Corona-Rebellen

Treiber und Getriebene: Ein Blick in die Szenen der Corona-Skeptiker

Ein Mann, der letzten Samstag an der Demonstration teilgenommen hat.

Ein Mann, der letzten Samstag an der Demonstration teilgenommen hat.

Sie kämpfen für die Versammlungsfreiheit, die sie noch nie nutzten: Die Corona-Rebellen sind eine spezielle Randerscheinung der Krise. Doch so klein, wie ihr öffentlicher Auftritt vermuten lässt, ist die Szene mit rechtsextremen Bezügen nicht. Der erste Teil einer Recherche der «Schweiz am Wochenende».

Zögerlich. Anders lässt sich die unsortierte Ansammlung von Menschen nicht beschreiben. Dort ein Transparent und da ein bemaltes T-Shirt; ein Mann mit Alu-Bommel um den Hals hält ein Schild hoch bis irgendwann ein paar Frauen «Die Gedanken sind frei» und dann «Dona Nobis Pacem» anstimmen. Die Menschen rundherum sind in Shoppinglaune an diesem Samstagnachmittag, und ohne die markigen Worte des Polizei-Einsatzleiters würden viele nicht bemerken, dass da mitten unter ihnen eine Demo stattfindet.

Lange scheint es, als wären am vergangenen Samstag nur Vereinzelte den Aufrufen in Sozialen Medien gefolgt, auf dem Basler Marktplatz einzustehen für – ja, für was eigentlich? Für eine breite Palette von Anliegen, für Grundrechte und gegen Gates, für selbstbezogene Freiheiten und gegen die Pflicht, ein Mittel zu impfen, das es vielleicht gar nie geben wird. So diffus ihre Manifestation, so real ist die Angst dieser «Corona-Rebellen». Die sich, anders als der Name vermuten lässt, nicht gegen eine Krankheit auflehnen, sondern gegen die Massnahmen dagegen. Darin ist ihr grösster Verbindungsmoment: Corona ist überschätzt.

Man könnte sie entweder als Krisenneurotiker abtun oder sie als Verfechter der Demokratie bejubeln, doch beides greift zu kurz: zu heterogen ist diese Gruppe und zu unsortiert sind ihre Forderungen, als dass ein Urteil überhaupt möglich wäre. Zumindest an diesem Samstagnachmittag. Dennoch lassen sich unter den rund hundert Demonstranten die verschiedenen Arten von Menschen beobachten, die in unterschiedlichem Grad an der Pandemie zweifeln. Auch wenn sich nur wenige trauen, öffentlich zu protestieren: Gerade die Region Basel nimmt derzeit eine wichtige Rolle ein, wenn es darum geht, ein Potpourri aus Verschwörungsängsten, esoterischem Mumpitz und rechten Ideologien international zu verbreiten. Die «Schweiz am Wochenende» nahm die Demo von letztem Samstag zum Ausgangspunkt und spürte durch kleinere und grössere Szenen von Corona-Skeptikern, die einen vernetzt, die anderen völlig isoliert.

Die Demo-Organisatoren: Betroffene und Erweckte

Ein nicht unwesentlicher Teil von Corona-Zweiflern spricht sich über Telegram ab, eine kostenlose App zum Verschicken von Textnachrichten. Anders als Whatsapp funktioniert die App über einseitige Kanäle und riesige Gruppen, zu denen im Rahmen dieser Recherche auch die «Schweiz am Wochenende» Zugang hatte. Dazu gibt es einige Funktionen wie «Geheime Chats», die für anonyme Absprachen unter Gleichgesinnten besser taugen als Mails oder SMS. Sie nennen sich «Corona Rebellen Schweiz» und tauschen sich über Ideen im «Aktionsraum Basel» aus. Rund hundert Personen tummeln sich dort, in den nationalen Chats sind es gegen 2000. Hier teilen sie Links zu Youtube-Videos, Artikel aus Alternativmedien, persönliche Erlebnisse und Kettenbriefe. Alles darf Quelle sein, hinterfragt wird wenig, es sei denn, es steht im Verdacht, Mainstream zu sein. Das Themen-Spektrum ist riesig, fast alles kann eine Bedrohung sein. 5G-Antennen zählen dazu, Impfungen, Elon Musks Satelliten, Pestizide im Wasser, die WHO und die Pharma-Industrie, immer orchestriert von einem Staat hinter dem Staat und einer geheimen Weltordnung. In den Chats sprechen sich die Teilnehmenden über die nächsten Spaziergänge oder Mahnwachen ab, wie sie ihre Anti-Corona-Demos zu verschleiern versuchen. Diese Begriffe hat die Bewegung aus Deutschland übernommen. Dort verwenden sie Pegida- und AfD-nahe Kreise.

