Analyse

Ständeratswahl Baselland: Klare Verhältnisse dank einer tragischen Figur

Die Grüne Maya Graf (Mitte) wird von Eric Nussbaumers Rückzug am meisten profitieren.

Die Grüne Maya Graf (Mitte) wird von Eric Nussbaumers Rückzug am meisten profitieren.

Eric Nussbaumer scheint stets am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen zu sein, kommentiert Bojan Stula. Da nach seinem Rückzug vor dem zweiten Wahlgang die Frauenfrage nun keine Rolle mehr spielen kann, liegen alle Vorteile bei Maya Graf.

Es ist schwierig, im Zusammenhang mit Eric Nussbaumer nicht den abgenutzten Begriff «tragische Figur» zu benützen. Der 59-jährige Liestaler wird sich dereinst wohl zum Abschluss seiner politischen Vita damit begnügen müssen, ein höchst einflussreicher und erfolgreicher Nationalrat gewesen zu sein – aber eben nicht mehr. Trotz hoher Sozial- und Dossier-Kompetenz, nie verlorener Bodenhaftung und Beredsamkeit scheint der Sozialdemokrat stets am falschen Ort zur falschen Zeit gewesen sein, wenn es um noch höhere politische Weihen ging.

Hauchdünner Vorsprung

2007 scheiterte Nussbaumer mit seiner ersten Regierungskandidatur am parteitaktischen Flop einer SP-Dreierliste. 2013 vermasselte ihm eine schwer nachvollziehbare GLP-Kandidatur den Wahlsieg im ersten Durchgang der Regierungsersatzwahl. Jetzt, im Herbst 2019, wurde ihm seine letzte Chance vorzeitig im Linksduell von einer Maya Graf zunichtegemacht. Neben ihrer Popularität erhielt diese zusätzlichen Rückenwind durch die politische Grosswetterlage – Stichworte Klimabewegung und Genderfrage. Selbst in SP-Hochburgen wie Münchenstein oder Muttenz konnte Nussbaumer die Sissacher Grüne nur um einige wenige Dutzend Stimmen distanzieren. Dagegen legte Graf nicht nur in ihren Oberbaselbieter Stammgebieten entscheidend vor, sondern schaffte auch in «grünen» Gemeinden wie Arlesheim Spitzenresultate. Bis zur Bekanntgabe des Schlussergebnisses lag Graf während des ganzen Sonntagnachmittags 1000 Stimmen vor dem Sozialdemokraten. Am Ende, kurz vor 16.30 Uhr, rettete sie genau 467 Stimmen Vorsprung ins Ziel. Gleichzeitig verzeichnete sie auf die Siegerin Daniela Schneeberger nur gerade 3500 Stimmen Rückstand.

Diese enge Ausmarchung wird Nussbaumer ebenso wenig trösten können wie die Genugtuung, als bestgewählter Kandidat aller Parteien seinen Sitz im Nationalrat zum dritten Mal klar verteidigt zu haben. Vorwürfe, im Wahlkampf irgendetwas fundamental Falsches getan zu haben, muss er sich keine machen. Nussbaumer wirkte stets staatsmännisch souverän und hellwach. Geschickt umwarb er die Mitte-Wählerschaft, indem er bei Wirtschafts- und Europathemen faktenstark und pragmatisch die konkreten Vorteile für die Region, etwa beim Euro-Airport oder EU-Rahmenabkommen aufzählte. Graf ihrerseits argumentierte unerbittlich im Sinne ihrer Gleichstellungs- und Umweltschutz-Überzeugungen. So sprach sie sich wegen der Brandrodungen im Amazonasgebiet gegen das Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten aus.

Alle Vorteile nun bei Graf

Damit stehen vor dem entscheidenden Durchgang am 24. November zwei Dinge fest: Der Landkanton wird erstmals in seiner Geschichte eine Frau ins «Stöckli» entsenden, und nach 12 Jahren wird diese Vertretung nicht mehr Mitglied der SP sein. So unbedarft dies nach diesem Wahlsonntag auch klingen mag, aber Grafs hauchdünner Sieg über Nussbaumer sorgt jetzt für eindeutige Verhältnisse. Der SP-Mann hat seine Niederlage fair akzeptiert und steht, wie angekündigt, für den zweiten Wahlgang nicht zur Verfügung. Im umgekehrten Fall hätte Graf wohl mit Verweis auf die Frauenfrage an ihrer Kandidatur festgehalten und eine linke Spaltung riskiert. Schneeberger wäre als lachende Dritte hervorgegangen.

Da die Frauenfrage nun keine Rolle mehr spielen kann, liegen alle Vorteile bei Maya Graf. Mit einer ähnlich starken linken Mobilisierung wie an diesem Sonntag würde der zweite Wahlgang für die Sissacher «Panaschierkönigin» zum Schaulaufen. Damit würden all jene Politikbeobachter recht behalten, welche schon vor drei Jahren Maya Graf als einzig mögliche nächste Baselbieter Ständerätin tituliert hatten.

Es wäre allerdings ein Fehler, Grafs und Nussbaumers gestrige Stimmen einfach zusammenzuzählen und die bürgerliche Kandidatin Schneeberger vorzeitig abzuschreiben. Die Chance der FDP-Frau liegt darin, jene Teile der Mitte-Links-Wählerschaft auf ihre Seite zu ziehen, die sich durch Grafs kompromisslose Umweltpositionen abgeschreckt fühlen könnten. Schliesslich schaffte schon einmal im Baselbiet ein Aussenseiter aufgrund einer bürgerlichen Trotzreaktion im zweiten Wahlgang die Wende: 2013 wurde SVP-Kandidat Thomas Weber Regierungsrat … gegen den haushoch favorisierten Eric Nussbaumer.

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