Neues Theater Dornach

Sie warten auf Godot, einmal mehr

Hier passt irgendwie nichts zusammen: Pozzo (l.) und Wladimir mit Arbeiterhose und Pailletten-Oberteil.

Hier passt irgendwie nichts zusammen: Pozzo (l.) und Wladimir mit Arbeiterhose und Pailletten-Oberteil.

Seit siebzig Jahren schaut das Publikum zwei alten Männern beim Warten zu. Nun auch in Dornach. Regisseur Georg Darvas inszeniert den Klassiker nahe an der Vorlage.

Drei Fragen stellen sich bei Samuel Becketts «Warten auf Godot»: Wer ist dieser Godot? Kommt er noch? Und wie soll man diesen brillanten Theaterklassiker, eines der meistgespielten Stücke, heute auf die Bühne bringen? Dazu später.

Es ist Premierenabend, die gelben Lampen beleuchten die Bühne des Neuen Theaters Dornach. Auf der Bühne steht – wie es Beckett vorschreibt – ein kahler Baum, eine Landstrasse, eine Hecke. Und zwei Männer, die warten. Sie tragen Kleidung, bei der nichts zusammenpasst: die Arbeiterhose nicht zum Paillettenpulli, der Melonenhut nicht zur coolen Jacke (Kostüme: Sophie Kellner). Und bei Estragon (Hansjürg Müller) passen nicht einmal die Füsse in die Schuhe. Ihm fehlt ein Zahn, und Wladimir (Vincent Leittersdorf) fehlen oftmals die richtigen Worte. Er sucht nach ihnen, Grimassen schneidend, versucht seinen hungrigen Gefährten aufzumuntern.

Dass die beiden trotz alledem nicht einfach albern wirken, liegt an ihrer Selbstironie und ihrer Eloquenz. Irgendwas müssen sie ja tun, während sie warten. Also reden sie über Radieschen, theologische Retterfiguren und Rüben. Gut möglich, dass es unter anderem auch das wiederholte Gespräch über die Farbe dieser Rüben ist, das diesem Stück den Ruf des Hauptwerks des absurden Theaters beschert hat.

«Giftzwerg, Rotzlöffel, Rindsknochen!»

Dabei ist es bei weitem nicht das absurdeste Theater aus Becketts Feder und folgt noch mehr als spätere Stücke einer konventionellen Dramaturgie. Etwa dann, wenn Pozzo und Lucky auftreten: Herr und Knecht. Andrea Bettini stolziert als Pozzo auf Plateauschuhen in den Raum und führt seinen Diener Lucky (Florian Müller-Morungen) an der Leine. Genüsslich verschlingt er seinen Pouletschenkel, während Lucky fast von der Erschöpfung der schweren Koffern zusammenbricht. Verblüffend, wie Bettini selbst in solch grausamen Rollen immer noch eine Spur sympathisch wirkt. «Denk, du Schwein!», befiehlt er seinem Diener. Luckys atemloser Monolog, der darauf folgt, eine Mischung aus Metaphysik, Poesie und Parodie, ist einer der Höhepunkte des Abends. Ein weiterer liegt im Zusammenspiel zwischen Leittersdorf und Müller. «Giftzwerg, Rotzlöffel, Rindsknochen, Scheisskerl, Oberforstinspektor!» beschimpfen sie einander, um sich kurz darauf wieder zu versöhnen.

Noch stärker als die lauten Szenen sind die leisen: Wie sie Hand in Hand vor dem Licht eines grossen Mondes stehen, der eine davon barfuss: Ein atmosphärisches Bild, das hängenbleibt. Müller berührt das Publikum mit einer fast nonchalanten Traurigkeit, Leittersdorf bringt es mit seiner Mimik zum Lachen. Beiden Figuren würde man gönnen, dass dieser Godot endlich auftaucht. Aber der schickt seinen Boten und vertröstet – auf morgen.

Was sagt uns das Stück nach 70 Jahren

Und wer ist er nun, Godot? Ist er Gott? Der Tod? Oder ist er ein Schlepper, der die beiden an einen besseren Ort bringen soll? Für diese Deutung spricht eine biografisch inspirierte Lesart. In einer früheren Fassung hiess Wladimir noch Levi. Beckett begann das Stück 1948, wenige Jahre, nachdem er nach einer Zeit in der Résistance gemeinsam mit jüdischen Geflüchteten in Frankreich als Feldarbeiter gearbeitet hatte. Einige von ihnen warteten auf Schlepper.

Was uns das Stück 70 Jahre nach seiner Niederschrift sagt, mit diese Frage lässt uns die Regie allein. Gerade die Schlepper-Thematik ist eine, die uns heute beschäftigt. Eine solche Akzentuierung wäre keinesfalls zwingend, aber möglich gewesen. Darvas’ Interpretation hingegen wirkt zeitlos. Trällerte Wladimir an einer Stelle nicht ein Lied von Grönemeyer, nichts würde verraten, dass wir uns im 21. Jahrhundert befinden. Nachvollziehbar, bei einem Stück, das unter anderem vom Fehlen von Gewissheit der allgemein menschlichen Existenz handelt.

Diese Zeitlosigkeit bietet uns bei einem Besuch die ganze Vielseitigkeit, die in dieser Tragikomödie steckt. Sie macht einen Besuch aber, hat man das Stück schon gesehen, auch weniger dringlich. 

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Weitere Aufführungsdaten:

- Do, 24. Oktober, 19.30 Uhr
- Fr, 25. Oktober, 19.30 Uhr
- So, 27. Oktober, 18 Uhr

Neues Theater
Bahnhofstraße 32
4143 Dornach

www.neuestheater.ch

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