Ein Mitglied der ersten Stunde in der Basler Gruppe ist C. M. (Name geändert). Erst seit etwa drei Wochen auf Telegram unterwegs, hat sie die «Aktionsgruppe Basel» Anfang Mai mitbegründet und geniesst darum Administratorenrechte. Im realen Leben ist die 40-jährige Reinacherin Therapeutin und Mutter dreier Kinder. In ihrer Praxis im Baselbiet bietet sie «Bewusstseinscoaching und ganzheitliche Heilarbeit für Mütter und Kinder» an. Aufgrund ihres Berufs finde sie es wichtig, «dass man sich mehrere Seiten anhört». Ihre virtuelle Aktivität hat damit begonnen, dass sie die Zahlen rund um die mit Corona infizierten Personen oder die Sterberaten angezweifelt habe. «Darum habe ich angefangen, zu recherchieren», sagt C. M. Sie merkt, dass sie mit ihrer Haltung auf Widerstand stösst, doch sie wehrt sich gegen den Vorwürfe «Jeder, der sich gegen die Corona-Massnahmen ausspricht, wird sofort Verschwörungstheoretiker genannt.» Es ist ein wichtiges Charaktermerkmal: Niemand will als Verschwörungstheoretiker gelten und grenzt sich deshalb stark dagegen ab. Dennoch sagt C.M. : «Es gibt eine extreme Informationsflut und eine höhere Instanz diktiert den Massenmedien, was sie schreiben sollen.»

Was an der Demo auffällt, aber auch unter den Chat-Aktivisten: Für viele bedeutet die Corona-Krise die politische Erweckung, oft aus persönlicher Betroffenheit der Massnahmen. So auch bei T. F.* aus Birsfelden: Als Asthmatikerin müsste sie eigentlich zuhause bleiben. Da sie aber alleinstehend ist, halte sie dies kaum aus, sagt T. F.. Am Telefon ist sie den Tränen nahe. Die passionierte Zumba-Kursteilnehmerin vermisst die Gruppenkurse im Fitnesscenter und gesellige Abende in einem Restaurant.

Am vergangenen Samstag ging T. F. in Basel auf die Strasse: «Ich mache das Theater nicht mehr mit. Ich will meine Freiheit wieder haben», sagt sie. Seit der Demonstration ist sie auch in den Telegram-Chats aktiv. Es war ihre erste Kundgebung. Vor dem Virus hat T. F. keine Angst, «jede Grippe, jede Erkältung kann für mich gefährlich sein», sagt sie bestimmt. Viele der rund hundert Basler Rebellen lesen höchstens mit , doch einige beteiligen sich intensiv an den Diskussionen. Zu diesen gehört A. R. (Name geändert) aus Oberwil. Im Telegram-Chat für Basel trägt sie den Titel «telltreue Eidgenossin».

