Passerelle Pratteln

Wird sie unter Schutz gestellt oder muss sie einer Velounterführung weichen?

Für manche eine velountaugliche Überquerung, für andere ein wertvolles Baudenkmal: Die Passerelle in Pratteln.

Für manche eine velountaugliche Überquerung, für andere ein wertvolles Baudenkmal: Die Passerelle in Pratteln.

Der Knick macht die Passerelle wertvoll. Die Bahnüberführung in Pratteln soll unter Denkmalschutz gestellt werden – mit Folgen.

Durchschnittlich 175 Fussgänger täglich benützen die Passerelle über die SBB-Gleise östlich des Bahnhofs Pratteln. Die wenigsten dürften sich bewusst sein, was für ein Bauwerk sie betreten. Gebaut wurde die Metallbrücke im Jahr 1913 wenige Meter von der Stelle, wo sich die Bahnlinie teilt, nach Norden in Richtung Rheinfelden und nach Süden in Richtung Liestal. Diese Lage macht die Brücke speziell. Sie quert die beiden Linien nämlich jeweils im rechten Winkel, weshalb sie in der Mitte einen leichten Knick aufweist.

Deshalb, aber auch wegen der nahezu originalen Bausubstanz und der speziellen Konstruktionsweise, kommt ein unabhängiges Gutachten zum Schluss, dass die Passerelle als schutzwürdiges Objekt von regionaler Bedeutung gelten könnte. Die SBB und die Baselbieter Denkmalpflege prüfen deshalb, ob die Passerelle unter kantonalen Schutz gestellt werden soll. Dafür hat der Prattler Gemeinderat Urs Hess (SVP) wenig Verständnis. Ihm schwebt nämlich an der Stelle der Passerelle eine velotaugliche Unterführung vor.

Damit würde der Wille des Einwohnerrats berücksichtigt, der verlangt hat, man solle eine bessere Erschliessung von Pratteln Nord für den Langsamverkehr prüfen. Angesichts der geplanten Wohnquartiere nördlich der Bahnlinie war dieses Anliegen parteiübergreifend unbestritten. Die Idee der Gemeinde, die Brücke abzureissen, hätten die SBB anfänglich begrüsst, sagt Hess. «Aber jetzt steht sie sich selber im Weg.» Und es hänge viel davon ab, ob die Passerelle stehen bleibe oder nicht.

Tramunterführung könnte velofreundlich werden

Alternativ wäre nämlich möglich, die bereits existierende Strassenunterführung Schlossstrasse-Gallenweg velofreundlicher zu gestalten, wenn dort eines Tages das Tram nach Salina Raurica gebaut wird. Dann bräuchte es keine Unterführung bei der Passerelle. «Aber die Gemeinde will nicht gleichzeitig an zwei Orten die Planung einer Velounterführung vorantreiben», sagt Hess. Kommt hinzu: Das Bundesgericht ordnete fürs Gewerbegebiet Grüssen faktisch einen Baustopp an, solange dieses nicht besser mit dem Velo erreichbar sei. Und von der Passerelle führt eine ideale Veloroute zum Grüssen.

All diese Planungsüberlegungen sind aber vergeblich, wenn der Kanton die Passerelle unter Denkmalschutz stellt. Zwar sind weder SBB noch die kantonale Denkmalpflege dagegen, dass bei der Passerelle eine Unterführung gebaut wird. Doch für Hess ist eine solche Doppelspurigkeit wenig sinnvoll, da zu teuer. Die Metallbrücke müsste nämlich saniert werden, was gemäss SBB ungefähr 1,2 Millionen Franken kosten würde. Zahlen müsste das gemäss einem Vertrag aus dem Jahr 1913 zu zwei Dritteln Pratteln, zu einem Drittel die SBB.

Die Überprüfung der Unterschutzstellung dauert noch rund ein Jahr. Dass die Prattler Passerelle geschützt wird, ist durchaus realistisch. Laut der Denkmalpflege gibt es im Kanton «keine vergleichbaren Bauwerke». Und auch die SBB prüfen den Wert des Bauwerks gewissenhaft im Rahmen eines gesamtschweizerischen Inventars der nationalen Fussgänger-Überführungen.

Die SBB-Medienstelle schreibt, im Portfolio des Bahnunternehmens seien im Moment 29 Metall-Passerellen mit dem Baujahr 1897–1936. «Viele davon sind denkmalpflegerisch eingestuft.»

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