) erworben werden. Das Museum hat jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Daten findet man unter www.museum-laufental.ch.

Die spätere Laufner Stadträtin Sabine Asprion führt als Fahnenträgerin den Siegeszug nach der Abstimmung am 12. November 1989 an. (zvg / keystone)

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Noch immer senken die beiden alten Proberner die Stimmen, wenn einer von «denen» das Café Zemp betritt und sich an den Nebentisch setzt. Eben einer von denen, die vor mehr als 30 Jahren zur Gegenseite gehörten und für den Kantonswechsel zum Baselbiet weibelten. Damals hätte sich niemals ein Probaselbieter ins «Zemp» an der Laufner Hauptgasse getraut, empören sich die beiden Rentner.

Denn dieses war das bekannte Stammlokal der Berntreuen; Patisserie mit Berner Wappen und Verkäuferinnen in Bern-T-Shirts inklusive. Fortan flüstern die beiden nur noch miteinander, damit der Mann am Nebentisch nicht mithören kann.

 Die Chronologie der Laufental-Frage 1.2

Die Chronologie der Laufental-Frage 1.2

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 Die Chronologie der Laufental-Frage 1.2

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Viele ausdrucksstarke Bilder

Die vom «Berner Zeitung»-Journalisten Stefan von Bergen geschilderte Gesprächsszene stammt aus dem soeben erschienenen Buch «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Das 128 Seiten umfassende Werk ist gespickt mit solchen Passagen, die nicht nur von damals erzählen, sondern insbesondere aufzeigen, wie heute von damals gesprochen wird. Im gleichen Atemzug wie die Texte muss die reichhaltige Illustration des Buchs hevor gehoben werden. Profi-Fotografen und Privatpersonen haben viele Dutzend ausdrucksstarke Bilder zur Verfügung gestellt: von der Zeit vor der zweiten Laufentalabstimmung 1989, vom Abstimmungskampf selbst und selbstverständlich von den Jubelfeiern der Sieger und dem Trübsal der Verlierer.

Die auf jedem Foto deutlich erkennbare Intensität und Leidenschaft des Ringens um die «richtige» Kantonszugehörigkeit dürfte für die Nachgeborenen nur schwer nachvollziehbar sein. Wenn es um den Kampf für die eigenen Rechte gehe, seien im Vergleich zu den Laufentalern selbst die Oberbaselbieter Rampasse bloss «Schulbuben», spottet der Laufner FDP-Politiker und langjährige Landrat Rolf Richterich im Interview. Gleichzeitig redet Richterich, damals ein überzeugter Proberner, von nicht gehaltenen Versprechungen des Kantons Baselland, habe dieser doch nach der zehnjährigen Übergangsphase rasch mit dem Abbau von Verwaltungseinheiten in Laufen begonnen.

Die Ausstellung zum Buch – oder umgekehrt im Museum Laufental

Was war zuerst da: die Idee zum Buch oder die Idee zur Museumsausstellung? Dimitri Hofer weiss es nicht mehr. Klar ist einzig, dass im Gespräch mit Lokalhistoriker und Publizist Linard Candreia der Gedanke geboren wurde, «etwas zum Jubiläum 25 Jahre Kantonswechsel zu machen». Man könne nicht ein Laufentaler Heimatmuseum betreiben, ohne je zum wichtigsten Datum der jüngeren Geschichte ausgestellt zu haben, findet Hofer. Es ist kein Zufall, dass der Laufner Journalist nun sowohl als Herausgeber des Buchs «Von Bern zu Baselland» als auch als Macher der gleichnamigen Ausstellung im Laufentaler Heimatmuseum fungiert. Als ehrenamtlicher Museumsmitarbeiter mit besten Kontakten zur Laufner Kulturszene war es für Hofer ein Leichtes, die entsprechenden Beziehungen spielen zu lassen und versierte Autorinnen und Autoren zu rekrutieren. In Daniel Gaberell vom Langenthaler Kulturbuchverlag Herausgeber fand er einen in Laufentaler Publikationen beschlagenen Editor. Fast gleichzeitig mit dem Buch über den Kantonswechsel erscheint bei Gaberell der Fotoband von Kurt Hamann über die Tier- und Naturwelten des Laufentals.

Ist das Buch «Von Bern zu Baselland» bereits überaus reichhaltig dokumentiert, werden in der Ausstellung zahlreiche weitere Objekte, vom Abstimmungskleber bis zur Leuchtschrift des einstigen Berner Polizeipostens, gezeigt. Hofer hält es für bemerkenswert, dass sich keine einzige der für zur Leihgabe von Erinnerungsstücken angefragten Personen geweigert hätte, die Ausstellung zu unterstützen. Entsprechende Befürchtungen im Vorfeld, mit dem Projekt alte Wunden aufzureissen, erwiesen sich als unbegründet.

Die Vernissage und Ausstellungseröffnung findet diesen Sonntag, 24. November, um 11 Uhr im Laufentaler Heimatmuseum am Helye-Platz 2 in Laufen statt. Die Bevölkerung ist dazu herzlich eingeladen.