Auch das ist ein Merkmal der Corona-Rebellen: Vieles hat mindestens einen patriotischen bis nationalistischen Touch. Ob auf Kleidern oder Aufrufen, auffallend oft ist die Nationalflagge zu sehen. Auch das Symbol der Gruppe: ein weisses Kreuz und der Schriftzug BASEL. Wohl auch deshalb fühlen sich Rechtsaussen wie Ignaz Bearth hier zu Hause; oft postet er Videos, sie beginnen alle mit «Hallo liebe Patrioten». A.R. ist Administratorin in der Basler Gruppe und darf damit unerwünschte Personen aus der Gruppe werfen. Das droht jenen, die zu stark abweichen. Die Ironie fällt den Kämpfern für Meinungsfreiheit nicht auf. A.R. wirbt für T-Shirts, mit denen an den Mahnwachen für die Freiheit gekämpft werden soll. Mehrfach versucht sie, Ordnung in den chaotisch wirkenden Chat zu bringen und weist auf bevorstehende Veranstaltungen hin – seien es Treffen in der Schweiz oder Live-Streams auf Youtube.

Dann, vergangenen Montag, findet A. R. ein Thema, mit dem sie gleich mehrere Chat-Teilnehmer auf ihre Seite bringen kann: Wasser. In einem «Telebasel»-Bericht steht, dass die Pharmaindustrie «hohe Dosen an Medikamenten in den Rhein» leite. Daraufhin gehen die Wogen hoch, A. R. gründet einen eigenen Telegram-Kanal mit dem Titel «Gesundes-Wasser-Infokanal für Interessierte. 30 Abonnenten schliessen sich ihr an. Am Donnerstagabend hielten die Mitglieder eine Videokonferenz zum Thema ab. An vorderster Front mit dabei: Therapeutin C. M. aus Reinach. A. R. ist für die Informationen zuständig, C. M. bietet Anlagen zum Reinigen des Wassers an – ab 1500 Franken. Angesprochen auf ihre Rolle in der Bewegung der «Corona-Rebellen» blockt A. R. ab. Sie habe kein Interesse, mit Massenmedien darüber zu sprechen. Ähnlich regelmässig bewirtschaftet N. E. (Name geändert) sowohl den Basler als auch den nationalen Telegram-Chat der Corona-Rebellen. Auch sein Misstrauen gegenüber den «Mainstream-Medien», wie er sie nennt, ist gross. Seit rund zwei Monat bilde er sich sonst wie weiter.

Warum? «Ich habe gemerkt, dass die Medien alle voneinander abschreiben. Darum fing ich an, die Fakten zu checken», behauptet der Vater schulpflichtiger Kinder. Mit den Zahlen etwa zur Sterberate des Coronavirus werde gespielt, ist sich N. E. sicher. Manches in den Chats findet zwar auch er abstrus. «Aber warum muss es Verschwörungstheorien heissen und nicht Wahrheitsfindung?», fragt der Basler. Auf die Frage, ob er denn wisse, was wahr ist, sagt er: «Ich weiss es schlichtweg nicht.»

N. E. hat sich andere Quellen gesucht. Unter anderem entdeckte N. E. die «ExpressZeitung» für sich. «Als einziges Medium arbeiten sie gewisse Themen auf», sagt N. E. Dass die Printzeitung aus der Region Basel in der Vergangenheit durch umstrittene Inhalte aus dem rechtsextremen Milieu aufgefallen ist, wisse er nicht. Es sei ihm aber auch nicht wichtig: «Ich distanziere mich sowieso von politischen Richtungen, denn ich spüre einen starken Wunsch nach Vereinigung – unabhängig von Religion oder Politik», sagt N. E. Am liebsten möchte er die Uhr um drei Monate zurückdrehen. Er sehnt sich «zurück in die Normalität».

Die «Expresszeitung»: rechte Profiteure der Krise

Dass N.E. die «ExpressZeitung» erwähnt, ist symptomatisch. Die Zeitschrift erlebt dieser Tage eine spezielle Wende. Aus der rechtsextremen Nische heraus erschliesst sie sich dank Corona einer völlig neuen Leserschaft und gehört damit zu den Profiteuren der Krise. Seit 2016 wird das acht Mal pro Jahr erscheinende Blatt von André Barmettler und Ruben Buchwalder herausgegeben. Eine Adresse in Oberwil dient als Schaltzentrale. Im Februar deckte die SRF-Sendung «Rundschau» auf, dass der deutsche Neonazi Nikolai Nerling Beziehungen in die Schweiz pflegt. Konkret: zur «ExpressZeitung». Für jedes Abonnement, das er über seine Website verkauft, erhält Nerling Geld von Barmettler und Buchwalder.Im Impressum der «ExpressZeitung» sind mehrheitlich deutsche Autoren als Redaktionsmitglieder angegeben. Dazu gehören etwa Tilman Knechtel und Gerhard Wisnewski. Ersterer ist ein aktiver Youtuber. Seine Videos heissen «Die Corona-Religion» oder «Die Machtstrukturen hinter Corona – Sie wollen eine Weltregierung!». 107'000 Abonnenten schauen sich Knechtels Kanal regelmässig an. Der 33-Jährige lebt gemäss Berichten in der Schweiz. Die neuste Ausgabe der «ExpressZeitung» stammt fast ausschliesslich aus Knechtels Feder. Ungebremst breitet er seine Ansichten aus, zieht Verbindungen zwischen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Bill Gates und dem Coronavirus. Er kritisiert beispielsweise den deutschen Epidemiologen Christian Drosten. Bereits in der Vergangenheit konzentrierte er sich auf rechte Verschwörungstheorien.

Unter den Zweiflern, Verharmlosern und Leugnern der Krise kommt das gut an. Sie werden gezielt angesprochen – mit der 80-seitigen neusten Ausgabe, mit Facebook-Posts, Einträgen in den Telegram-Chats und Live-Videos auf Youtube. In der Schweiz und in Deutschland wird die «ExpressZeitung» als verlässlicher Informationskanal angepriesen. Der Telegram-Kanal des Mediums zählt über 20'000 Abonnenten. Der deutsche Kochbuchautor Attila Hildmann, eine Galionsfigur deutscher Corona-Skeptiker, steht in engem Kontakt mit den Herausgebern Barmettler und Buchwalder. Auf Telegram schreibt er seinen Followern: «40 Minuten mit Expresszeitung telefoniert. Sie stellen aktuell ihre Ausgabe zu Corona komplett kostenlos zur Verfügung und werden mir 5000 gedruckte Exemplare schicken für Demos».

Die «Schweiz am Wochenende» erreicht André Barmettler telefonisch. Er bestätigt, dass das Publikum gerade in Deutschland wächst. Auch teilt er vollumfänglich die Ansichten auf das Coronavirus und die damit verbundenen Massnahmen, die im Blatt wiedergegeben werden. Weiter will er aber nicht Stellung nehmen.

Inzwischen kämpft die Zeitung mit anderen Problemen: Es wird immer schwieriger, eine Druckerei für das Kampfblatt zu finden. Die «ExpressZeitung» wurde bis anhin in einem Tamedia-Druckzentrum hergestellt. Damit ist nun Schluss, wie Tamedia gegenüber der «Schweiz am Wochenende» bestätigt. «Entscheidend ist bei diesen Druckaufträgen in erster Linie, dass die Inhalte gesetzeskonform sind und die Integrität unserer Mitarbeitenden nicht verletzt wird», schreibt die Pressestelle. Der Vertrag wurde aufgelöst, da dies nicht mehr gegeben sei. Auch die Zehnder Print AG aus Wil, die Verpackung und Logistik für die Monatszeitschrift erledigten, kündigten aufgrund der Recherchen dieser Zeitung den Vertrag. Inhaber Andreas Zehnder sagt: «Ich fiel schier vom Stuhl, als ich sah, was in dieser Zeitung drin steht. Die Verbreitung des Gedankengutes der «ExpressZeitung» wollen wir nicht unterstützen.»

Die neuste Ausgabe der «ExpressZeitung» hat die ZT Medien AG gedruckt, die Partner von CH Media ist – zum Verlag gehört auch die «Schweiz am Wochenende». Roland Lustenberger, Geschäftsleiter der Abteilung ZT Print, bestätigt, dass die Druckerei in Zofingen den Auftrag neu übernommen hat. Inhaltlich und redaktionell sei die Firma aber nicht verantwortlich für das Medium.


Lesen Sie nächsten Samstag Teil II der Recherche: Streit unter Anthroposophen und renitente Freikirchen.

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