Positiver Eindruck überwiegt

Doch stellen solche Aussagen ebenso die Ausnahme dar, wie die zu Beginn beschriebene Tuschelszene unter ehemals bitter Verfeindeten. Der Eindruck, der nach der Lektüre des Buchs vorherrscht, ist viel mehr: Die Laufentaler Bevölkerung hat sich mit dem Kantonswechsel nicht nur abgefunden, sondern sie lebt auch überdurchschnittlich gut als Teil des Baselbiets. Dies führt etwa Stephan Mathis in einem weiteren Interview aus. Der heutige Generalsekretär der Sicherheitsdirektion war damals der «Mister Laufental» der Baselbieter Verwaltung und hält den Vollzug des Kantonswechsels für eine «grandiose staatspolitische Leistung».

Die beiden Probaselbieter Remo Oser und Heinz Aebi stellen der einstigen Vernachlässigung als Berner Randbezirk die aktuelle Stärkung der Regionen und Gemeinden in der heutigen Kantonalpolitik entgegen und ziehen eine ebenso positive Bilanz nach einem Vierteljahrhundert wie Mathis oder Laufens Stadtpräsident Alex Imhof. Letzterer merkt an, dass auch im Kanton Bern «die Zeit läuft» und selbst ohne Kantonswechsel nicht alles beim Alten geblieben wäre. Den Ausbau der Bahn- und Strasseninfrastruktur hält Imhof für die aktuell wichtigsten Herausforderungen des Laufentals.

Spätestens an dieser Stelle muss folgende Klärung erfolgen: Dimitri Hofer, der Herausgeber und Ausstellungsmacher von «Von Bern zu Baselland», ist Lokalredaktor der bz in Liestal. Der Autor dieser Besprechung hat als bz-Redaktionsleiter ebenfalls einen Text zum Buch beigesteuert. Eine völlig neutrale Rezension kann die bz-Leserschaft an dieser Stelle also nicht erwarten. Doch garantieren andere, namhaftere Autoren für die aussergewöhnliche Authentizität dieser im Kulturbuchverlag Herausgeber erschienenen Publikation.

Das Buch «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Herausgegeben von Dimitri Hofer. Diverse Autoren. Kulturbuchverlag Herausgeber und Museum Laufental, 2019. Preis: 29 Franken. Das Buch kann im Museum Laufental, im Milchhüüsli Laufen, auf der Laufner Stadtverwaltung, im Buchhandel oder beim Verlag (www.herausgeber.ch) erworben werden. Das Museum hat jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Daten findet man unter www.museum-laufental.ch.

Das Buch «Von Bern zu Baselland. Als das Laufental vor 25 Jahren in die Geschichtsbücher einzog». Herausgegeben von Dimitri Hofer. Diverse Autoren. Kulturbuchverlag Herausgeber und Museum Laufental, 2019. Preis: 29 Franken. Das Buch kann im Museum Laufental, im Milchhüüsli Laufen, auf der Laufner Stadtverwaltung, im Buchhandel oder beim Verlag (www.herausgeber.ch) erworben werden. Das Museum hat jeden ersten und dritten Sonntag im Monat von 14.00 bis 16.30 Uhr geöffnet. Die Daten findet man unter www.museum-laufental.ch.

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Eng mit den Béliers verbandelt

Die SP-Politikerin und Stadträtin Sabine Asprion erklärt endlich, wieso auf den Demonstrationsbildern von damals immer so viele Jura-Fahnen zu sehen sind - weil der Verein Junge Kraft Laufental, dem «Fahnenverbrennerin» Asprion als junges Mädchen angehörte, eng mit den Béliers verbandelt war.

Der Historiker Georg Kreis seziert die Frage nach der heutigen Relevanz einer bestimmten Kantonszugehörigkeit. Hier erkennt der ehemalige Leiter des universitären Basler Europainstituts die wachsende Bedeutung der regionalen Zugehörigkeit. Wären die Bezirksstrukturen gewahrt worden, hätten sich die Laufentaler Stimmberechtigten sogar noch lieber als fürs Baselbiet für einen Grosskanton Nordwestschweiz samt Schwarzbubenland und Fricktal ausgesprochen, lautet Kreis' These.

Während der St. Galler Rechtsgelehrte Kaspar Noser die Behandlung der Laufentalfrage vor Bundesgericht nachzeichnet, beschreibt der damalige Whistleblower Rudolf Hafner, wie er als Revisor der kantonalen Finanzkontrolle die Berner Finanzaffäre ins Rollen brachte, die zur Wiederholung der ersten Laufental-Abstimmung von 1983 führte - ein besonders aufschlussreiches Stück des Buchs.

Sekundarlehrer, Publizist und SP-Landrat Linard Candreia schliesslich hat amüsante Anekdoten rund um den Kantonswechsel zusammengetragen.

Eine bemerkenswerte Bestandesaufnahme

Ist «Von Bern zu Baselland» die definitive Publikation zum Kantonswechsel? Bestimmt nicht. Denn es ist kein wissenschaftliches Werk, ja nicht einmal ein «Geschichtsbuch» im herkömmlichen Sinne. Vielmehr ist es den Machern gelungen, eine sehr lesens- und betrachtenswerte Bestandesaufnahme vorzunehmen. Die Einordnung der damaligen Vorgänge erfolgt mit der Erfahrung von einem Vierteljahrhundert gelebten Alltags unter den neuen Kantonsfarben.

Dass darin die Passagen zum Spital Laufen bereits wieder von der Tagespolitik überholt worden sind, obschon der Redaktionsschluss des Buches nur wenige Monate zurückliegt, zeugt von der Dynamik, mit der sich das Laufental auch im zweiten Jahrzehnt des dritten Jahrtausends weiterentwickelt.